Orlando Furioso

Warum, frage ich mich, am Fenster stehend, schüttet die Frau Beutel um Beutel aus, fünf Stück, um einen Baumstamm, direkt neben der Discountdrogerie?
Warum, fragt sich sicher auch der Blonde mit Undercut, der vor dem Laden wartet.
Warum, wundere ich mich, füttert die Frau hier direkt an der Karl-Marx-Straße und nicht in einem Park die herbeifliegenden Tauben- und Spatzenschwärme?
Der Undercut fragt sich das nicht mehr, weil zum Turteltäubchen geworden, die angekommene Angebetete umschlungen.

Vor lauter Wundern vergesse ich die Zahnreihe zu wechseln, trotz vibrierender Schallbürste. Fast lasse ich sie fallen, weil sie plötzlich laut piepsend nach einem neuem Bürstenaufsatz verlangt. Ich verweigere mich dem Gerät, ich werde mit der Bürste bürsten bis sie vor Dreck strotzt, bis jede einzelne Borste von drei Milliarden Bakterien bewohnt ist! Wenigstens eine Spezies, die nicht ausstirbt.

Warum, frage ich mich später, spricht die Fitnesstrainerin die Gruppe im „Team-Training Bauch“ mit Du, nicht Ihr an?: Du führst die Bewegung langsam aus, Du hältst die Spannung, halte durch, Du hast es gleich geschafft! (Zuerst meinte ich, sie meine mich und errötete.) Diese zufällige Ansammlung körperoptimierender Egos auf Yogamatten bildet also kein Wir, kein Uns, keine temporäre Gemeinschaft, es wird so getan, als wäre es ein Einzeltraining (das sich die Anwesenden nicht leisten können/wollen, sonst trainierten sie nicht im Billig-Gym).

Frühabends begebe ich mich, nach geistiger Nahrung gierend, zur Schaubühne, fahre wie immer so knapp wie möglich los, damit ich bis zum Spielbeginn nicht zu viel Zeit vertrödeln muss, werde in der U7 trotzdem nervös, hoffentlich komme ich nicht zu spät, eile die wenigen hundert Meter zum Lehniner Platz, um wie üblich doch zu früh anzukommen, stehe also im Pulk der Theaterbeflissenen, die heute draußen Sekt trinkend stehen, um vom Künstler John Bock gestaltete Plakate der Saison 19/20 herum.

Ich gehe alleine ins Theater, habe kein Problem damit, bräuchte viele Freunde, wollte ich jedesmal Begleitung haben, höhö, rechtfertige ich mich innerlich monologisierend, möglichst lässig eine Zigarette rauchend, vor dem Haus, ein anständiges Foyer zum Verlustieren bis die Klingel die Stehenden erlöst gibt es hier leider nicht.

Reihe Fünf Platz Elf, der ergraute ältere Herr auf Nummer Zehn mustert mich, nimmt seine Brille von der Nase „Schauen Sie, wir haben ähnliche Gestelle, sind wohl wieder Mode“, schaut nach links, zu einem jungen Burschen (von Alters wegen müsste ich in der Mitte sitzen), wiederholt das Gesagte, weil auch der Jüngling runde, metallgerahmte Gläser trägt.
Es wird dunkel im Saal, auf der Bühne, ein Filmset, beginnt es zu Wuseln, eine Erzählerin hoch oben hinter Glas ergreift das Wort, der Film, der größtenteils live gedreht wird, erscheint auf Leinwand über dem Bühnenbild, unten hetzen Schauspieler*innen und Techniker*innen von Einstellung zu Einstellung die sich oben zu einem bildstarken Parforceritt Orlandos durch Jahrhunderte, Sex&Gender zusammenfügen.
Orlando, sagt die Erzählerin, sei am Lesen erkrankt: „Aber es sollte noch schlimmer kommen. Denn hat die Krankheit des Lesens das System einmal gepackt, schwächt es sie so, dass es zur leichten Beute jener anderen Geißel wird, die im Tintenfass haust und im Federkiel schwärt. Der unglückselige Mensch verfällt aufs Schreiben.“

Beseelt von dieser gelungenen Inszenierung trete ich auf den Ku’damm.
Beseelt? Sei er, whatsappte der letzte Sex, den ich hatte, anderntags.
Wochen später ist alles Selige entfleucht.
Fliehe ich deswegen, Orlando gleich, in die Abgeschiedenheit?
Quite the contrary.

Ich flaniere den Ku’damm lang Richtung Bahnhof Zoo. Bis dort schaufenstere ich, finde die Couture aber so vulgär wie Gummibootlippen russischer Oligarchengespielinnen.

Mein Ziel ist das C/O, dort eröffnet No Photos on the Dance Floor. Berlin 1989 – Today allerdings dann doch ohne mich, weil davor eine Schlange wie sonst nur am Berghain. Mangels VIP-Status mache ich auf dem Absatz kehrt, mein Schwung überrascht einen in schwarze Stoffe gehüllten Asiaten auf E-Tretroller – kurz meine ich, es sei Fashion und nicht Art Week – er rast in einen Baum, an den gerade ein Hündchen mit Stammbaum das Bein hebt und fällt mit gebrochenem Genick ins Nass.

Ungerührt zweige ich in die Fasanenstraße ab, wo ich zwischen Delphi Filmpalast und Hotel Savoy stehen bleibe. Ich zögere kurz, ob ich „Once Upon a Time in Hollywood“ schauen soll, nach Orlando wäre das allerdings ein kultureller Abstieg und eine Overdose.

