Prousten (Dérangez-vous!)

Ein Versuch über das Verstehen

Sinn / sense
sin / Sünde

Talking Heads dröhnen aus der Bluetoothbox ab Spotify, eine Sünde, dieses Werk so zu hören, schließlich, meint Wiki, war „Stop Making Sense“ der erste Film, der „vollständig mit digitaler Audiotechnik produziert“ wurde (anno 1984).
Noch war die Welt nicht schön neo—.

Sensemann.
Der Tod überbringt, Bergmann-like, Sinn.
Sinnlichkeit führt auf sprachlichen Umwegen zur Sündhaftigkeit.
Sicher für Protestanten (mangels Beichtstühlen) |–––| Brückenschlag zu Zwingli und Zürich.

Wo liegt der Anfang, wenn die Zeit sich entschlossen hat, in einer Möbiusschleife zu kurven?
Im Stück „Measure for Pleasure“, im Theater Neumarkt, wo der Tanz der Assoziationen auf der Bühne mich packte, sich als Synchronizitätsgewitter in meinem Kopf entlud?
Da lag die Performerin Teresa Vittucci auf sanft wehenden Vorhang projiziert unter goldenem Bettzeug – war sie in Trance, zugedröhnt, krank, erwachte sie gerade –
an Greenaway dachte ich. Rob Fordeyn legte sich zu ihr, entkleidete sich –

Schnitt. Where is my mind? Pixies aus den Lautsprechern. Später im Stück Blondie. Auch The Cure, Disintegration ≈ ≈ ≈

Ich als Teenager; stand am Open Air in Leysin in den Westschweizer Bergen in einer natürlichen Arena und schaute herab auf die Bühne, auf die Pixies. Debaser!
1989, 30 Jahre her, so viel Leben, so viele Referenzmöglichkeiten. Robert Smith auftoupiert auf der Bergbühne, in blaues Licht getaucht, Nebelschwaden, echte und künstliche, wir in Doctor Martens, langhaarig, bekifft… Alle da, The Ramones, Debbie trat mit Peitsche auf, nach ihr Iggy Pop, rotgestriemter Torso, Sinéad O’Connor, Lenny Kravitz…

Neumarkt. Die Kamera fuhr langsam hin und her, zwischen Bett und einer Badewanne, bis Teresa und Rob protestantisch kostümiert auf die Bühne traten, ungefilmt, sich aber ruckelnd wie Figuren in einem frühen Schwarzweißfilm bewegend, flackernd wie meine Wahrnehmung und Erinnerung.

Ist der Anfang im besetzten Kochareal (wie früher, ach!, als Zürich noch voller besetzter Häuser war), wo ich nach dem Stück zur Hot Club-Party ging, einem Finne näherkam, ein nahe Berlin lebender, einer der mich fragte, ob ich Banker sei, nicht ernsthaft. Er jedoch erzählte frank und frei, er sei Ingenieur und suche Lösungen, wie Atomic Waste sicher entsorgt werden könne.
HAHA, not in 100’000 years!
(Atomic, hauchte doch Blondie im Neumarkt?)
Erzählte dem Finnen von meinem Blog (werbe überall!), und dass ich darin mal geschrieben hätte, alles was von unserer Zivilisation bliebe, sei Atommüll, erwähnte den Film Into Eternity, aber hauptsächlich küsste ich ihn und befingerte seinen kräftigen Oberkörper und schwupps lag ich im Bett, nicht mit ihm, noch nicht.

Im Neumarkt lag nach der Pause auf der Bühne eine Matratze, zerwühltes Bettzeug, daneben ein Buch, darin Teresa und Rob ≈

So viel Nachglühen zu zweit, wie kürzlich nach dem Schwuz, kleiner kräftiger Russe, Augenfarbe schimmerte mit dem Herbstlaub um die Wette, wohne gleich ums Eck, vögeln wir?
Lief, als wir uns antanzten, tatsächlich ein Stück mit dem Refrain
“Your insta-, your tinder-, your snapchat-filter“?
Auch Blondie war das Telefon einen Song wert.
Wie wir als Teenager stundenlang am Apparat hingen, die Mütter in den Wahnsinn und Ruin treibend (Flatrate war noch nicht erfunden).

