Glow in the Dark

Gelten Sie, in der politischen Dynamik der Ängste, als notorisch unterwürfig? Ist dies die Richtung, in die Ihre inneren Haltungen streben? Dulden Sie Autorität stillschweigend? Ist dies Ihr Kompromiss? Widersstehen Sie ihr sprachlos, pfeifend? Schwach? Stark und mörderisch? Versuchen Sie, selbst Autorität auszuüben? Sind Sie nervös und sich nicht sicher, was vorgeht? Halten Sie Ihren Kopf hin? Ihre Lippen? Ihr Hinterteil? Warten Sie demütig ab und wagen nicht herauszufinden, wer Sie sind? Werden Sie an der Kette geführt?
Harold Brodkey, Profane Freundschaft

50×50, Tag 48

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ich delirierte, fand aber Zuversicht, weil mich am Ende wahre Liebe finden wird.
(Vortag: True Love F.T.W. / Folgetag: Selbst–)

20,000 Days on Earth

2021
Der Plural von Morgen ist nicht Mörgen, nichts zwischen Mögen und Mörgeli*. Der Plural ist nicht Morgens sondern wie jeden Morgen einfach Morgen. Heute bin ich um 6 Uhr erwacht, nicht weil, aber nachdem ich träumte, ich säße mit älteren Männern, erkennbar an ihren grauen Haaren, in einem Zugabteil der Rhätischen Bahn, mit Panoramablick ins Engadin. Erstaunt erwachend, nicht etwa wegen der Zugfahrt, ich fahre im Traum oft Zug, dafür nie Auto, verblüfft war ich, weil mir bisher nie träumte, ich sei mit älteren Männern befreundet.

Vielleicht weil ich an das Biopic über Nick Cave, 20,000 Days on Earth, dachte, wollte ich wissen, wie viele Morgen ich, ohne einen Morgen Land zu besitzen, schon ins aufgehende Licht blinzelte. Das Internet weiß so etwas: Ich lebe seit 18’260 Tagen und ein paar Kommastellen.

Gesichstdildo

Früher hätte ich nach dem Aufstehen die Zeitung aus dem Briefkasten gezogen, heute klappe ich den Laptop auf und scrolle online durch die News. Algorithmen winken mir dort mit angeblich maßgeschneiderten Werbeinhalten, Lesebrillen, Hörgeräte, Haarwuchsmittel, Anti-Ageing-Produkte, Fitness- und Kreuzfahrtangebote.
Heute blieb ich bei einem Dildo-ähnlichen Produkt hängen und klickte drauf (obwohl ich wusste, dass ich fortan endlos mit dieser Werbung beschossen werde). Es handelt sich laut Anbieter um einen sogenannten GlowCup, ein „Silicone Face Massage Tool“, dessen Anwendung mir aber schleierhaft ist; es könnte ebensogut ein Selbstbefriedigungsgerät sein. Ich wollte mehr wissen und stieß auf eine asiatisch ausstehende Person, die sich einen solchen Dödel an die Stirn pappt, als wolle sie diese schröpfen. Endlich Einhorn, dachte ich grinsend, auch weil ich es nie für möglich hielt, jemals von so einem Ding zu erfahren, geschweige denn, danach zu suchen.
Natürlich freute ich mich über das gefundene Fressen, den Blogstoff.

Rollmodell

So abwegig sind Gesichtsmassage-Dildos offenbar nicht. Zum letzten Geburtstag hat mir eine Freundin, die mit dem kanariengelben Pulli (maisgelb laut Eigendeklaration), ein Gerät aus Stein geschenkt, mit dem ich mein Gesicht abrollen kann. Es sei hochwirksam. Auch die Mungbohnensuppe helfe, die sie mir mittags manchmal serviert (sie schmeckt wunderbar), aber sie glaubt ja auch an Gott. Ich bete nicht und bringe zu wenig Geduld auf, minutenlang über Krähenfüsse zu rollen. Ich tue mich derzeit schon schwer mit drei täglichen Sonnengrüßen.

Vielleicht auch, weil ich hier ab und zu über das Alter(n) schreibe, Fünfzigmal meinen Fünfzigsten einläute, meinen Algorithmen zu wissen, was ich brauche.
Ich benötige aber kein Dingsbums gegen Falten (es gäbe Botox), ich brauche Vorbilder.
Der Mehrheitsgesellschaft kann ich schwerlich ankreiden, dass sie hauptsächlich heterosexuelle Lebensentwürfe bereit hält. Abgesehen davon ist der Alte Weiße Mann nur noch als Feindbild en vogue. Als Schwuler ist es nicht einfach, ältere Vorbilder zu finden. Die Leben der ganz Alten wurden von drohenden Strafverfahren und unzähligen Verurteilungen ruiniert und ein großer Teil der Älteren fiel der HIV-Pandemie zum Opfer.
Wie gelingt ein schwules Leben nach 50, 60, 70 oder 80? Wie, wenn die Kontaktmöglichkeiten sich auf Stammtische 50+ beschränken und Wandergruppen? Während ich mich durchaus noch ein paar Jährchen auf Tanzflächen austoben möchte, dort aber irgendwann zum Techno-Opa mutierte. Hoffnung besteht diesbezüglich in der Rückkehr gleichaltriger Heteros in die Disco, die ihre Kinder großgezogen haben und seniorengerechte Veranstaltungen frequentieren, die neudeutsch Day Dance heißen, schön in der Tradition des Tanztees, gibt’s auch in Altersheimen, habe ich gehört.

Tapas in Torremolinos

Vielleicht tue ich es meinem Freund M (60+) gleich, der kürzlich nach Torremolinos ausgewandert ist, ins andalusische Schwulenmekka, wo er sich einen Wohnung gekauft hat, um seinen Lebensabend an der Wärme zu verbringen. Ich habe ihn schon öfter besucht (und habe am Ende das Meer gegoogelt), trank mit ihm unter lauter älteren Männern Cortados, besuchte mit ihm Clubs mit XXX im Namen, beobachtete, wie er nonchalant sein Rentnerdasein zu leben angefangen hat, das mir noch nicht blüht, aber dessen Knospen sich bilden, an den Ästen, die ich nicht mehr zurückschneiden kann.

Maison Du Futur – XXX

2023
Max freut sich darauf, mit M (60+) nach dem spanisch-späten Abendessen im eXXXtrem Pornostars beim Poposchwenken auf der Minibühne zu betrachten. Später wird er eine Viagra schlucken und in labyrinthischen Gängen zwischen steifen Schwänzen verschwinden.

Max und M (60+) treffen sich zwischen den Runden immer mal wieder an der Bar, verlassen das Lokal nicht allzu spät und genießen auf dem Heimweg im architektonischen Highlight La Nogalera preisgekrönte Tapas zu einem Schlummertrunk. Am nächsten Morgen sitzen sie zum Frühstück auf der Terrasse mit Meerblick, flanieren später an der Promenade und gönnen sich in einem Chiringuito frischen Fisch.

* Für Leser*innen die mit der Schweizer Politik nicht vertraut sind: Dies ist eine Anspielung auf Christoph Mörgeli, einer der Chefideologen der rechtsnationalen SVP.

Eingangszitat:
Harold Brodkey. Profane Freundschaft. Rowohlt, Hamburg, 1994. S.163

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    Grins: *Endlich Einhorn, dachte ich grinsend,*
    Nie wieder Harry Potter, denn wir können Einhörner jetzt selbst!
    Lachende Grüße,
    Sabine
    P.s.: Was mache ich nur, wenn du Montag aufhörst mit den täglichen Texten? Genau, dir erst einmal gratulieren! ;-)

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.