Selbst–

Man glaubt gar nicht, was man alles selber kann, das man vorher nicht konnte.
Doris Knecht, Wald

50×50, Tag 49

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ich zählte nach wieviele Tage ich lebe und stieß auf Gesichtsdildos, bevor ich an die Rente in einem Schwulenmekka dachte.
(Gestern: Glow in the Dark)

Stufen

2019
Fünfzig werden, ein halbes Jahrhundert auf Erden, ein Alter erreicht, das für meine Generation noch nicht einmal den Übergang ins letzte Lebensdrittel markiert, laut Tabelle hatte ich 2019 noch 33,3 Jahre vor mir. Fünfzig werden bringt wohl zwangsläufig eine gewisses Nachdenken über die eigene Vita mit sich und das, was da noch kommen möge.

Im Masterstudium Biografisches und Kreatives Schreiben, das ich 2019 abschloss, lernte ich im Modul Lebensphasen und Lebenskrisen das Stufenmodell von Erik Homburger Erikson kennen. Laut diesem erreichen wir im Stadium „Hohes Erwachsenenalter“ voll Reife, wir lernen, den „eigenen und einmaligen Lebenszyklus zu akzeptieren, als etwas, das sein musste und das zwangsläufig keinen Ersatz zuließ“. Wir entwickeln dem eigenen Schicksal und den Ereignissen aufgrund vieler, auch wiederkehrender Erfahrungen eine gewisse Gelassenheit. (Vgl. Schierenbeck)

2021
Biografisches Schreiben spielt dabei eine wichtige Rolle. Ich meine hier explizit nicht die Form der Autobiografie oder des Memoirs, sondern dessen Funktion als Technik der Selbstvergewisserung und Selbstsorge, das „Über sich selbst schreiben“ wie ein Text von Foucault betitelt ist. Auf diesen gehe ich nachfolgend ein, weil er das, was ich bloggend tue, besonders in der Serie 50×50, fundiert.

In der „Kultur der Digitalität“ (Stalder), besonders auf den sogenannten Social Media, wenden wir tagtäglich „Verfahren des Sich-Einschreibens in die Welt durch Hinweisen, Verbinden und Verändern (an), um durch das eigenen Handeln in der Welt Bedeutung zu schaffen und um sich selbst in ihr zu konstituieren, für sich und für andere.“ (ebd. S.123) Mit der bekannten Konsequenz der konstanten Erregung, Verzettelung, des Konzentrationsverlusts, des Gefühls der Überforderung ob des ständigen Buhlens um Aufmerksamkeit.

Stultitia

Foucault beschrieb lange vor dem Internet (1983) das „große Laster der stultitia“ (Foucault, S142f): „Stultitia ist definiert  als geistige Erregung, als instabile Aufmerksamkeit, als ständiger Wechsel der Meinungen und des Willen und folglich als unstetes Verhalten angesichts der Dinge, die geschehen können.“ (ebd.)

In manchen von uns reift der Wunsch, sich aus dem ganzen Brimborium zurück zu ziehen, ins Landhaus, zum digitalen Detox. Derzeit sind wir allerdings so erschreckend voneinander abgekapselt, dass wir dankbar sind, können wir mit digitalen Technologien in Verbindung bleiben. Die digitale Ko-Präsenz hilft uns, den Rückzug in die eigenen vier Wände auszuhalten. Auch über sich selbst zu schreiben „hilft gegen die Gefahren der Einsamkeit; es setzt das eigene Tun und Denken einem möglichen Blick aus.“ (ebd. S.138)

Ich schreibe also werde ich

Diesbezüglich geht Foucault auf die hypomnêmata ein. Vereinfacht gesagt, handelt es sich dabei um Journale, um Notizbücher, ein „materielles Gedächtnis des Gelesenen, Gehörten und Gedachten“ (ebd. S.140). Sie sind zwar persönlich, aber keine Selbstdarstellung. Ihr Zweck ist „nichts Geringeres als die Konstitutierung des Selbst“ (ebd. S.141). Hypomnêmata dienen der Selbstvergewisserung und der Selbstsorge, der Fähigkeit mit sich selbst zu leben „sich selbst zu genügen und sich selbst zu genießen.“ (ebd. S142).
In Journalen kommen die unterschiedlichsten Notizen zusammen, deren Neben- und Miteinander den Umgang mit dem Disparaten erleichtert. Die subjektive Zusammenstellung im Akt des Schreibens und des Lesens und Wiederlesens ist einerseits eine Aneignung der Welt, andererseits bilden die Schreibenden in der Sammlung ihre eigene Identität. (Vgl. Foucault S.144f)

In diesem Sinne verstehe ich mein Motto „Ich schreibe also werde ich“. (Vgl. www.schreiben.rocks)

Maison Du Futur

2023
Max zitiert aus seinen Notizen: Mir ist Cinque Terre lieber als eine 5 vor der 0.

Michel Foucault: Über sich selbst schreiben. In: Ästhetik der Existenz. Suhrkamp, Frankfurt a.M., 2007.
Doris Knecht: Wald. Rowohlt, Berlin, 2015. S.101
Gitta Schierenbeck: Lebensphasen und Lebenskrisen. Lehrbrief zum gleichnamigen Modul 4 (WiSe 2016/2017)
Felix Stalder: Kultur der Digitalität. Suhrkamp, Berlin. 3. Aufl. 2017.

Ein Kommentar

  1. Lieber Urs,
    wow, was für ein FastFinale !!!
    Wenn ich gerade jetzt und auch längst vor Corona das Schreiben nicht an meiner Seite hätte, würde mir nicht nur etwas fehlen, ich wäre mir vielen Aspekten meines Lebens nicht so bewusste, wie es mir auf Zeilen und in Worten schreibend, dann offenbart wird.
    *Auch über sich selbst zu schreiben „hilft gegen die Gefahren der Einsamkeit; es setzt das eigene Tun und Denken einem möglichen Blick aus.“*
    Ich führe einen schreibende Dialog mit mir, wenn es um Entscheidungen geht, wenn ich Situationen und Beziehungen und vieles mehr klären möchte … Ich erfinde neue Figuren aus mir und der Welt heraus und erfreue mich an ihnen auf eine ganz eigene und sehr stille Weise,
    komm heute Nacht gut in deinen Geburtstag, lieber Freund und Schreibgefährte,
    Sabine.

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