Gedanken: besetzt

Um erfolgreich zu sein, muss sich das autonome Selbst auf eine fortwährende Suche einlassen, auf die permanente Anstrengung, Bedeutung hervorzubringen, eine Anstrengung, die niemals abgeschlossen, stets mühsam und manchmal erhebend ist.
Shoshana Zuboff, Auf der Suche nach dem autonomen Selbst

50×50, Tag 42

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Statt nach Japan flog ich nach Argentinien, wo ich Gletscher kalben sah und mich beim Tango in den Armen eines Hünen wie Querelle fühlte. Max kiffte und kokste und Buenos Aires.
(Vortag: Kalben / Folgetag: OnanOmen)

Frühling?

(2011)
Schmählich habe ich gestern, als es um 2011 ging, den arabischen Frühling ausgelassen.
Die Occupy-Bewegungen spielten auch keine Rolle.
Die damit verbundenen Hoffnungen wurden gedämpft. (Warum, wird dieses Jahr sicher ausführlich in den Feuilletons diskutiert.

… 2021
Ein Grund für das Scheitern vieler Bewegungen sind die Klassenunterschiede, ist der Graben zwischen Besitzenden und Lohnempfänger:innen, die arbeiten müssen, um zu überleben. 68 war mehrheitlich eine Student:innenrevolte. Nur kurzzeitig gab es punktuelle Verbindungen mit den Arbeiter:innen und ihren tatsächlichen Anliegen. Ohne die entsprechende Literatur, v.a. von Franzosen zu diskutieren, verweise ich auf meine eigenen Erfahrungen.
Ich bin in die Arbeiterschicht geboren, kam dank einer gewissen Grundintelligenz (woher sie kommt, wird mir immer ein Rätsel bleiben) in den Genuss sogenannter Reife und höherer Bildung. Während zwei Jahren wurde ich mit Stipendien vom Staat unterstützt und weitere zwei Jahre bezog ich während eines Studiums Arbeitslosengeld, als Ergänzung zu einem kleinen Einkommen. Für mich, wie wohl für einen großen Teil der Menschen, ist es eine Notwendigkeit, Geld zu verdienen, weil wir nicht zur besitzenden Klasse gehören, also weder Eigentumswohnung, Haus, Land, noch Vermögen in der Familie uns im Hintergrund absichern. Es gilt: Wer mit einer Erbschaft rechnen kann, geht mit einer anderen Selbstverständlichkeit durchs Leben.

Brotjunge

Wer tage-, wochen-, monatelang Plätze besetzen will, braucht nicht nur Durchhaltevermögen, sondern auch ein sicheres Einkommen.
Der ägyptische Bube, der ein zwei Quadratmeter großes Brett voller Brote auf dem Kopf, halsbrecherisch radelnd durch den Kairoer Verkehr balanciert, weiß nicht, ob und was abends auf den Tisch kommt.
Die in Berlin durch die Kälte Strampelnden dürfen keinen Auftrag verpassen, wollen sie die Miete bezahlen.
Der rumänische Zeitarbeiter in der Fleischfabrik verliert alles, wenn er auch nur an Streik denkt.

Es ist der besitzenden Klasse nicht klar, was es bedeutet, nur noch Reste dessen, was einmal ein Sozialstaat war, als Sicherheit zu haben und sich auch dafür noch schämen zu müssen.

Endlich smart

2012 pflückte ich ein Smartphone vom Apfelbaum. Die Ära von Social Media hatte für mich bereits 2010 begonnen, in Israel. Als ich dort zwei Ausstellungen kuratierte, wurde ich schief angeschaut, weil ich keinen facebook-Account hatte. „You have to make some noise!“, hieß es in Tel Aviv, sonst käme keine:r zur Eröffnung. Also meldete ich mich an.
Auch in Berlin wurde es schwierig, die Leute per E-Mail-Einladung zu erreichen. Zunehmend landeten diese wie lästige Werbung aus dem Briefkasten direkt im Kübel.
Aus einer gewissen, wahrscheinlich nur eingebildeten, Notwendigkeit, im Web 2.0 mitmischen zu müssen und Neugier ist inzwischen ein unfassbares Brimborium, ein Geschrei ohnegleichen erwachsen, das in der Sperrung von präsidialen Accounts einen erneuten Höhepunkt findet.

