Transsilvanischer Teufelssee

Julius lag in der Sonne, trank vielviel Bier und fand im Ficken3000 die Tür nach Transsilvanien.

Adam und Eva
Adam und Eva. Lucas Cranach der Ältere. Zu sehen in den Uffizien, Florenz.

Streiterei links, Streiterei rechts. Julius, gerade noch tagträumend im Limbus, zog das Shirt vom Gesicht, das ihn vor der gleißenden Sonne schützte, rieb sich die Augen, gähnte, stützte sich auf die Ellenbogen und schaute sich um. Links zankten sich zwei Sonnenanbeter wegen nicht besonders lautem, aber rundum hörbarem Gewummer aus einem Bluetooth-Lautsprecher, rechts, dort wo alle ins Wasser steigen, zoffte sich eine Gruppe wegen eines zotteligen Hundes, man möge das Viech doch bitteschön nicht inmitten all der Abkühlung Suchenden in den See springen lassen.
Ein gefundenes Fressen für die Platzhirsche, deren Haut nahtlos braungebrannt wie Bockwürste auf dem Grill, sicher schon seit dem ersten Sonnenstrahl im März ihr Revier abgesteckt mit Sonnenschirmen. Sie rotteten sich zusammen, kommentierten das Geschehen lauthals und kamen wie üblich einhellig zum Befund, dass hier, am Teufelssee im Grunewald, früher alles besser war.

Julius war schummerig, die unerwartete Hitze Ende Mai, seit zwei Stunden in der prallen Sonne liegend, er stand auf, schwankte kurz, stakste über die unebene Wiese, vorbei am Hundestreit, Kopfsprung ins Kühle – Ah! Blick in den Wald rundum, Blick auf das überfüllte Floß mitten im See, Blick auf die weißen Kugeln der Abhörstation auf dem Teufelsberg. Er floatete eine Weile auf dem Rücken, die Ohren unter Wasser, die plätschernde Ruhe, das Glitzern der Wasseroberfläche, bis die Kühle ins Blut drang, er zu frösteln anfing und zum Ufer planschte. Er watete an Land, nackig an den Nackigen vorbei, dachte kurz an sein kältebedingt geschrumpftes Schwänzchen, wunderte sich über sich selbst und die Vielfalt der menschlichen Körper um ihn herum, was schlaff hängen kann, hängt schlaff, was sich in Falten legen kann, legt sich in Falten. Da und dort ein Jugendlicher, alles straff, alles aufgepumt und eine Jugendliche, Busen wie Eva, fehlte nur der Apfel.

Julius war nicht das erste Mal am Teufelssee, aber zum ersten Mal ist er alleine hier, wo die Leute nackt baden – die Platzhirsche natürlich, finden unisono es badeten mittlerweile zu viele in Badehosen.
Woher kam seine Nonchalance, in der Mitte seines Lebens? Dieser Tatendrang, dieser Erlebnisdurst. Würde er als nächstes ein Motorrad kaufen und durch den Kaukasus nach China düsen? Wollte er nackig baden, solange seine Haut nicht an den Knochen wabelte? Eigentlich bedeutete ihm FKK nicht viel. In Berlin haben die Nackten überall, in fast jedem Park, an jedem Gewässer ihr Plätzchen, im Osten als Erbe der DDR, Freiheit dort, wo Freiheit möglich war. Ihm waren Männer in knappen, den Po straffenden Höschen à la Copacabana eigentlich lieber. Erotik ist eine Frage des gekonnten Verbergens, ein Nichts von einem Stöffchen regt die Fantasie mehr an als gar nichts am Arsch.

