Blogparade #bks11: Digitale Einsamkeit

Das Finale! Der BKS-Jahrgang 11 schließt sein Blog-Projekt mit einer Blogparade ab! In dem Beitrag werden alle Wörter eingebaut, die in der Wortwolke stehen. Die Blogparade startet ab sofort und endet am 11. Juni. Source: Blogparade #bks11: Digitale Einsamkeit

blogparada

Planet Romeo (ein Prequel)

Horst sitzt auf dem Sofa und fühlt sich einsam.
Das Handy piepst. Gierig greift er danach. Kurz blitzt die Hoffnung auf, es könnte Wolfgang sein, mit dem er letzte Woche im Ficken3000 am Tresen hockte und zahlreiche Gin-Tonics über den Durst trank.

Mia: hey voll gruselig im ICE. sah gerade eine schattengestalt im spiegel!
Horst: geht wieder mal die fantasie mit dir durch?
Mia: konfetti hat sie auch gesehen!
Horst: konfetti?
Mia: eine mitreisende. die genießt ihre schreibfreiheit
Horst: OK
Mia: was ist denn mit dir los?
Horst: nix ist los, kein bock halt
Mia: du brauchst dringend ein date!
Horst: pffff…
Mia: hey melde mich später. bin mit konfetti gerade im buchstabensog 🙂
Horst: 🙂

Er flippt von What’s App zu seinen Dating-Apps Planetromeo, Grindr und Scruff. Seine Profile bräuchten dringend ein Update, die Fotos sind schon über ein Jahr alt.
Er hat keine neue Nachricht und kein „sexy“, „scharf“ oder „geile Sau“ – Symbol erhalten. Also matcht er ein bisschen. „Nein danke“ nach links wischen, „Ja gern“ nach rechts. Er wooft einige Typen an und verteilt ein paar Flämmchen. Und siehe da, diverse Messages treffen geräuschvoll ein.
Er ist zwar ziemlich rattig, rallig, spitz, denn es ist heiss, hat aber keine Lust auf das Hin und Her, dieses „worauf stehst Du?“, „top or bottom?“, „wie groß ist deiner?“, „xx-pix?“. Er könnte eigentlich in die Möbel Olfe, aber Donnerstags ist dort immer brechend voll. Im Ficken3000 war er Dienstag schon, nach Schöneberg ist’s ihm zu weit und seine Fuckbuddies hat er auch schon alle angetickert. Bisher ohne Erfolg.

Er könnte Rückkehr nach Reims weiterlesen, ist aber zu faul. Also streamt er eine weitere Folge der ersten Staffel Twin Peaks. Er schaut sich die alten an, damit er vorbereitet ist auf die neuen Folgen, die er sehnlichst erwartet.
Mein Gott, denkt er, wie konnten die letzten 25 Jahre nur so schnell vorübergehen?
Wo sind all die verlorenen Stunden hin?

Am Sonntag steht Horst im Berghain an der Klobar, Sturzbäche schwitzend und nach Luft schnappend, ihm fährt gerade ein rosaroter Escape-Button ein, er braucht dringend eine Cola. Er versucht zu grinsen. Geht schlecht mit wiederkäuendem Kiefer. Shitstorm! Hat er das gerade laut gesagt? Hui, dreht ihm der Kopf. Brainstorm, haha. Er muss sich setzen, sofort, schwankt Richtung Sofas und schafft es gerade noch hinein zu plumpsen – schwarzer Bildschirm. Zum Glück hat er einen Follower. Sergio setzt sich neben den delirierenden Horst, tätschelt dessen Wangen und fragt mit südländischem Akzent: Geht’s Dir gut?

Weitere Blogparade-Beiträge (wird bis 11.6. ergänzt):
Das verlorene Spiegelbild von Mia Nachtschreiberin
Zwei Einsamkeiten von Hedda Lenz
Zwischengang mit Abgesang von Küchenmarie
Was ist eine Blogparade von Nikolaus W. Ledermann
Seelenflucht von Feodora Blaubart
Papagena im Netz von Ulrike Arabella
Brennen, allein von Miss Novice
Netzraum von Raum in mir
Gestrandet zwischen 0 & 1 von Mo…Saiks Runen

Wortteppich

Hedda Lenz hat begonnen, die Blogeinträge zu einem Wortteppich zu verknüpfen und angeregt, es ihr gleich zu tun.

