Blogparade: eindeutig-uneindeutig

Leider musste die Jahrestagung des Segeberger Kreis – Gesellschaft für Kreatives Schreiben zum Thema „Haltungen schreibend erfahren“ abgesagt werden.
Ich durfte für die Tagung einen Schreibgruppenvorschlag vorbereiten und nahm mir das Thema „eindeutig-uneindeutig: Ambivalenz schreiben“ vor. (Siehe Segeberger Briefe No.100)
Aus aktuellem Anlass empfinden wir wohl alle gerade höchst ambivalente Gefühle und unsere Haltung ist wahrscheinlich ziemlich eindeutig-uneindeutig.
Ich starte deshalb eine Blogparade mit unterem Beitrag. Die Parade endet am 31.3.
Bis dann seid ihr herzlich eingeladen, auf Euren Blogs, Webseiten oder auf anderen digitalen Plattformen, eigene Texte zu veröffentlichen. Bitte verlinkt meinen Blogbeitrag und postet den Link zu Eurem Text unten in den Kommentaren. Falls ihr online selbst nicht veröffentlichen könnt, dürft ihr Eure Texte auch als Kommentar eingeben oder ihr schickt mir eine Mail: urskuenzi@sunrise.ch

Bitte erkundet die Ambivalenz fiktional. Ihr könnt Euch von ambivalenten Figuren inspirieren lassen und/oder welche entwickeln. Ihr könnt Euch Stilmittel wie Oxymoron (z.B. Hassliebe) oder Paradoxon (z.B. weniger ist mehr) vornehmen, ein Manifest der Ambivalenz schreiben, Euch zwiespältigen Objekten wie Flugzeug, Plastik, Drogen etc. widmen usw. usw.
Eurer Widersprüchlichkeit seien keine Grenzen gesetzt! (Außer natürlich…)
Tipp: Stellt Euch vor, wir wären in einer Schreibgruppe und hätten uns ein zeitliches Limit gesetzt. Schreibt also nicht stundenlang sondern „quick and dirty“ drauflos und lasst Euch überraschen, was Euer (ambivalentes?) Bewusstsein zu Tage fördert.

Das Frischluftparadox

Kaum sitzt er am Laptop will er aufspringen, um am Fenster zu rauchen.
Hatte er sich verboten. Also in die Küche, Cashewnüsse in den hoffentlich nicht kontaminierten Rachen werfen, eine nach der andern, minutenschnell die Packung geleert, „gorps!“ (er rülpst Berndeutsch), was wäre wenn er sich verschluckte, alleine zu Hause, Röcheln hörten die Nachbarn nicht, könnte das Fenster aufreißen und mit zuerst rot, dann blau anlaufendem Gesicht gestikulieren, hoffend, dass die klopapierbewehrt aus dem Drogeriemarkt Tretenden zu ihm hochsähen, einen Krankenwagen riefen oder ein Starker mit der Schulter durch die Tür krachte, Heimlich-Handgriff machte, Nuss in hohem Bogen flöge, seine Lunge pfiffe wie nach einem Sprint zur Bushaltestelle – wie konnte er sich nur so leichtsinnig eichhörnchengleich vollstopfen? Jetzt nur ja kein Unfall, keine Leiter besteigen, kein Stromkabel in die Hand, kein Hammer. Bohrmaschine, ui. Auf keinen Fall unnötig Krankenbetten füllen. Oder an einem Krankenhauskeim sterben.

Er hätte sich das Rauchen früher abgewöhnen sollen, nicht erst seit die Lunge rasselte, obwohl er nur drei, vier, manchmal fünf, zugegeben dann und wann auch eine halbe Schachtel, ja, JA! selten eine ganze Schachtel in einem Zug in die Bronchien zog, besonders wenn er stundenlang auf den Tanzflächen der Hauptstadt zu Techno zuckte, neverending, meinte er, wie Viele lag er falsch. Kein Regierungswechsel, keine verschärften Drogenkontrollen, nicht die Gentrifizierung führten zum Ende. Die Ansteckungsgefahr. (Die doch in Clubs sowieso – ).
Nichtrauchend steht er frühlingssonnenbestrahlt am Fenster, fragt sich, warum eigentlich in diesem Text Clubkultur und Techno vorkommen müssen, ob es am notorischen Berlin liegt, obwohl die 20er erst angebrochen sind, daran, dass er tatsächlich Lust hätte, tanzen zu gehen. Weil er ewig nicht mehr war oder weil es keine Party gibt? Genauso zieht es ihn umso mehr an die Frischluft, je tiefer Quarantäne und Social Distancing in seine Hirnwindungen dringen. Als gälte es, schnell, schnell, den letzten Hauch Sauerstoff anzusaugen.

Er würde, so sein Plan, an der frischen Luft sterben. Nicht heute, nicht morgen, erst mit 100, in einem halben Jahrhundert, nicht in der Hauptstadt; auf dem Land, ein Haus, das er mit Freunden und Gästen teilen wird, Korbsessel unter alter Weide, Aussicht.
Sie würden ihn zum Abendessen rufen, sie kämen nach ihm schauen und fänden ihn, Kopf auf die linke Schulter gefallen, selig entschlafen vor.

Vielleicht denkt er jetzt, am Fenster, kurz an die Fortsetzung der Stadtgeschichten, an Olympia Dukakis, wie sie da so sitzt im Garten ihres Stadthauses in San Francisco, Hort einer Schicksalsgemeinschaft, ach, herzerwärmendes Schönheitsträumchen! Weiche nie!