Julius legte sich aufs Badetuch, nahm seinen E-Book-Reader, praktisch, weil er die Schriftgröße so hochschrauben konnte, dass er keine Lesebrille brauchte, er war bei 14 Punkt, wenn das so weiterging bald bei einem Wort pro Seite.
Das Leben des Vernon Subutex, eine atemberaubend erzählte Paris-Geschichte voller schräger Figuren, schonungslose, manchmal vulgäre Sprache.
In diesem Roman geht die Fantasie mit den Männern durch, wenn sie Pamela Kant begegnen. Der ehemalige Pornostar ist Teil des Kreises, der sich täglich im Park Buttes-Chaumont um den inzwischen zum Guru avancierten Obdachlosen Vernon Subutex schart. Im Schlepptau von Pamela ist Daniel, ein Transmann, nicht weniger  fantasieanregend.

Julius packte seine Sachen zusammen, eine Stunde Heimradeln stand ihm bevor, unterwegs ein Ital Eis, zu Hause kurz duschen und los in die Hasenheide, wo er an der Hasenschenke mit Stef, einem Transsexuellen verabredet war, kürzlich kennengelernt, einseitig eindeutiges Angebot, Julius schreckte zurück. Er war schwul. Fand Stef durchaus attraktiv, er stand auf kleinere, burschikose und dennoch reife Männer.
Aber – da ist untenrum was anders. Wann ist ein Mann ein Mann?
Julius war nicht unbedingt schwanzfixiert. Er war a und p, top and bottom, er fickte und ließ sich ficken. Doch ging es ihm nicht primär ums Penetrieren, vielmehr suchte er das Drumrum, küssen, samtweiche Haut spüren, Lust in den Augen sehen, gemeinsam im Schweiß baden, unanständige Dinge ins Ohr flüstern, Finger hier, Finger da, Haare wuscheln, Achselhöhlen lecken, in Hälse beißen, keine Knutschflecken, nein.
Aber was um Himmels willen, sollte er mit einer Vulva anfangen? Er war doch schwul, nicht bi.

Er saß also mit Transmann Stef in der Hasenheide in den letzten Sonnenstrahlen, zwei Bier intus, Gespräch über Testosteron. Kürzlich hatte er Auszüge aus Testo Junkie von Paul B. Preciado (*) gelesen und sich genervt, weil sich Preciado im Selbstversuch Testosterongel auftrug, um sich dann reichlich klischiert männlich-fickrig zu gebärden. Stef spürte die Wirkung des Hormons durchaus auch, schrieb ihm aber eher Vergesslichkeit und eine gewisse emotionale Abhärtung zu.
Weiterer Gesprächsverlauf von Judith Butler zu nicht binärer Geschlechtlichkeit bis die Mücken allzu lästig wurden. Aufbruch.
Julius verabschiedete sich beim Parkausgang von Stef, kaufte bei einem der zahlreichen Dealer für einen Zehner Rauchwaren und schlenderte durch die schwüle Nacht (Ende Mai!) ins Ficken3000, dort war Dienstags 2 for 1 und immer schön hipsterig-voll.
Das dritte Bier trank er während eines Präventions-Gespräches mit einem Ehrenamtlichen von manCheck, der Kondome verteilte. Safety first.
Das vierte Bier trank er neben einem Künstler sitzend, eine Tüte drehend, bald waren sie totally stoned. Der Künstler war Schwede, machte Videoanimationen und Visuals für Clubs, lebte seit kurzem in Berlin und äußerte wie Julius ein kleines schlechtes Gewissen; anstatt fleißig zu arbeiten am See fläzen und sich bis weit nach Mitternacht in einer Bar zu betrinken. Berlin halt. Aber Künstler arbeiteten doch sowieso rund um die Uhr. Das Denken, über ein Werk, einen Text hörte gar nie auf. Schönreden half. Schließlich war Sommer und wer wusste schon, wie lange er noch (in Berlin) leben würde.

