Wann ist ein Mann ein Mann?

Heute geriet ich in eine billige Wolke, als ich in der Umkleide des Gyms, mit dem nur manchmal auf mich zutreffenden Namen Superfit in den Neuköllner Arkaden, gerade die Trainingshose über das rechte Bein zog, mich also in eher wackligem Stand befand und ein 120kg-Mann nicht nur sich, sondern auch mich, hinterrücks, mit einem Discounterdeodorant einnebelte. Ich hustete und versuchte einen Ausweichhüpfer, zu spät, es regnete mich chemisch ein.
Sei’s drum, dachte ich eingeaxt, mit einem 120 Kilöner legt sich dünner Mann nicht an.
Dachte auch an Menschen, die unmittelbar am Ende von Rolltreppen stehen bleiben, aus dem Zug, Flug, Lift steigen und keinen weiteren Schritt tun, Kofferberge um sich herum.
Diese Menschen scheinen in einer menschenleeren Welt zu leben. Sie nehmen niemanden wahr, obwohl sie zwangsläufig ständig angerempelt werden, weil sie immer und überall, am liebsten dort, wo es sehr, sehr eng ist, im Weg stehen, in Clubs bevorzugt auf den schmalsten Treppen, häufig auch in Türstürzen.
(Wobei es sich nicht um eine Performance von Marina Abramović handelt, leider.)

„#marinaabramovic“ by charlotte henard is licensed under CC BY-SA 2.0

Ich dachte an Begriffe wie Rücksichtnahme oder gar Anstand. Paradoxerweise scheinen wir, außerhalb des asiatischen Raumes Lebende, umso rüpelhafter, je enger es wird. Anstatt elegant aneinander vorbei zu gleiten, stellen wir uns quer, bulldozern mit angewinkelten Ellenbogen durch Menschenmengen, erstaunt, dass diese sich nicht teilen, Auserwählte, die wir sind.

Besonders Männer weichen nicht aus. Liebe Frauen, versuchen Sie mal, z.B. am Hauptbahnhof, in einer geraden Linie durch das Menschengewimmel zu gehen.
Polstern Sie sich!

Wir Männer verhalten uns wie Gorillas, die Schneisen schlagend durchs Unterholz brechen können müssen; wie Ziegenböcke, Kopf voran, WAMM….

Wir Männer? Ich trete eher zur Seite. Weil ich es gelernt habe. Anstand hieß das früher, als noch nicht alle Narzisse waren und sich spiegel-erblindet durch ihre Gegenwart liebten.
Milder: Höflichkeit. Es ist höflich, anderen Menschen, egal ob Mann oder Frau, den Vortritt zu lassen oder mindestens anzubieten. Eine*r tut den ersten Schritt nach entsprechender Geste und/oder aufforderndem „Bitte…“.

„Sie sind anständig erzogen, sagen Sie das Ihrer Mutter“, sagte der Bahnhofsvorstand von Murten mit dem treffenden Nachnamen Chevalier, als er mir Ende 80er die Lehrlingsbeurteilung überreichte. Chevalier, eine massive Erscheinung mit Bürstenschnitt, war gefürchtet unter uns Lehrlingen (damals sagten wir in der Schweiz noch so). ZACK!, schlug er mir auf die Hände, wollte ich einen falschen Griff tun, im Stellwerk, damals noch mechanisch zu bedienen, nicht ohne Kraftanstrengung, die langen Hebel. Nun gut, ein Fehlgriff hätte fatale Folgen gehabt…
Ich habe Chevalier überlebt.

„Anstand!“, war die Losung der mütterlichen Alleinerziehung.
Allerdings nicht als anzustrebende Tugend, sondern unter dem Damoklesschwert der Unterschicht: „Was sollen denn die anderen Leute denken?“
Also: Auf gar keinen Fall auffallen!
Denn: Gardinen entgeht nichts.

Wahrscheinlich geriet ich meiner Mutter (hab sie selig, wer auch immer), dann doch eine Spur zu anständig. Sie wollte mich auf Teufel komm raus als Rekrut sehen, denn im „Militär wirst Du zum Mann“.
Cherchez la femme, denke ich noch heute.

Was für ein Mann bin ich geworden?
Ganz ohne Dienst an der Waffe.
Bart wächst.
Schwanz steht.
Superfit!
Brauche keinen heulenden Motor.
Fäuste schwinge ich nur wenn
Musik aus Lautsprechern dröhnt.

8 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    wenn ich gut drauf und auf Krawall gebürstet bin, dann mache ich mir manchmal einen Spaß daraus, den handilierenden Mitmenschen, die mir entgegen kommen und völlig in ihrer Handywelt versunken sind, eben nicht auszuweichen, sondern sie kurz vor dem Zusammenstoß mit einem lauten ‚Buh‘ zu erschrecken. Sie erstarren immer zu Salzsäulen und ich mache mich kichernd aus dem Staub, bevor sie sortiert haben, was da grad passiert ist. Dieses Phänomen, Raum ohne Rücksicht auf die anderen für sich einzunehmen, scheint mir bei Männern und bei Frauen gleichermaßen verbreitet zu sein. Und je älter ich werde, desto unnachsichtiger und zorniger werde ich in solchen Situationen.
    Liebe Grüße
    Anne

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  2. Lieber Urs,
    ich hätte gerne dich und Anne gemeinsam erlebt, wie ihr Frankfurter Rumsteher*innen, Stehenbleiber*innen und Drängler*innen das Leben schwermacht und hinter deutschen Gardinen, die auch alles wissen, ihre kleine, enge Welt Billig-Deomäßig vernebelt …
    Bin, wo auch immer, sehr gerne dabei …:-)

    Liebe Grüße,
    Mia

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  3. Lieber Urs,
    ja, im Bürgersteig-Battle bin ich fast immer diejenige, die den „bullies“ ausweicht. Besonders bei jungen Leuten stelle ich häufig einen großen Mangel an Anstand und Höflichkeit fest. Da wäre eine gute Portion mütterliche Gardinen-Erziehung gut gewesen.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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    • Liebe Ulrike
      Versuche mal eine gerade Linie zu gehen! Die Künstlerin Jenny Rova hatted das vor Jahren am Hauptbahnhof Zürich mal getan und auf Video gebannt (leider nicht im www zu finden). Erschreckend!
      Herzlich, Urs

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  4. Hallo Urs Kuenzi, habe mit viel Vergnügen deinen Artikel gelesen. Mein Stirnrunzeln gilt dem „Billigdeo“. Es ist dünnes Eis, auf dass du dich begibst mit dem Klischee dicker Mann- Dicounterdeo. Aber vielleicht habe ich da etwas nicht richtig verstanden?

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    • Liebe Brigitte Kämmerer
      Danke für den Kommentar! Ein 120Kilöner ist nicht unbedingt dick, sondern im Gym meistens extrem muskelbepackt. Das Gewicht habe ich v.a. angegeben um eine Fallhöhe aufzubauen – was meine Wehrhaftigkeit angeht :-)
      Leider muss ich in Umkleiden immer wieder feststellen, dass es sehr billige Deos gibt… In der Geschichte hat es leider nicht Platz zu erwähnen, dass durchaus alle Menschen Billigprodukte verwenden können, unabhängig vom Körpergewicht.
      Beste Grüße, Urs Küenzi

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