Ich habe in meiner neuen Blogserie Eldorado damit angefangen:

Da geistert doch gerade die Patchworkfamilie von Sophia und Sergio aus dem Dialog mit Massimo im vorsintflutlichen himmelblauen VW-Bus über ein leuchtendes uckermärkisches Rapsfeld! Auf dem Weg an den Küchentisch von Miss Novice, neugierig, was es mit diesem P. auf sich hat. Sie singen nicht etwa Kumbaya My Lord, sondern auf Wunsch des pubertierenden Nachwuchses rappt die fröhliche Gesellschaft Reime von Papagena:

Folge mir, dann folge ich dir

post, klick, post, klick

ich zähle meine follower

Daumen hoch, Stimmungshoch

Wenige Stunden davor waren sie noch Bleich vor Schreck. An der Prinzenstraße hätten sie fast eine Frau überfahren, die sich nach einer einzelnen Socke bückte, zum Glück hat der VW-Bus trotz seines Alters gut geölte Bremsen!

Die Socke kam ihr bekannt vor, solche trug doch auch ihr Sohn Moritz. Den wollte sie gleich bei seiner Großmutter abholen, er gab ihr digitale Nachhilfe. Aber heute ist sie so zerstreut, weil sie unbedingt einen Typen vergessen will. Stundenlang sitzt sie mit ihm chattend vor dem Bildschirm, vergisst manchmal sogar, Moritz was zu kochen. Aber der hängt sowieso lieber bei seiner Oma rum. Die hat einen guten Küchenblock.

 

 

 

14 Kommentare

  1. Hi Urs,

    das trifft es … die Einsamkeit … Worte, die sich fast nicht verbinden wollen, er wooft einige Typen an , die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, ein Wisch und schon ist alles klar….

    Geht´s dir gut? Jede Antwort außer einem Ja ist nicht erwünscht – die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, sag ich doch…

    Mir gefällt es, wie du die anderen Paradisten integriert hast und mir ist jetzt nach dem Lesen ein bisschen kalt – trotz der warmen Außentemperaturen.

    Liebe Grüße

    Hedda

  2. Liebe Hedda
    Danke für den Kommentar und die Nachfrage. Ja, mir geht’s bestens. Gestern wurde mir anlässlich eines realen Dates ganz warm. Dir jetzt hoffentlich auch ganz schnell wieder!
    Ich hätte Deine Zweisam-Einsamen gerne direkt einfließen lassen, aber ich finde, unsere Beiträge schwingen auch so gut miteinander.
    Herzlich, Urs

  3. Mia: „Horst, wo ist mein Post vom frühen Abend?“

    Lieber Urs, ich habe Horst schwer in Verdacht, dass er meinen Post vom frühen Abend nicht durch seine Firewall gelassen hat …:-) Also, nochmal von vorne.
    Eine so genial, geile Fortsetzung, mit deinem so typischen, geradezu halsbrecherischen Erzähltempo, auf wortbrechenden Wortwellen surfen, ganz und gar auf das Thema eingelassen…
    Ja, lass uns auf der Wortwelle davon treiben, hin zu neuen Blogufern …
    Der Blog…unendliche Weiten…wo noch nie zuvor ein Mensch geschrieben hat …
    …gehe jetzt weiter zu Hedda, bin gespannt,
    liebe Grüße,
    Mia

  4. Aaawwww, Urs, wie schön, schon wieder musste ich gänsehäuten! Wie Du das immer wieder machst… Bringst das Thema mit einer Prise Sehnsucht und Humor auf den Punkt. Verknüpfst die Worte scheinbar mühelos. Und scheinst uns dabei weitere Einblicke in die Sergio-Sophia-Horst-Geschichte. Und weißt Du was, ich hätte immernoch gern viel mehr davon. 🙂

    lg. mo…

  5. Lieber Urs,
    das ist sensationell, wie Du die Geschichte einfach weiterspinnst und dann auch noch mia mit einbeziehst. Ich komme bei dem Tempo ins Schwitzen. Verschieb die Rückkehr nach Reims auf später und belebe lieber Horst und Sergio und all die anderen weiter.
    Liebe Grüße
    Anne

  6. Lieber Urs,

    genial und witzig, wie die digitale Welt Horst sogar ins reale Leben followed! Gut vernetzt ist er in jeder Realität – selbst mit Mia im ICE und neuerdings auch mit Papagena. Da geht noch was…

    LIKE LIKE LIKE

    Herzliche Grüße
    Ulrike

  7. lieber Urs, „wie konnten die letzten 25 Jahre nur so schnell vorübergehen? Wo sind all die verlorenen Stunden hin?“ Mit diesen Sätzen stehe ich hilflos zwischen deinen getriebenen Gestalten, in deinen Texten, und kann ihnen nur zusehen, wie die Suche nicht aufhört und es immer weiter geht, so echt und lebendig und atemlos, dass ich wünschte, ich könnte davon mal ganz viel auf einmal lesen (statt immer nur häppchenweise) — (vielleicht eine Buchidee?!)
    Deine Fe.

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