Wir fielen auf die Gratismasche herein und haben zu den Geräten, durch die wir uns verbunden meinen, inzwischen eine paranoide Beziehung. Erstmals in der Technologiegeschichte wird jeder Herzschlag, jeder Schritt, jeder Beitrag, jeder Sekundenbruchteil, den wir beim Scrollen zögern, alles was wir in Suchmasken tippen, erfasst, gespeichert, ausgewertet und ausgeweidet.
Erstmals in der Menschheitsgeschichte werden Milliarden Menschen gleichzeitig abgehört und beobachtet. Von Geräten, die zurückschauen. Von Firmen, die Männer zu Milliardären machten.

Ethik für Algorithmen

Trotzdem bin ich zuversichtlich, auch weil absehbar ist, dass die regulierenden Kräfte, der politische Apparat, am Ende stärker sein werden. Das liegt auch daran, dass die enorme Wissenskluft zwischen dem Silicon Valley und der politischen Öffentlichkeit kleiner geworden ist. Die Tech-Riesen werden zerschlagen oder zumindest wesentlich stärker kontrolliert.
Initiativen wie AlgorithmWatch analysieren „die Auswirkungen algorithmischer Entscheidungsfindungsprozesse auf menschliches Verhalten und zeigt ethische Konflikte auf“ und wollen außerdem der Öffentlichkeit komplexe algorithmische Prozesse erläutern. (1)

Hawaii

Auch mit wenig Geld, bin ich weit gekommen. 2012 über Los Angeles bis nach Hawaii.
Soll ich davon erzählen, wie ich auf Big Island innert kurzer Zeit vom Meeresspiegel den Mauna Kea hoch auf 4000 Meter gekrakselt bin, den Heiligen Berg der Hawaiianer, voller Teleskope?
Von den nachts laut pfeifenden Fröschen, so klein wie Fingernägel? Davon, wie ich im Cabrio mit laut Lava Rock FM hörte und wie bewegt ich war, als ich Lava fließen sah, aus der Erde hinunter in den Pazifik.

Oder vom Venice Beach in LA, von den blauen Bademeisterhäuschen à la Baywatch, vom Mullholland Drive, von der legendären Schwulenbar Roosterfish (leider inzwischen geschlossen), in der 80-jährige, auf der Terrasse kettenrauchend, staunenden Jüngeren Hollywood-Stories zum Besten gaben. Vom Gym in West Hollywood, wo der Personal Trainer mich anstarrte, als hätte er einen Irren vor sich, als ich beteuerte, ansonsten nicht in Fitnessstudios zu gehen, aber hier sei, weil ich im Pool Bahnen schwimmen wolle.

Cosmopolitain

Von Las Vegas, wo ich im neues Cosmopolitain-Tower hoch oben auf dem Balkon saß und wie ich erschrak, als der Springbrunnen vor dem Bellagio bis fast auf Zimmerhöhe zu schießen schien.
Wie ich am einarmigen Banditen begriff, dass die Drinks gratis sind (solange ich spielte) und ich Kettenrauchen durfte? Dass ich den Zimmerpreis einspielte? Später im Caesar’s Palace die Orientierung verlor und fast in Panik geriet, auf der Suche nach dem Ausgang? (Die Architektur ist unheimlich geschickt darauf angelegt, dass die Leute verweilen und vor allem Geld ausgeben.)
Soll ich davon erzählen, dass ich lernte, mit dem Smartphone zu navigieren und Airbnb’s zu buchen? Oder von den Joshua Trees, von Palm Springs von Twentynine Palms?

Ich übergebe den Faden Max, der auch in der Wüste war und dort eine Kurzgeschichte schrieb, die Urs am 29. Februar 2020, als noch kein Lockdown war, in der Berliner Léttretage vorlas.

Maison Du Futur: Twentynine Palms

Eingangszitat:
Shoshana Zuboff: Auf der Suche nach dem autonomen Selbst. In: Reclaim Autonomy. Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung. Suhrkamp, Berlin, 2017. S.168

(1) https://algorithmwatch.org/was-wir-tun/ (Aufgerufen am 17.1.2021)

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    aus dem Wochenende heraus in Montag gefallen, komme ich nun dazu dir zu antworten.
    „You have to make some noise!“ Wie sehr ist doch die Lautstärke zum Gradmesser von angeblicher Bedeutung und Wichtigkeit mutiert und wie sehr sehnen wir uns doch alle nach Stille und Ruhe, nur eben nicht nch der C-Ruhe …
    Auch ich stamme nicht aus einer Akademinerfamilie, in der alles vorhanden gewesen ist, auch wenn ich nichts vermisst habe, andere Dimensionen als heute, war ich doch die Erste in der Familie, die Abtitur gemacht und studiert hat und es sah zwischendurch lange nicht so aus, als ob das was würde … und so weiß ich heute selbst erarbeitetes Wissen sehr zu schätzen …
    Sabine

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