Hang up and run to me.

Ein hungriger Mond am Himmel, keine schnelle Nummer, neinnein, ich hab nix vor, den ganzen Sonntag lang nichts (Schreiben!).
Sausten eine halbe Erddrehung lang auf meinem Bett, diesem fliegenden Teppich, durchs Weltall, Lucy in the Sky with Diamonds, gefunden in einer Schatulle im hintersten Dunkel des Gefrierfachs, mundschleimhautgelöst.
Candy Flip? schlug der Russe vor, legte, ohne die Antwort abzuwarten, eine halbe Pille drauf. Candy was? befürchtend, der Bettgenosse nehme gleich sein Handy zur Hand und spiele ein dumpfes Game.
Trip und E.
Wenn Chemie die Wahrnehmung apostrophiert.
Auch im fortgeschrittenen Alter Neues.
Neu. Darauf folgt in deutscher Sprache die Gier.
Während für ‚Die Jugend‘ alles neu ist, verlangen ‚Die Alten‘ „Innovation, Innovation, Innovation“-leiernd danach.

Neumarkt. Reicht Rausch um das Geschehen zu beschreiben?
Rauschen tut der Wind, der durch Gedanken bläst.
Der Soundtrack der Seele rauscht.
Die Augen aber flackern wie Theaterkerzen, manchmal wie Stroboskopblitze.
Die Stimme der Philosophin Hélène Cixous aus dem Off.
Poststrukturalismus.
Feminismus.

Tags darauf las ich auf faz.net zufällig (?), dass das Buch, welches sie über den Tod ihrer Mutter geschrieben hat, nun auf Deutsch vorliege, las weiter, dass sie als „Feministin und Weggefährtin von Jacques Derrida bekannt“ sei – schreibt eine Journalistin (!).
Warum nicht umgekehrt, warum war nicht er ihr Weggefährte? Wann habe ich je in einem Artikel über ein Buch von Derrida gelesen, er sei ihrer gewesen?
Die Wikipedia-Seite über ihn listet sie nur zusammen mit anderen ‚Freunden‘, auf der von Cixous steht: „Cixous war lebenslang befreundet mit Jacques Derrida mit dem sie die Erinnerung an eine algerische Kindheit teilte und mit dem sie in einem regen Austausch stand.“
Feminismus?

Lieber Zitate aus dem Theaterstück (nicht mitgeschrieben sondern abgetippt vom Zettel, den die Zuschauer vor Einlass erhielten.):

I AM THE FERTILE MOTHER

I AM GRANTED A GIANT VULVA

THAT SEEMS TO MINIMISE CONCERN FOR REPRESENTING MY FACE

FUCK ME I AM SO BEAUTIFUL TONIGHT

Das Bett. Der im Frühling vergangene Däne, kurz blitzt er auf, weil ich das Bett, in dem wir schliefen, mehrfach bloggte und ‚grammte’
Ginsberg-Echo: „And I lie here naked in the dark, dreaming“, wie oft zitiert, wie oft in Männerohren geflüstert
BEAT, die Zeit schlägt, Versatzstücke akkumulierten Wissens zersplittern zwischen Orgasmen
wo habe ich was gehörtgelesengeschrieben, wer hat was gesagt, was bedeutet das alles?

Es sei vielleicht Zeit, nach dem Stück mal wieder Susan Sonntags Essay „Against Interpretation“ zu lesen, sagte eine Frau vor dem Theater, ungefähr, Zitat nicht autorisiert, die ich zu kennen scheine, „warst Du mal Kandidatin am Schauspielwettbewerb vom Kulturprozent, den ich organisiere?“
Nein, sie entpuppte sich – natürlich nicht! Sie ist weder Puppe noch Larve, aber durchaus ein Schmetterling am Zürcher Theaterhimmel – sie gab sich als Teil des neuen Leitungsteam zu erkennen, Tine, Urs, hallo, hallo, freut mich, freut mich.