Gesellte sich ein Spanier an den Tisch, lächelnd, Paul, Julius, freut mich, freut mich. Filmemacher. Was für Filme? Dokumentationen.
Weil der Schwede zwar freundlich war, aber nicht flirtete, vielleicht auf schwedische Art, jedenfalls kamen bei Julius keine „ich werd’ verrückt wenn’s heut’ passiert“-Vibes an, wandte er sich dem zugänglicheren Spanier zu, Oberschenkel an Oberschenkel, Oberarm an Oberarm, Strom begann zu fließen, Julius wurde heiß und er spürte das fünfte Bier. Die Zeit galoppierte, er flüsterte dem Spanier ins Ohr, es gäbe zwei Optionen, entweder er ginge jetzt alleine nach Hause seinen Rausch ausschlafen, oder sie würden zusammen ficken.
Ich bin Trans.
?
Ich bin Trans.
Oh. Krass. Ok. Hätte ich nicht gedacht. Ich finde Dich hot, aber ich habe noch nie…


Lass uns abhauen.
Zu Dir?
Mein Wohnpartner ist zu Hause.
Zu mir.

Julius wankte an der Seite von Paul die Sonnenallee runter, ebendort wo es gefährlich werden könnte, pfff, heute war ihm das sowas von egal.
Unterwegs fiel ihm Preciado ein.
Und Jean Paul, den er endlich lesen sollte.
Paul. Diese Synchronizitäten.
Aber er war zu angescheppert, um am philosophischen Faden zu spinnen.

Schöne Wohnung, Künstler-WG, Filmplakate.
Julius hatte auf dem Klo nur kurz Zeit zu überlegen, was er wie tun sollte. Tief einatmen, raus. Gänzlich unnötig, los ging’s, alles lief geschmiert wie ihre schweißnassen Körper. Er erlebte gerade Sex mit einem attraktiven Mann, eindeutig, da fehlte nichts, die Höhle, in die er drang, war so ungewöhnlich nicht und Paul wusste offensichtlich was er wie wollte. Hot, hot, hot.

Danach latschte Julius befriedigt, kein bisschen verwirrt, alles war so selbstverständlich, froh, dass er seiner Lust, nicht seinen Ängsten gefolgt war, die paar Blocks nach Hause, die Sonne ging gerade auf. Er legte sich ins Bett, steckte Oropax in die Gehörgänge, Fenster offen, fiel in Tiefschlaf aus dem er ein paar Stunden später leicht verkatert erwachte.

Die Sonne glitzert über der Oberfläche des Teufelssees.
I’m just a sweet transvestite from transexual Transylvania…
…hallt es in Julius’ erhitztem Hirn. Zeit für einen Sprung.

 

(*) Paul B. Preciado: Testosteron, Geschlecht und das pharmapornografische Regime. In: Avanessian; Hester (Hg.): dea ex machina. Merve, Berlin, 2015.

6 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    was für ein geiler, im wahrsten Sinn des Wortes, Sommertext, der Lust macht auf Sonne und Wasser und entspannen und schauen und anfassen und fühlen und auf nackte Haut, auf sich treiben lassen am Wasser, auf, es mit jemandem zu treiben, am Wasser oder auch im Wasser oder oder oder …
    Lustvoll geschrieben, passt zum Start in den Feiertag, den wir morgen im Gegensatz zu euch haben …
    Mache mir jetzt einen Gin Tonic, passt wunderbar in diese Stimmung,
    liebe Grüße,
    Mia

    Gefällt 2 Personen

  2. Lieber Urs,

    ich bedauere sehr, dass Du Dir am Sa, 2.6.18, nicht auch das Theaterstück „Trans Trans Trance“ im Deutschen Theater angeschaut hast. Das Thema passte exakt zu diesem Blogbeitrag und stellte die Diskriminierung der Transsexualität in Litauen in Frage. Von drei jungen Frauen aus Litauen sehr eindringlich gespielt. Großartige Leistung der Schauspielerinnen und der Regisseurin. Es gab ganz viel Beifall in der kleinen Black Box. Da es ein Gastspiel des Stadttheaters Vilnius war, wird es wahrscheinlich keine Wiederholung geben. Toll, dass Berlin es auf den Spielplan setzte.

    Beste Grüße

    Ute

    Gefällt 1 Person

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