3) Sophia kuratiert Sergio

Christopher Williams winkt vom Olymp aufs gnadenlose Kunstsystem hinab. Sergio flucht und trinkt Campari.

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© Massimo Spada. Studio preparatorio per immagine. Aus: Art Director’s Index for Photographers. 1983.

Sophia steht in ihrem Kunstraum ‚Senza Parole‘ im Viertel San Lorenzo unweit des Hauptbahnhofs Roma Termini. Demnächst soll die Ausstellung ihres Freundes Sergio eröffnen. Der sitzt die Hände verwerfend vor einem Laptop. „Porcamiseria!“, flucht der Künstler, „Schau Dir diesen Link an, Sophia!“ Sie guckt ihm neugierig über die Schulter. Schon wieder ein Kochtopf, denkt sie schmunzelnd. „Carissima, wir können meinen Topf nicht zeigen, unmöglich!“, ruft Sergio. „Basta! Fingere nicht auf meinem Bildschirm rum!“, weist Sophia den Erregten zurecht und schickt ihn weg: „Tesoro, geh einen Campari trinken und lass mich in Ruhe meine Arbeit erledigen.“
Die junge Kuratorin hatte geahnt, dass es nicht einfach würde, mit ihrem Lebenspartner eine Ausstellung zu machen. Sie ist den Umgang mit sensiblen Künstlerseelen zwar gewohnt, aber Sergio ist eine richtige Mimose, wenn es um sein Werk ging. Was hatte die Nonna immer gesagt? Arbeit und Liebe gehören getrennt, Schätzchen. Tja, liebe Nonna, die Zeiten haben sich geändert, heute bügeln wir Frauen unsere eigenen Hemden, antwortet Sophia ihrer Großmutter in Gedanken, hab sie seelig.

Sophia hat  durchaus Verständnis für Sergios Aufregung: Das Kunstsystem ist gnadenlos. Da schafft es einer wie Christopher Williams auf den Olymp und wird von einer der Top-Galerien wie Zwirner vertreten, wo er sich höchstwahrscheinlich ein goldenes Händchen verdient. Während ein anderer, nicht weniger talentiert, in einem Non-Profit Kunstraum wie dem ihren nicht einmal ein Honorar erhält. Dafür leiste ich einen wichtigen kulturellen Beitrag, schließlich ist Rom bezüglich zeitgenössischer Kunst immer noch eine Wüste, bestärkt sich Sophia nicht zum ersten Mal. Viel Erfolg hat sie tatsächlich, zumindest was den Zuspruch des Publikums und der Presse angeht. Aber heute fragt sie sich wieder einmal, wie lange sie das noch durchhalten würde. Ihr Brotjob, Aufsicht und Guide im Maxxi, hängt ihr dermaßen zum Hals raus!
Aber eben, denkt sie, Kunst kommt heutzutage nicht von Können, sondern von dem, der sich behaupten kann. Über Erfolg bestimmt ein enges Machtsystem weniger Großgaleristen, Sammler und Superkuratoren. Was diese für gut befinden erhält Reliquienstatus, wird angebetet und zu exorbitanten Preisen gehandelt. Darunter geht kaum mehr was. Der Mittelklasse des Kunstmarkts geht es schon länger schlecht. Avantgarde Kunstsystem, spottet Sophia und wird in ihrem Gedankenstrom unterbrochen, denn Sergio betritt die Galerie, mit einem Stockimage-Katalog von 1983 wedelnd: „Guarda, Amore, damals war noch nicht jeder ein Fotografe.“

Noch bevor wir diesen Dialog starteten, bat mich Massimo, für ihn in die Galerie Capitain Petzel zu fahren und das Programmheft zu einer Ausstellung von Christopher Williams zu kaufen, der seit 2008 die legendäre Fotografieklasse an der Kunstakademie Düsseldorf leitet, bekannt für die Neue Sachlichkeit.
Capitain Petzel befindet sich in einem Pavillon an der Karl-Marx-Allee mit dem ich auch liebäugelte, als ich vor über zehn Jahren nach Räumen für das Substitut suchte. Was für ein idealer Ort wäre das gewesen für meine Swiss-Institute-Pläne (leider schon damals exorbitant teuer)!

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Capitain Petzel

Aktuell ist bei Petzel eine Ausstellung von Natalie Czech zu sehen. Die Künstlerin zeigt gelungene Fotografien von rätselhaft drapierten Kleidungsstücken, die auf den ersten Blick wie Malerei aussehen. Da und dort gesellt sich ein Gedicht dazu. Hier begegnet mir John Lennon wieder: Für „Poems by Repetition“ (seit 2013) verarbeitete die Künstlerin das Cover seines Albums „Imagine“.

Als ich das erworbene Heft aufschlage, muss ich schmunzeln. Schon wieder Kochtöpfe!
Wird das hier am Ende ein Blog über Kochutensilien? Einen Küchenblock macht doch schon meine Mitstudentin Annemarie Winckler!

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aus: Christopher Williams, Open Letter to Model No.1740, Published by Capitain Petzel, Berlin, April 2016

Zum Thema Kunstsystem empfehle ich die Doku GELD.MACHT.KUNST.

6 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    ich finde Deine Blogbeiträge sehr spannend, denn sie geben mir Einblicke in eine Welt, die eher nicht die meine ist.Mit dem Foto als Ausgangspunkt steckt soviel Information über die Kunstszene drin, das ich nur staunen kann. Und das man eine Verbindung zwischen Kunst und Küche und dann auch noch meinem Blog herstellen kann, das hätte ich eher nicht vermutet. Wie nett, dass Du es getan hast.
    Herzliche Grüße
    Anne

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  2. Lieber Urs,
    Sophia und Sergio geben wieder einen lebendigen Einstieg in das Thema. Die Kommerzialisierung von Kunst ist für Künstler und Kuratoren bestimmt ein zweischneidiges Schwert.

    Ich kann mich noch erinnern, als ich vor ein paar Jahren in Florenz im Palazzo Vecchio zufällig Damien Hirsts Diamantschädel „For the love of God“ besichtigt haben. Man kam in einen dunklen Raum und in einer Vitrine im Licht prangte der Schädel wie ein Heiligtum. Bizarr.

    Du hast mich neugierig auf die Galerie Capitain Petzel gemacht.
    Und an den Kochtöpfen kommst Du einfach nicht vorbei!

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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  3. Lieber Urs,

    lebendig ist dein Blog und voller interessanter Informationen. Mir geht es wie Ulrike, ich habe Lust, die Galerie Capitain Petzel aufzusuchen und mich inspirieren zu lassen. Dass die Entscheidung, was Kunst ist und was weg kann, mehr und mehr von einem undurchsichtigen Machtsystem zusammenhängt – das finde ich ebenfalls und bedaure es sehr.

    Hedda

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    • Liebe Hedda,
      Ein Besuch lohnt sich, schon nur, weil da in der Nähe auch das Kino International und Café Moskau liegen. Danach einen Drink im Salon Babette kann ich nur empfehlen (besonders, wenn man die 50er-Architektur liebt)
      Herzlich, Urs

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  4. Lieber Urs, wieder ein Ort für meine Berlin-Liste, wieder ein Blogbeitrag, bei dem ich in eine für mich völlig neue Welt eintauchen kann, die ich hochspannend finde, vor allen Dingen den Bezug zur Düsseldorfer Kunstakademie, die bei mir quasi um die Ecke liegt, also etwas näher um die Ecke als Berlin …
    Und wieder ein Topf und noch einer, der mir vertraut ist …
    Viele Grüße,
    Sabine

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