Das ästhetische Erleben im Saal brachte mich zum Glühen vor Freude, Erregung pur, mich Gehenlassen, ziehen lassen, Magie des Theaters, weil Menschen vor Menschen spielen und Risiken eingehen – diese einzigartige Körperlichkeit von Rob und Teresa, egal ob kostümiert oder nackt, dieses Schwanken zwischen Ernst und Spaß, zwischen Stillstand und Veitstanz, zwischen Philosophie aus dem Off und Räucherritual.
Schlussritual: Klatschen.
Im Foyer nachglühen.
Sitzend setzen lassen.
Bilder in den Referenzraum hängen.

Vielleicht liegt der Anfang in Berlin, im Garten der Lüste ≈

Wo ich gerne tanze, das Wochenende vor dem Theaterbesuch wieder, endlos, anfänglich nur leicht derangiert, später heftiger, den Seinszustand wechselnd wie Bill Pullmann aka Fred Madison in der Schlussszene von Lynchs Lost Highway, von dem ich das Nicht-Unmittelbar-Verstehen-Wollen lernte, David Bowie singt, „I’m deranged“, die Nacht, die Straße, die wabernden Mittelstreifen, Bowie: „Cruise me, Baby, cruise me now“.
Wie Patricia Arquette in Slow Motion zu Lou Reeds „This Magic Moment“ einem Cadillac entsteigt, diese Gänsehaut, noch immer könnte/kann/möchte ich vor Freude aufheulen. Dann tu es doch!
I saw you crying at the Discoteque.
Nicht auf der Tanzfläche im Garten des ‚blank‘, wo beim DJ-Pult eine Atomblonde stand, ihr Gesicht das Werk eines minderbegabten Chirurgen. Worauf hatte Sie gehofft, Debbie Harry, Brigitte Nielsen, Courtney Love?
Da ist eine junge Frau mit geritzten Armen, wie schaffte ich es, nichts dazu zu sagen?
Die sich neben mich in die Morgensonne setzte –
bald waren wir ein Haufen, ich zwischen vielen Jungen (m/w), immer noch die gleichen Gespräche, wer wann was wie viel und welcher DJ wann wo wie gut war; die Schönheit des Moments, die Wärme, die wir uns schenkten und das, was in unseren Körpern zirkulierte. Ein Mädchen, blutjung und blutleer, lehnte an einem Baum neben der Tanzfläche, schrieb und schrieb und schrieb in ein pinkfarbenes (!) Notizbuch, vielleicht ein vielversprechender Debütroman, komm ihr zuvor, zu spät, Du wirst mit dem Alterswerk beginnen.
Die Zeit vergeht / sich an mir.
Time goes by, so slowly.
Die Tanzfläche kochte zu Madonnas „Hung up“, Confessions on a Dancefloor, OMG, sie schafft es immer noch!
Die Menschheit sich zu Gott erhob, sie zur Göttin.

Vielleicht liegt der Anfang im HAU1, wo ich eine Woche nach „Measure for Pleasure“, das Stück „no apocalypse not now“ von ‚Ariel Efraim Ashbel and friends’ sah, weil ein Freund auf Instagram ein Foto gepostet hatte auf dem #LIGHT# brannte, große Holzlettern in Feuer, nach einer Ouvertüre von The Doors/Jim Morrison „this is the end, my only friend, the end“ ≈

Wie ich als 18-jähriger, also wieder 30 Jahre zurück, in Bern an der Schauspielschule einen Schauspielkurs besuchte, ganz kurz davon träumte, Schauspieler zu werden, dort, eines Abends, mit einem anderen Kursbesucher einen Proberaum im Quadrat abschritt, „this is the end, my only friend, the end“ singend, endlos wiederholend, Schlaufe. War der Raum dunkel, was sagten die Anderen, was sagte die Kursleiterin Janet Haufler, flammendes Haar, was wäre, wenn ich heute auf einer Bühne stünde?
Kürzlich habe ich einen Fotoautomatenstreifen gefunden, er und ich drauf.
War ich verliebt? Mit Sicherheit. Vergangen.