Sich nicht zu weit aus dem Fenster seiner Wohnung lehnend, fällt ihm auf, dass es unmöglich ist, an der frischen Luft zu sterben, sehr wahrscheinlich aber an der schlechten. Die gerade gar nicht so schlecht wäre, weil keine Flieger am Himmel, kaum Autos auf den Straßen, dafür gehustete und geschnupfte Tröpfchen.
Ausgerechnet jetzt täglich Sonnenschein, es keimt und sprießt, klar zieht es alle hinaus.
Das Einschießen der Hormone und das Erwachen der Libido, diese beginnende Frühlingsorgie droht manchmal ihn zu zerreißen. Er fühlt sich alleine, zunehmend einsam, obwohl daran gewöhnt, durchaus angenehm, weil ohne lästigen Dauerabgleich mit Menschen, die den gleichen Raum bewohnen und immer etwas wollen. Aber eine Umarmung geben könnten.
Weil er staatlich verordnet zu Hause bleiben darf, privilegiert, ohne häusliche Gewalt oder schulfreies ADHS, verfällt er nicht in einen Depression, au contraire!

Abschließend, wahrscheinlich hätte er die Zigarette jetzt heruntergeraucht, doppelt er nach, denkt an alle, die nicht nur jetzt einen Scheißjob haben, kurzen Zwischenapplaus kriegen, kaum ist das Drama durch aber immer noch hinter einer Kasse sitzen (o.ä.) und trotzdem die Last der Verluste mittragen müssen, die sämtliche Großkonzerne auf uns abwälzen bevor der große Reibach von Vorne beginnt.

Bevor er das Fenster schließt, tanzt er grinsend, selbstverständlich ironisch, mit DAF den Mussolini und widmet sich, selbstverständlich ernsthaft, der Lektüre des Wälzers M – Der Sohn des Jahrhunderts.

Und hier die Beiträge der Mitparadierenden in der Reihenfolge ihres Eintreffens:
Sabine Hinterberger ging Einkaufen: Henni und der Platz für Corona
Küchenmarie steht auf dem Balkon: Lärmpause
Ulrike Arabella hält den Atem an: Ambivalenter Abstand
An Hedda Lenz‘ Hosenbein lungert ein Hund: Die Welt atmet
Miss Novice hört das Versprechen: Brautwerbung

17 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    auch als Nichtraucherin stehe ich bei dir am Fenster in der Sonne und rette dich, nicht mit vierlagigem Klopapier, nicht mit einem geilen Club, nicht mit Hormonen aus den Stadtgeschichten, aber mit einer einmaligen, ambivalenten, unmöglichen, alles WortUmarmung ….
    Die ist immer möglich und mit Worten kannst du alles (er)leben … !!!

    Raus
    will ich
    in die Sonne
    drin bleibe ich voll
    Vernunft
    am Fenster
    lacht und fällt
    leider auf die Straße
    4. Stock
    weich gefallen
    Buddhas Herz hält
    alles aus auch dich
    Ambivalenz

    Liebe Grüße,
    Mia

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  2. Lieber Urs,
    gerade habe ich mit meiner Family (wir dürfen das als WG) ordentlich Sauerstoff getankt, fast zwei Stunden sind wir über Feldwege und durch blühende Obstwiesen gelaufen. Ich fühle mich beinah privilegiert in diesen Zeiten, auf dem platten Land zu wohnen, wo man sich aus dem Weg gehen kann. Also winke ich zu dir am Fenster und zünde mir gleich eine Zigarette an:) Bleib tapfer.
    Gib mir ein paar Tage und dann reihe ich mich in deine Parade ein,
    herzliche Grüße: Amy

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    • Liebe Amy
      Familien gehen ja, die teilen ja auch so alle Keime, aber die Paare, die ich nicht erwartet hatte, spazieren eben auch. Immerhin knutschen sie nicht…
      Genieße das Land!
      Gespannt auf Deinen Beitrag grüßt, Urs

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  3. Lieber Urs,

    vielen Dank für dein inspirierendes Parade-Thema. Ich habe schon angefangen, zu texten.

    Die Frischluft-Fenster-Gedanken in der Wolke des eigenen Zigarettenrauchs sind herrlich ambivalent. Das Gedankenkino vom Nuss-Erstickungstod ohne Heimlich-Eingreifer wird sicher genährt von der Zwangs-Quarantäne.
    Aber wann haben die Leute sich zuletzt so intensiv gegenseitig beäugt und beachtet (Sind das auch wirklich 1,50 Meter Abstand?)?

    Das geht auch in positiver Ausprägung: Ich habe bei mir selbst festgestellt, dass ich zu den tapferen Kassierer*innen (neuerdings hinter Plexiglas) besonders freundlich bin, weil ich ihre Arbeit mehr würdige, als früher. Hoffentlich verpufft diese Wertschätzung nicht zu schnell wieder.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Ulrike
      Ja, hoffen dürfen wir, dass etwas von der Wertschätzung bleiben wird. Obwohl ich da leider nicht besonders optimistisch bin. Die Macht der Gewohnheit ist groß…
      Es freut mich, konnte Dich mein Thema inspirieren!
      Herzlichen Dank für den Kommentar und natürlich deinen gelungenen Beitrag!
      Herzlich, Urs

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