Ich wende mich dem Savoy zu, wo ich mir, verdammt, kein Zimmer leisten kann, weil sich keiner meiner Vorfahren an keiner Goldküste kein Claim abgesteckt hatte, weil ich nicht Banker geworden bin, nicht CEO, nicht Superstar, nicht Topmodel, nichts.
Ich denke mich in Rage, weil alles nur eine Frage der gerechten Verteilung des letzten Tropfens wäre, den wir aus der Erde pressen, als ich der hopperschen Leere im Hotelrestaurant gewahr werde, tatsächlich ist nur ein einziger Tisch besetzt, klar, Art Week, der Geldadel drückt sich an Vernissagen Häppchen zwischen aufgespritzten Lippen in den Hals, gänselebergefüllte.
Genug!

Ich betrete den Saal, wedle den herbeieilenden Garçon zischelnd beiseite, gehe zielstrebig, als gehörte ich dazu, zum belegten Tisch und deklamiere:
„I don’t think you deserve this…“, lange mit beiden Händen in die Teller und drücke der einen Gebotoxten Jakobsmuscheln in die Nasenlöcher „…but this!“
Dem Garçon gebiete ich mit furchterregendem Bärengrollen Einhalt.
Hinaus.

Lust auf Currywurst überkommt mich, ich stolpere am Breitscheidplatz über Terrorabwehrschranken, halte beim Europacenter ein, da stand ich 1989 zum ersten Mal, blutjung&blondiert, kaum zu glauben, dieses Center war mal der letzte Schrei, eine Mall à l’Amerika, heute heiser.
Westberlin, im Frühling 89 noch ummauert. Wir Lehrlinge aus der Schweiz waren damals auch drüben, im Staat den es bald nur noch in den Köpfen geben würde, auf Klassenfahrt, im letzten Ausbildungsjahr zu Bahnbetriebsdisponenten. Assen am Alex eine Wurst auf grauer Pappe, freuten uns, wieder im Westen, über die fehlende Polizeistunde, soffen rund um die Uhr, Pizza weit nach Mitternacht, auf die Straße gekotzt.
Nicht anders als die Teenie-Touris heute.
Ein Unterschied: Wir glaubten noch, dass sich alles zum Besseren wenden würde.
Ein Zweiter: Sie whatsappen selbst auf der Tanzfläche.

1989. Mein Leben ist Geschichte.
Mein jüngeres Ich, vorschwul, androgyn, zwinkert mir zu, hier vor dem Haus mit dem drehenden Stern auf dem Dach. Kein Himmel über Berlin. Der Mann, der ich geworden bin, umarmt das frühere Wesen, sagt „Schau, Jahre später lebe ich in dieser Stadt.“
Mein jüngeres Ich nickt anerkennend.

30 Jahre, kurz wird mir schwindelig.
So viel Leben.
Da kommt noch mehr.
Vielleicht so viel wie schon.
2068 wäre ein schönes Todesjahr.

Mein vergangenes, mein gegenwärtiges und mein zukünftiges Ich tanzen im Brunnen vor dem Center einen Reigen. Sie werden nie aufhören.
(Später in einen Club im Osten sehen sie, wie die Jugend immer noch auf Schrottplätzen tanzt, zu Wunderkammern gestaltet.
Die Jüngeren, die sind, wie ich war.
Das tanzende junge Ich, wie es vor 30 Jahren die Älteren beobachtete und wusste, eines Tages bin ich wie die.
Die tanzenden Jugendlichen, die mein gegenwärtiges Ich anschauen und denken, der ist immer noch unterwegs.
Hört nicht auf!
Unter einem Zirkuszeltdach glitzern die alten, aber alterslosen Seelen der Tanzenden,
auf Wanderschaft seit der Homo sich zum Sapiens erhob, wogen über den Köpfen, kollidieren zu Feuerwerken * * * * * die Raumzeit fügt sie musikgeführt zusammen und löst sie auf, ein Pulsieren, die Poetik der Sterne erschließt sich den Sehenden, das Auf und Ab ihrer Brustkörbe, hunderte Hände hochgestreckt, sich einschreibend in die Luft, Moleküle fangend, kein gestern, heute, morgen in sich tragend, so soll es ewig sein, dieses Wir.)

Ich erreiche am Wittenbergplatz die Fressbude, die so schön bunt, zu bunt ist, heute, ich wäre der einzige Kunde, alleine allein rumstehen und alle sehen mich allein alleine rumstehen, hell beleuchtet, nein.
U-Bahn, zurückbleiben bitte, fast eingeklemmt, Fahrschein nicht entwertet! Umsteigen, weit und breit kein Fahrscheinentwerter, werde sicher erwischt, umsteigen, endlich, knips. Zum Schwarzfahren fehlt mir die kriminelle Energie; nein, zu feige bin ich, bloß nicht bloßgestellt werden. U7, am Hermannplatz setzt sich ein Videoanrufender neben mich, ich könnte in die Kamera winken, nach Syrien oder sonstwohin, steige an der Karl-Marx-Straße aus, die gegen den Ku’damm kein sprichwörtlicher Dreck ist.
Trotzdem: Karl Marx ist mir lieber als Fasan.

4 Kommentare

  1. Lieber Urs,

    was für ein poetischer und surrealer Nachtstreifzug durch die Welt des Theaters, des Luxus und der Einsamkeit, auf dem Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen. Furioso!
    Bitte mehr davon!

    Herzliche Grüße
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

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