Schönheit

And I’m full of love and I’m full of wonder and I’m falling under your spell
Nick Cave, Spell (The Lyre of Orpheus)

Schnee liefert das Stichwort. Das erzählende Ich nimmt den Faden auf. Blog on!

Heute ist der 11.12.22, ich schlug im Bett die Sonntagszeitung auf, wurde vom Versuch diese zu lesen, abgelenkt vom Draußen, vom Glitzern des Schnees in den ersten Sonnenstrahlen, kein Nebel, keine Tristesse mehr. Es würde ein guter Tag, beschloss ich und jetzt schlage ich einen kühnen Bogen zum Beschließen des Tages, Zähneputzen nach Netflix, die Geschirrspülmaschine im Ecomodus einschalten, ab 22 Uhr ist Strom billiger, das Konzept des Sparens egoistisch. Dazwischen dies:

Heute sind 111 und 222, ich spazierte den Waidfussweg hoch, schaute über das verschneite Zürich und wurde im Wald verzaubert vom Glitzer, der um mich flirrte. Mir war als hörte ich eine Fee, mit so einem Disney-Kristall-Klingelinglingling-Zauberstabstern –– läck!, ist das schön! dieses Weiß, ich wollte es an Ort&Stelle auf Instagramm posten und mich einreihen in die Erster-Schnee-Posterei und weil ich mein Smartphone, das so Effekte, wie ich sie gerade live im Wald wirklich wirken sah, nicht annähernd so schön kann, wie der echt verschniete Wald, weil ich es eben schon in der Hand hielt, fertig fotografiert habe, erschienen Buchstaben auf dem metaphorischen Weissen Blatt Papier im Kopf, es könnte sein, dass, ja, dass:

Heute folgt auf 111 222, mich beflirrte eine Idee, wie ich wieder in Bloglaune kommen könnte, die mir pandemisch und putinsch entglitten war, worüber noch schreiben? Corona, Krieg, Klimakrise? Kunst und Kultur erschienen mir so sinngebend wie alter Krempel im Keller. (Ich bin nicht Lukas Barfüss, ich entnehme keiner Kiste ein Buch über das Erben.) Weil es mir offensichtlich nicht genügt, ein Waldschneebild auf Instagramm zu posten, das leider nicht vom darauf abgebildeten Schnee gekühlt werden würde, sondern auf Ewigkeiten auf einem Server (es sei denn, irgendwer lösche meinen Account nach meinem Tod) muss da auch noch Text dazu und noch mehr:

Heute ist 111 mal 222, ich stand im Wald, überhaupt nicht zynisch, bezaubert von der über Nacht hingezuckerten Schönheit um mich herum, ich hörte wirklich den Schnee, ganz leise, glitzernd von Ästen flirren, blinzelte in die rundum reflektierende Helligkeit und war froh, dass es den Schnee gibt, dass die nebelgraue Tristesse von einem Tag auf den andern voller Schönheit erstrahlt –– „Schönheit !“, dachte ich. Das ist es. Das ist das Stichwort auf das ich gewartet habe, weil ich den Faden wieder aufnehmen will, schreibend, weil ich verreisen werde, auf die andere Seite der Welt, weil ich meinen Job gekündigt habe, weil mein Herz, ach! nicht zwei in meiner Brust, täglich etwas Schönes herausnehme aus dem langen trägen Fluss des Da-Seins, über dem manchmal Blitz&Donner&Zetter&Mordio, aber irgendwo ist immer ein Regenbogen:

111222, ich will die Fähigkeit zu Staunen über das Schöne, die Ästhetik, den schönen Schein, hegen&pflegen.
Sünder*innen, die Schönheit nicht schätzen!
Ich werde eine Reise tun und der Weltanschauung frönen.
Einen Teil teile ich.
1 ist das Ziel.

Nachtrag 1: Lasset Gendersterne durch Texte flöckeln.
Nachtrag 2: Ich netflixe derzeit viel (das frühe Eindunkeln ist schuld), beispielsweise AJ and the Queen, RuPaul und ein Kind fahren im Wohnmobil von Dragshow zu Dragshow, sehr kitschig, sehr simpel. Die Beiden erzählen sich abends beim Zubettgehen was für sie das Schönste des Tages war.
Möglicherweise hast sich der Rote Faden aus Smiley in den Text gewoben, dieser spanischen RomCom, ebenfalls auf Netflix, sehr schwul und so süß, dass ich völlig überzuckert keinen Schlaf finde vor lauter Herzrasen, so verknallt bin ich in den Hauptdarsteller, sein umwerfendes Lächeln, diese Zähne, ui!, küssen will ich ihn, mit ihm auf der Rambla Rumba tanzen!
Nachtrag 3: „Das Narrativ des Staunens beginnt also mit einer singulären Begebenheit, an der sich die Neugier entzündet.“ (S.153 in: Fritz Breithaupt, Das narrative Gehirn. Was unsere Neuronen erzählen. Suhrkamp, 2022)

5 Kommentare

  1. Lieber Urs,

    ja, endlich wieder ein Blog-Beitrag von dir! Beim Lesen habe ich generkt, wie sehr ich deine poetische, schnelle, klare und ehrliche Sprache vernisst habe!
    „Das frühe Eindunkeln ist schuld“, gefällt mir sehr.
    Ganz liebe Grüße

    Sabine

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  2. Lieber Urs,
    it’s not beauty I demand – doch! Deine. Danke für den Blick auf den Kristall vor der Schicht, deine Stimme, dein Lebenszeichen. Mögest du weitere Rosinchen finden am anderen Ende der Welt. Herze dich: Amy

    Gefällt 1 Person

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