No apocalypse not now, Derrida. Unabhängig von ihm passt der Titel zu unserer Zeit, weil die apokalyptische Lähmung dringend Zukunftselan weichen muss.
Am Ende des Stücks hüpfte das Universum fröhlich, riesige schwarze Ballone waberten über die Bühne. Applaus.
Meine etwa gleichaltrige Nachbarin wandte sich, kaum der letzte Klatscher verklungen, mir zu: „Haben Sie das verstanden?“
„Nein.“
Sie sah mich konsterniert an.
„Das Verstehen stellt sich manchmal erst später ein, lassen Sie einfach die Eindrücke wirken.“ WOW, wie schlagfertig! Neunmalklug oder Mansplaining?
Kein falscher Rat, aber zu abweisend, denn „das ästhetische Erleben verlangt nach Austausch“ und „ist vom Sprechen darüber nicht zu trennen“. (Dietrich, Einführung in die Ästhetische Bildung)
Ausschließend führte ich lieber einen inneren Monolog.
Tschüss. Tschüss.
Ungeteilt bereichert verließ ich das Theater, las zu Hause den Beipackzettel zum Stück, auf dem steht: „’no apocalypse not now‘ schlägt eine Auflösung vor: Die Arbeit lädt dazu ein, sich immer wieder zu verlieren und wiederzufinden, Freude ohne Nihilismus zu proklamieren, Optimismus ohne Konformität und Spaß ohne Ironie.“
Ui.
Nihilismus schließt Freude doch per se aus? (Ich google nicht!)
Vielleicht ist Hedonismus gemeint.
Optimismus ohne Konformität ist eine fiese Kopfnuss, nichts als verschwurbelte Textgewalt. Wie wär’s stattdessen mit: Optimismus trotz Konformitätsdruck?
Spaß ohne Ironie! In der post-Postmoderne wurde das Ende der Ironie mehrfach ausgerufen. Leider auch das der Selbstironie.
Zum Glück nicht auf der Bühne, auch nicht im HAU1, sonst wäre das Possenreißen triefend und unerträglich gewesen, etwa so wie früher, als Großschauspieler den Hamlet oder Lear oder sonst einen shakespearschen Helden zur Krönung ihrer Karriere gaben.
Herrlich selbstironisch waren einmal mehr auch die Blödeleien der Schauspieler in Fritschs Amphytrion an der Schaubühne (Ja, ich leide unter einer Theater-OD).
Immer wieder dieses Augenzwinkern Richtung Publikum: ich geb’ hier den Hampelmann, zusammen haben wir einen Mordsspaß, denn darum geht’s.

Schiller schillert: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
Damit könnte/müsste/sollte ich mich weiter auseinandersetzen.
Aus-ein-ander-setzen.
Die deutsche Sprache verwirrt.

Eindrücke wirbeln wie Schneeflocken in einer Glaskugel.
Wer schüttelt?
Wie viel Sediment aus der Erfahrungsschicht gerät ins Tanzen und wird sich sanft setzen?
Gleicht die Schicht der (vorderhand noch) weißen Antarktis – wo ist der Pol,
wO der WeSteN – oder einer Landkarte voller landmarks und Leuchttürme?
Welches Koordinatensystem liegt über den Referenzräumen von nahezu 49 Jahren gelebten Lebens?

Über die Vorhänge und Planen, welche das Bühnenbild von „Measure for Pleasure“ umfassen, sind Koordinaten gezeichnet, mit kleinen „a“ in den Kreuzungspunkten.

a wie anfänglich, a wie atom/ar, a wie atmen, a wie anmutig, a wie ahnen, a wie anders, a wie all/es.

Vielleicht stand der Anfang im Berghain ≈

Wo ich war, nachdem ich einen Herbstspaziergang abgebrochen hatte, zu viele Familien, zu viele Paare; wollte eigentlich direkt im Lab.oratoy zum Zeugungsakt schreiten, ohne Nachwuchsgefahr, in dunklen Ecken in Ärsche. Der Tanztrieb war stärker, hoch die Treppe ins endlose Dröhnen der Bässe, der DJ ein Schmied, mein Körper sein Amboss.
Inmitten gestählter Männer. Diesmal war etwas anders, die Muskelmasse stand in Bezug zur Lächelfähigkeit in einem sehr ungünstigen Verhältnis, dystopische Stimmung ergriff mich, befeuert durch überall am Handy Herumstehende, keine Chance auf Gespräche am Rande der Tanzfläche.

