Was ich brauche

Wann kommt man in einer neuen Wohnung an?, frage ich mich auf dem Hoger (Hügel) auf dem ich seit zwei Wochen wohne.

Wenn alle gefragt haben, ob ich zurück sei aus Berlin?
Wie heute wieder, als ich auf der Straße zwei frisch verheirateten Männern begegnet bin.
Ihr wart in den Flitterwochen, habe ich auf Instagram gesehen.
Jaja, lächeln sie.
Nein ich bin jetzt nur öfter in Zürich, ich verlagere den Schwerpunkt, es ist Zeit Berlin zu verlassen, aber es dauert.
Mir ist entgangen, dass der Eine, der Schweizer (der Andere ist Deutscher), zwei Kinder hat.
Mit einem Lesbenpaar, sagt er.
Ich bin immer noch Single, muss mir einen Reichen suchen, der erbt, sonst wird das nichts mit der Rente. Für Nachwuchs bin ich definitiv zu alt.
Ich erwähne aber meinen Göttibueb (Patenjungen) und seinen Bruder.
Tschüss wir sehen uns.

Kommt man in einer neuen Wohnung an, wenn man das erste Mal die Kloschüssel geputzt hat (heute) oder hineingekotzt (quasi nie)?
Ist man Zuhause, wenn man das erste Mal in der Wohnung fickt? (Vielleicht über Himmelfahrt)

Höre ich: Bei Euch Homos geht es immer um Sex!?
Wie in der ARD-Serie „All You Need“, die mit einem Blowjob in einem Berliner Clubklo beginnt?
Zum Glück geht es noch um Sex, zum Glück ficke ich noch, bis das Bett quietscht, die Nachbarn zum Besenstiel greifen und am nächsten Tag Muskeln verkatert sind, deren Existenz ich vergessen hatte, plus aufgescheuerte Knie und Fickschnupfen vom Deepthroaten und Rimmen.
Fantastischer Sex, der mich lebendig macht, unersättliche Gier nach Leben, noch mehr Leben, Exzess und Ekstase, Selbstauflösung in Arsch und Armen des Mit-Stöhnenden, Haut berühren, von Hormonausschüttungen durchströmt, sich erschöpft und verschwitzt grinsend anfunkeln, der Geruch des Bettzeugs, ein Lüftchen durchs offene Fenster über verschwitzt-verschlungene Körper, die Geräusche des Draußen, die allmählich wieder eindringen in Ohr und Bewusstsein, weg wart ihr, versunken ineinander, Myriaden von Atomen ausgetauscht, verschmolzen, eins geworden, Lust erfahren und vor allem: deren Befriedigung.
Ich ficke noch. (Wahrscheinlich über Himmelfahrt)

Zwei Wochen in Zürich und schon sorge ich mich um meinen Kontostand. Nicht weil ich für Sex bezahlen müsste (werde ich als Achtzigjähriger), sondern weil Zürich eine einzige große Freiluft-Mall ist. Auf Schritt und Tritt verlockende Konsumangebote, nicht wie an der Karl-Marx-Straße in Neukölln Handyshop neben Handyshop, nein, Design. Wer kann sich all das Zeug leisten, neuerdings lokal produziert, mit einem Touch Manufaktur?

Aus der FAZ erfahre ich die Antwort. Linus Reichlin schreibt, wie in der Schweiz Vermögen an die Boomer und an die Generation X (moi?) vererbt wurden/werden und es deshalb still geworden sei, in der Schweiz. Wer Millionen erbt, muckt nicht mehr linksbewegt auf, sondern denkt an Häuserkauf, wird vom Besetzer zum Besitzer, vom Mieter zum Vermieter und natürlich hat eine faire Erbschaftssteuer an der Urne nicht die geringste Chance.

Staatstragend

Wenn ich also, auf einem Panoramaweg unterwegs ins Gym, atemlos angesichts der Bergkette am Horizont (und ein bisschen wegen der Steile) meinen Blick über das vererbte Zürich schweifen lasse, frage ich mich manchmal, wie es wohl wäre, wenn meine Eltern, die schon lange tot sind, mir ein Vermögen hinterlassen hätten und wie hoch dies in dieser Stadt sein müsste, um als solches zu gelten. Ich schaue hinab ins ehemalige Industriequartier, den Kreis 5, vormals ein Arbeiterquartier.
Ich sorge mich nicht mehr um meinen Kontostand, weil auf einem Hausdach (Kunst am Bau!) in großen Lettern steht: „L ETAT C EST VOUS“. Moi?
Genau. Direkte Demokratie mit korrumpierten Linken. Quo vadis?

Moi?

Ich bin weit davon entfernt mich zu beklagen, meine Privilegien liegen mir zwischen Uetliberg, See und Waid zu Füssen, ich weiß, notfalls hilft mir dieser Staat, der meiner sei.

Ich frage mich allerdings, wie lange ich es aushalten werde, angesichts des allgegenwärtigen Luxus, wie lange ich partizipieren kann am Schmaus, wie viele Stunden ich arbeiten muss, für Kost & Logis. Noch zögere ich, das Hamsterrad ganz zu betreten, mein Hamsterhändchen (-pfötchen?) dreht kokett daran, die Zentrifuge wird es nicht mehr loslassen. Rechtzeitig buche ich einen Zug nach Berlin, Abfahrt vor Pfingsten, bevor ein Flämmchen über mir schweben wird und ich in hyperkapitalistischen Zungen lallen werde.

Berlin//Wo nichts ist wie es war//Wo Freiräume verschwunden wie in Zürich//Wo ich immer noch wohne//irgendwie//hier auch.

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    viele, viele Fragen, die gerade in dieser Zeit eine andere Dimension erhalten, die andere Möglichkeiten und ebensolche Leerstallen aufweisen, die es vorher nicht gab?
    Manchmal weiß ich es schon nicht mehr, ob es vor C anders war und mein Kopfkino ( meine Rechtschreibkorrektur will daraus Kopfkissen machen!) und wie es weitergehen wird, wie sich Reisen verändert, bin seit zwei Tagen in Holland und mein c-geschultes Kopfkino fragt sich, ob das richtig ist und an was ich alles denken muss.
    Genug davon hin zu meinem Lieblingssatz: *weg wart ihr, versunken ineinander,* Ja, das wünsche ich mir in dieser Zeit mehr als sonst, aber aus Mangel an Möglicheiten und Einem, mit dem ich das erleben will, bleibt die Phantasie und die Phantasie …
    Liebe Grüße nach Zürich,
    Sabine.

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