8) Tu es une métropole qui rêve

Sophie und Sergio träumen und SMSen.
Was von der Gegenwart übrig bleibt und abschließende Gedanken zur documenta14 in Athen.

bild8
© Massimo Spada. Studio per immagine preparatorio. Text: Zeit der konkreten Dinge.

Sophia erholte sich in Ostia einigermaßen vom Schock, dass Sergio auf Männer steht. Auch auf Männer steht. Paolo ist nicht nur ein feuriger Liebhaber sondern entpuppte sich als richtig fürsorglicher Freund. Trotzdem kommt sie etwas derangiert zu Hause an, pfeffert ihre Reisetasche ins Wohnzimmer lässt sich auf den Divan fallen und döst ein. Sophia schreckt auf, als sie meint, auf der Treppe einen fremden Mann zu sehen. Sie ist sich fast sicher, auch ihre Freundin Francesca stünde da. Sophia gähnt und streckt sich. Was wohl Sergio macht? Sie nimmt ihr Telefonino und tippt: „Sergio, wann kommst Du zurück? Wir müssen reden. Ich hoffe, Dir geht’s gut. Sophia.“
Das Handy gongt postwendend: „Liebe Sophia, bitte gib mir noch ein wenig Zeit. Übrigens habe ich gerade geträumt, Paolo und Francesca seien bei Dir. Ich hoffe, Du bist nicht alleine. Tut mir leid. Trotzdem ein Bacio, Sergio.“
Paolo?, denkt Sophia, nein, da war ein Fremder.
Sergio legt das Handy zu Seite und dreht sich um zum schlafenden Horst, dem er vor drei Tagen im Möbel Olfe begegnete und seitdem in seinem Bett in dessen schicken Wohnung in Neukölln liegt. Mio angelo tedesco, mein deutscher Engel, flüstert Sergio. Horst lächelt im Schlaf.

Welchen der Steine du hebst – (lassen wir das, du hast
dich noch nie
mit Steinen beschäftigt). Stets schürfst du
mit deinen Schritten im tieferen Schlamm,
            in dich strömt –
                                       dies ist der osmotische Gang
                         der Geschichte –
Altertum ein. Familiengebein. Du bist in den Sedimenten
der Sippe verkeilt,
             welches der Worte du sprichst –

Aus: Lars Reyer, Ableitungen. In: Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller? Hrsg. Haslinger. Treichel. Edition Suhrkamp. Frankfurt Main, 2005.

Was wird von der Gegenwart bleiben, frage ich mich, durch Athen delirierend, Lost in Translation. Die documenta14 liefert keine Antworten (Siehe auch: Der Führer ist auch da). Ich sehe keinen roten Faden im beliebigen Nebeneinander, finde vieles belanglos und ärgere mich über die Nicht-Involviertheit der Veranstaltung angesichts der lokalen und internationalen Lage. Im Benaki-Museum besuche ich auch die (nicht zur documenta gehörende) Video-Ausstellung Paradoxic Paradoxes. Vor allem die Arbeit „with history in a room filled with people with funny names 4“ (2017) von Korakrit Arunanondchai begeistert mich. Die im Video geäußerten Sätze Tu es une métropole qui rêve und will you find beauty in this sea of data? flechten sich in meinen Gedankenstrom ein. Endlich begegne ich dem poetischen und rätselhaften Mensch-Sein wieder. Mein Staunen ist zurück, nicht das kindliche, sondern das Möglichkeitsräume eröffnende.

Da ich von der documenta nicht mehr viel erwarte, besuche ich die Ruinen. Als erstes pilgere ich zum Dionysos-Theater am Fuße der Akropolis. Ursprung des Theaters. Jahrtausende überdauerte das griechische Drama, dessen Spannungsbogen bis heute omnipräsent ist.

dyonisos
Was wird von der Gegenwart bleiben? Wird Castorf bleiben? Foto: Urs Küenzi

Später gehe ich zum Lyzeum des Aristoteles. Geburtsort des Gymnasiums und der Universität.

gymnasium
Lyzeum von Aristoteles. Entdeckt, als hier 1966 ein Museum für zeitgenössische Kunst hätte gebaut werden sollen (honi soit qui mal y pense). Foto: Urs Küenzi

Hier entwickelte also das Universalgenie mit seinen Schülern spazierend Gedanken.
Es gibt auch eine der guten Arbeiten der documenta zu hören (von Postcommodity): Bruchstückhafte Erzählungen von Geflüchteten usw. schallen wenige Minuten über die Anlage, dann wieder lange Stille, bis auf den Verkehr, den Lärm dieser Metropole ist nichts zu vernehmen.

postcommodity

Was wird von der Gegenwart bleiben?

Ihr lieben antiken Griechen

Habt der Nike einen Tempel errichtet.
Wir rutschen
in Turnschuhen
über den glatten Marmor,

zwischen Euren Bauten.
Von denen
kein Staubkorn
mehr übrig ist.
In 100’000 Jahren.

Die Plastikschuhe mit denen
wir sneaken
durch die Reste Eures Daseins,

brauchen zum Zerfallen
fünf Jahrhunderte.
Immerhin.
Haben wir mit Atomstrom
gefertigt.

Vergraben in Höhlen den toxischen Müll.
Das sind unsere Tempel.
Das Strahlenmeer ist unser –
Erbe.
Es wird alles überdauern.