Bis ein Lächeln den Nebel durchbrach.
Steckbriefaustausch.
Fast gleichaltrig.
Ich (ironisch): bin so ne Kulturschwuppe, weißte.
Er (leicht ironischer Unterton): Och nöö, ich mag’s eher bodenständig, obwohl mich meine Freunde sogar in die Oper mitschleppen, aber da versteh’ ich immer nichts.
Ich: leierte meinen Verstehenssatz runter (ironische Untertöne entgehen mir in der Realität oft).
Er arbeitet für die Bahn.
Ich lehrte bei der Bahn.
Mein Arsch sein Tunnel.
Die Schlaufe, die Schlaufe, die Schlaufe.

Was ist das Maß für Maß (Shakespeare) Vergnügen?
Ist es das Verstehen oder ist es das Wiedersehen zwei Tage nach den Lustspielen im Kreise zuckender Leiber?
Sein am Morgen danach gewhatsapptes „Hast Du gut geschlafen, Süßer?“
Sweet dreams are made of this. Oh yes, Annie!

Früher: Tage nervösen Wartens neben dem Telefonapparat
Heute: Ständiges Greifen nach dem Handy
Ein graues Gutzeichen
Zwei graue Gutzeichen
Zwei blaue Gutzeichen!
schreibt…

Intermezzo
Pausenverpflegung für Facebooker*innen: Madeleines de Commercy

Prousten

Ein Duft weht mir in die Nase, judihui, Madeleines, ich prouste los, obwohl nur in der „Recherche“ geblättert, ha! was bin ich clever, das Buch „Recherche“ zu nennen! Snob!
Was soll das?!? (Grönemeyer)

Letztlich dreht sich alles ums Bett (ob das Proustsche oder meins)
zwischen Geburt und Tod fröhlich zerwühlt,
fiebrig verschwitzt,
am Anfang und am Ende eingenässt.

Verstehen
to understand / Unter-Stand
Der Verstand, ein Zufluchtsort?

Was soll das?
Sinn-lichkeit / sinn-haft (darin gefangen?)

Ich ficke und weiß, was Leben ist, warum Leben ist, weiß zugleich um seine Unergründlichkeit, weil das Leben, dessen Sinn die Fortpflanzung ist, Leben hervorbringt, dessen Sinn nicht in der Fortpflanzung liegen kann – sondern darin, der kreative schwule Onkel zu sein, das Tipi zu bewachen, wenn die ‚Kerle’ auf Jagd sind, Menschen zu frisieren oder Saftwägelchen durch Flieger zu schubsen  – Weicht den Regenbogenfamilien, ihr gräßlichen Stereotypen!

Measure for Pleasure
Leben um des Lebens willen
Leben um der Lust willen (Sünde!)
Zweckbefreit

Aller Anfang liegt im Nicht-Verstehen.
Das Leben nimmt außerhalb unseres Verstandes Form an, Nervenzellen sirren, vom ersten schreibegleiteten Blinzeln bis zum letzten Hauch, zum Sinnes-Ende.
Dazwischen vorgegaukelte Linearität, ununterbrochen strömende Sinneseindrücke so zusammengesetzt, dass wir daran glauben.
Unverstanden, was nicht ins Bild passt; was will der Regenschirm von der Nähmaschine?
Verrückt wird, wer nicht über Kontinuität verfügt.
Das reizüberflutete Hirn spätmoderner Menschen: neu-gierig.
Es gibt keinen Weg zurück in die Leere des Alls.
Nicht nichts.

Dérangez-vous!
Den Verstand schütteln
Das Nicht-Verstehen üben
Die kristalline Wahrnehmung bestaunen
Einen Engel im Schneehaufen seiner Erfahrung machen

Wir müssen verstehen, seit es heißt, dass alles Text, alles lesbar und entzifferbar ist, sich überall Botschaften verbergen, zwischen den Zeilen, hinter Pinselstrichen, in den Bewegungen der Tänzer*innen.
Wir vergessen allzu schnell, dass gerade Kunst uneindeutig ist / darauf verweist, dass nichts eindeutig ist.
Wer aber hat die Deutungshoheit über das Uneindeutige? Das ist die große Machtfrage im heutigen Kulturkampf, der nie aufgehört hat, auch Klassenkampf zu sein.
Die bildungsbürgerliche Elite mit ihrem vermeintlichen Wissensvorsprung?
Der kleine Mann?
Schwanz oder Scheide?
Winnetou?

