2) Bed-In

Ich steige verkatert in einen ICE, lege mich zu Yoko und John ins Bett und manifestiere unerschütterlichen Optimismus.

MORGANA
© Massimo Spada. Studio preparatorio per immagine.

Sonntag Mittag, ich quäle mich aus dem Bett, viel zu viel getrunken gestern bei einem Freund am Görli. Schöne Wohnung hat der, einen passenden Wohnpartner und viele nette Freunde. Aber wie es so ist an Hausfesten, man trinkt zu viel. Blöd vor allem, wenn der grösste Teil der Gäste ungefähr halb so alt ist wie man selbst. Die kippen und kippen und spritzen das am nächsten Morgen einfach mit ein bisschen Wasser ins Gesicht weg. Während ich mindestens bis Mittwoch mit Kugeln an den Füssen herumschlurfen werde. Ich setze Teewasser auf, koche zusätzlich frischen Ingwer auf. Setze mich wie gewohnt aufs Sofa, versuche online Zeitung zu lesen. Erdogan beschimpft Europa, weil seine Schergen nicht überall Propaganda machen dürfen. Von Faschismus redet er und Nationalsozialismus.
An den Berliner Flughäfen wird ab Montag früh wieder gestreikt. Hoffentlich erwische ich meinen Flug, denke ich kurz. Ich trinke Grüntee mit Ingwer, die Sonne scheint rein.
Moment! Ich schaue besser mal nach, ob mein Flug überhaupt fliegt. Annuliert steht auf der Homepage der Fluggesellschaft. Ausgerechnet! Dabei wollte ich doch wie üblich den Zug zu nehmen, buchte dann aber mal wieder einen Flug aus Bequemlichkeit und Kostengründen. Dumm! Ich rufe wie empfohlen das Service Center an, drücke die 1 hierfür und die 2 dafür, erfahre, dass es mindestens zehn Minuten dauere, bis ich verbunden würde, stelle auf Lautsprecher um und höre im Minutentakt Werbung für die Business Class, die ich ausprobieren soll, weil auf Knopfdruck in ein Bett umwandelbare Sitze.
Das will ich im Moment nicht wissen. Das Telefon düdelt vor sich hin, während ich einen Kaffee aufsetze etwas Salziges esse und mir langsam dämmert, dass ich wohl nicht so, wie ich dachte nach Zürich kommen werde. Fliegen wird sowieso nicht gehen, bestimmt alles ausgebucht. Also Bahn. Kurz vor 16 Uhr gibt es eine Verbindung. Mein Kopf dröhnt bei der Vorstellung, mit faltigem Gesicht und Mundgeruch wie eine Brauerei über 8 Stunden Fahrt vor mir zu haben. Mittlerweile düdelt das Telefon seit 45 Minuten. Ich fange besser an zu packen. Es düdelt seit über einer Stunde. Langsam wird’s auch für den Zug knapp, ich hänge auf, buche schnell ein Ticket.
In dem Moment kommt das Foto von Massimo an. Ein Bett. Yoko und John, denke ich. Bed-In. Darüber werde ich schreiben, wenn ich im Zug sitze.

1024px-Bed-In_for_Peace,_Amsterdam_1969_-_John_Lennon_&_Yoko_Ono_17

© Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief: Fotocollectie Algemeen Nederlands Fotopersbureau (ANEFO), 1945-1989 – negatiefstroken zwart/wit, nummer toegang 2.24.01.05, bestanddeelnummer 922-2302Nationaal Archief

Der ICE fährt auch tatsächlich pünktlich ab, übervoll zwar,  immerhin finde ich im Speisewagen Platz. Der Anschluss in Hannover klappt, Mannheim lassen wir aus, wegen eines Personenschadens. In Basel werde ich hoffentlich den 23:07 Zug erwischen *, dann bin ich um Mitternacht bei meiner Freundin, bei der ich jeweils übernachte, wenn ich in Zürich arbeite.

Benebelt (vielleicht vom Rauch von Sophias Pasta-Topf) dösen wir ein und finden uns bei Yoko Ono und John Lennon in Amsterdam im Bett, die darin gerade für Frieden Demonstrieren. Wir hören John Imagine summen. Der Traum wird kurz durchweht von der Durchsage der Zugführerin; aufgrund von Bauarbeiten habe der Zug schon 26 Minuten Verspätung.
Weiter träumen! (und bloggen, im ICE gibt’s immerhin WLAN)

John Lennon singt God:

I just believe in me, Yoko and me, and that’s reality
The dream is over
What can I say?
The dream is over
Yesterday
I was the dreamweaver
But now I’m reborn
I was the walrus
But now I’m John
And so, dear friends,
You’ll just have to carry on
The dream is over

Ein Grund, mein Manifest zu veröffentlichen (geschrieben für Modul 1).

Das Manifest der unerschütterlichen Optimisten
In dunklen Zeiten hilft eines: unbeirrbarer, schwärmerischer Optimismus. Einschränkung: Gilt für Menschen, die das Privileg haben, komfortabel in Westeuropa (oder vergleichbar) zu leben.

  1. Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss.
  2. Wer den Kopf hängen lässt, sieht nicht nach Vorne.
  3. Don’t look back in anger.
  4. Wenn Du Pech hast, hast Du einfach Pech.
  5. Richte eine Beschwerdestelle für Dein Unglück ein.
  6. Wenn der Krug zerbrochen ist, geh mit einem Becher zum Brunnen.
  7. Gerechtigkeit ist ungerecht verteilt.
  8. Empöre Dich (über die Ungerechtigkeit der Welt)!
  9. Der Mensch ist des Menschen Wolf Wellensittich
  10. Für jede schlechte Nachricht lies eine gute.
  11. Resignation ist der Tod der Demokratie.
  12. Suche das Wir, nicht das Ich.
  13. Kollaboriere!
  14. Kreieren statt regieren!
  15. Die menschliche Fantasie ist unerschöpflich.
  16. Beschwöre das Gute, nicht Götter.
  17. Du bist mehr als Du konsumieren kannst.
  18. Investiere in Liebe, nicht in Aktien.
  19. Höre nie auf, Schönheit zu bewundern.
  20. Berausche Dich (am Leben)!
  21. S p r e a d L o v e !

Punkt eins ist ein Filmtitel: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Leben_ist_ein_langer,_ruhiger_Flu%C3%9F Punkt drei ist der Titel eines Songs von Oasis: https://www.youtube.com/watch?v=r8OipmKFDeM (Oben aus dem Zusammenhang gerissen, aber Quellenangabe ist Quellenangabe…)

* Eine erneute Durchsage informierte gerade darüber, dass wir Basel Bad Bhf erst um 23:11 erreichen werden. Zürich auch. Irgendwann. Morgen werde ich nicht früh aufstehen, nein nein nein.

4 Kommentare

  1. Lieber Urs,

    genau dasselbe habe ich auch bei dem Foto gedacht. Yoko und John im Bett in New York in love in demonstration of ( or is it for ) peace and understanding.

    Die Idee, ein Foto zu kommentieren, finde ich ganz spannend, zu lesen, was passiert, wenn äußere Bilder auf innere Bilder treffen und dann zu Worten werden..

    Nu bin ich neugierig auf mehr!

    Alles Liebe

    Hedda

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