Urs Küenzi

nike
Kein antikes Turnschuhfachgeschäft. Foto: Urs Küenzi

Abschließende Gedanken zum Athener Teil der documenta

TV
Eines der unzähligen Wandbilder in Athen. Foto: Urs Küenzi

Kunst, nicht nur Bildende, ist eine Matrix zur Begegnung und Auseinandersetzung mit der Welt. Ist der Empfang gestört, kann man auf das Fernsehgerät hauen oder die Antenne besser ausrichten. Der Kurator Adam Szymczyk hat das Netz aber so weitmaschig und wenig tragfähig ausgelegt, dass man zu schlingern anfängt und ins Bodenlose zu fallen droht. Da nützt alles hauen nichts.

Neben den (hier und im vorangehenden Blogeintrag) bereits erwähnten Werken möchte ich empfehlen:
Victoria Square Project (Elpidos 13), ein vom Künstler Rick Lowe nach dem Prinzip der community-based-spaces initiierter (Kunst)-Raum nahe des Platzes, wo vor einem Jahr noch Geflüchtete zelteten.
Auf dem Kotzia Platz unweit des Marktes hat Rasheed Araeen einen Pavillon aufgebaut, Täglich zweimal serviert Organization Earth Essen, Leute kommen zusammen und (sollen) diskutieren miteinander. Wird rege genutzt, beobachte ich.

zelt
Kotzia Platz mit Warteschlange

Ich habe entschieden, Werke die mir gefallen hervorzuheben, auch aus Platzgründen, . Zum Schluss noch ein besonders schlechtes Beispiel:

Zaun
Entsorgt das auf dem Kunstmarkt, bitte! Foto: Urs Küenzi

Der Künstler Olaf Holzapfel nennt das „Zaun“ (die Bilder an der Wand gehören auch dazu) und ein Begleittext referiert über Grenzen etc. Nichts gegen Abstraktion, von der in diesem Blog auch schon die Rede war, aber was zu sehen ist, ist nur gefällig. Natürlich ist die Ausstellung keine Politikveranstaltung und Sinnlichkeit, ja Poesie eine der Stärken künstlerischer Weltsicht. Aber „Zaun“ ist ein Paradebeispiel für beliebig aufladbare und kontextualisierbare Kunst, von der es an der documenta einige zu sehen gibt.

Da lange ich mir an den Kopf!

haare-raufen.jpg
Foto: Urs Küenzi

 

10 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    schön, dass bei soviel Kunstbetrachtung, Antikenbeschau und Gedankengewimmel immer auch Zeit für Sophia und Sergio bleibt. Dein Gedicht über die „lieben antiken Griechen“ lässt mich schmunzeln. Es hat so etwas Vertrautes im Umgang mit denen, die als Vorbilder und Vorreiter glorifiziert werden.
    Liebe Grüße
    Anne

  2. Lieber Urs,

    da war sie wieder ide Gänsehaut, doch diesmal nicht durch Sergio und Sophie, sondern durch deine Reflektion über die Ausstellung „Paradoxic Paradoxes“:

    „Die im Video geäußerten Sätze Tu es une métropole qui rêve und will you find beauty in this sea of data? flechten sich in meinen Gedankenstrom ein. Endlich begegne ich dem poetischen und rätselhaften Mensch-Sein wieder. Mein Staunen ist zurück, nicht das kindliche, sondern das Möglichkeitsräume eröffnende.“

    Ich staune bei dir ja sowieso immer wieder. 😉

    lg. mo…

    P.S. Das „Strahlenmeer“ klingt fast zu schön…

  3. Lieber Urs,

    zwei Sätze sind es, die mir sofort in die Seele hüpften :

    Endlich begegne ich dem poetischen und rätselhaften Mensch-Sein wieder. Mein Staunen ist zurück, nicht das kindliche, sondern das Möglichkeitsräume eröffnende.

    Wenn das in Athen passiert, buche ich morgen den nächsten Flug – for sure.

    Danke für den Ausflug in die Kunst.

    All the best

    Hedda

  4. Lieber Urs,
    spannend, wie du auf den steinernen Spuren der Antike dieser Jahrtausend alten Kultur nachgespürt hast – die es geschafft hat, nicht nur physisch bis in unsere Gegenwart überlebt zu haben, sondern auch geistig – was du ja an Aristotelischen Drama gut verdeutlichst – ob im Theater, in der „hohen“ Literatur oder der seichten TV-Unterhaltung – auf diesen „Grundsteinen“ bauen wir immer noch.

    Faszinierend finde ich die Klanginstallation von Postcommodity – dass Geräusche und Sprache ein zweischneidiges Schwert sind (Lehre/Wissensvermittlung und Abschreckung/Verwirrung), regt mich zu vielen Gedanken an.

    Sehr hintergründig und witzig finde ich auch deine Ode an die antiken Griechen. Wenn Nike Schuhe auf dem Marmor des Nike-Temels ausrutschen, dann wird mir bewusst, dass Kulturverständnis auch trainiert werden muss und nicht immer bei der ersten Begegnung (Begehung) verständlich ist.

    Und die Frage nach dem, was wir der Nachwelt hinterlassen – die Müllberge und verstrahlten Meere – eine wirklich tragische Bilanz. Ich hoffe jedoch, dass auch geistiges Kulturgut aus unserer Zeit überdauert.
    Vielen Dank, dass du uns auf deine wechselhafte Zeit- und Kulturreise mitgenommen hast.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

  5. […] Horst sitzt auf dem Sofa und fühlt sich einsam. Das Handy piepst. Gierig greift er danach. Kurz blitzt die Hoffnung auf, es könnte Wolfgang sein, den er letzte Woche im Ficken3000 am Tresen getroffen und zahlreiche Gin-Tonics über den Durst getrunken hatte. […]

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