Ich trete aus dem Unterstand ins Feld.

Da tanzt Einer nackt.
Ich ziehe mich aus, tanze mit.

Da sitzt Einer zitternd im Gummiboot.
Ich gebe ihm Wasser.

Da ist Feuer.
Ich brenne.

Da, Hoffmannsthal!
Ich zittere/zitiere:

Im „Sturze des Daseins“ finde ich Halt in der Kunst.
Wie sublim dieser „ästhetische Zustand“ (Schiller)!

In der Kunst fühle ich mich in allen Facetten meines menschlichen Lebens wahr- und ernst genommen. Ich bin geborgen in ihr, minus g, geboren.
Wie Ragnar in der Wanne, (schön tauchst Du in meinen Gedanken immer wieder auf), The Visitors, dem dieses Jahr vom Guardian zum besten Kunstwerk des Jahrhunderts ausgezeichneten Schönheitsträumchen.
Doch das Jahrhundert dauert noch lange, ich mit ihm bis hoffentlich über die Hälfte.
Ranglisten, wozu.
Das Maß, an dem wir uns zu messen haben.
Kanonenfutter der Kanonisierung.
Hier Goethe, dort Fack ju, hier Kjartansson, dort Koons.

Mein Leben erfuhr/-fährt durch Kunst Sublimierung.
Führte mich raus aus dem Mief, gerettet aus den Wohnblocks meiner Kindheit und Jugend, hinausgeschafft, in die große weite Welt, Worte gefunden wie Sublimierung.
Wie hat’s mein Hirn geschafft, sich das alles zusammen zu bahnen?

Zurück zum Ursprung, Vulva, gebärende Mutter, schreien, blinzeln.
Zu früh ihre Asche zur Asche anderer, kein Grabstein will gepflegt werden, kein Zurück (müssen) in diese Stadt am Fuße der Berge.
Mutter musste nicht ins Museum, um bei Caspar David deren Erhabenheit zu schauen, ihr schien die Realität zu reichen. Obwohl mich schon als Kind der Verdacht beschlich, es zöge sie nur hinaus, aus der engen Dreizimmerwohnung, drei Kinder, hinaus, hinauf, Weitsicht, atmen.

Herkunft
Trotz allem eine leichte.
Kein überfülltes, schwankendes Gummiboot,
nie am Rande des Verdurstens und Ertrinkens.
Langer Weg.
Niemals so mühselig wie die Balkanroute.

Hier jedoch gerät mein Verstehen-Wollen in die Sackgasse.
Grenzenlos naiv kann ich nicht aufhören zu fragen:
Warum bleibt der Mensch des Menschen Wolf?
Hintersinnig füge ich hinzu: wo es doch genügend Schafspelze für alle gäbe?

Epilog

Tracklist Album New Decadence von Michelle Gurevich

  1. First Six Months of Love
  2. Behind Closed Doors
  3. Russian Romance
  4. My Familiar Unfamiliar
  5. I Saw The Spark
  6. Dance While You Can
  7. End of an Era
  8. Le Temps Qui Meurt
  9. Drugs Saved My Life

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    wow, wow, wow,
    Rausch, Rausch, Schreibrausch,
    virtuos verlinkt, verschmolzen
    verliebt ins Leben, in die Kunst, in die Männer
    ins Schreiben, Schreiben, Schreiben
    alle guten DInge sind begeisterte drei
    mein Lieblingssatz: Die Zeit vergeht / sich an mir.
    direkt gefolgt von: ungeteilt bereichert,
    ja, das bin ich heute Abend
    und strahle nach dem Lesen deiner Zeilen,
    danke du Wortlebenskünstler,
    danke Urs,
    Mia

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