10) Die Enden des Regenbogens

Gedanken zur Lage von LGBTI*-Menschen, Pinkwashing und Diversity.
Sophia wird schwarz vor Augen.

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© Massimo Spada. Studio preparatorio per immagine.

Ich bin kein großer Fan des Eurovision Song Contests, obwohl ich schwul bin, ein warmer Bruder, eine Schwuchtel, eine Tunte, ein Schwanzlutscher, ein Arschficker,
un finocchio, a fag, pédé.
Aber der ESC hat wieder politische Dimensionen. Letztes Jahr wurde der Sieg der Ukraine als Sieg über die russische Politik interpretiert. In Kiew entbrannte nun ein Streit über ein in Regenbogenfarben bemaltes Denkmal. Auch das Motto des Wettstreits „Celebrate Diversity“ stößt vielen sauer auf, sie wehren sich gegen „europäische Werte“. Gegen Diversity wird auch in unseren Landen heftig gewettert (diesbezüglich empfehle ich das Stück FEAR von Falk Richter an der Berliner Schaubühne). Trotzdem wird die Partei auch von LGBTI*-Menschen gewählt. Die AfD betreibt damit vor allem Pinkwashing. Indem sie Schwule umarmt, heuchelt sie gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit Toleranz.
Das tut auch Netanjahu gerne, vermag damit aber nicht darüber hinweg zu täuschen, dass die Toleranz unter seinem Regime nicht für alle Bewohner*Innen Israels gilt. Natürlich, ich fürchtete mich in Tel Aviv, wo ich mehrmals war, nicht, öffentlich einen Mann zu küssen. Ich bezweifle, dass ich mich das in Ramallah traute. Ich würde zwar nicht von einem Hochhausdach gestürzt, wie in IS-Gebieten oder gerade wieder in Tschetschenien, aber trotzdem halte ich die Menschen dort für weniger tolerant.
Bin ich Opfer meiner eigenen Vorurteile?
Wie offen sind meine Mitmenschen in Neukölln, von denen einige ein autoritäres Regime bevorzugen?
Als ich kürzlich nach einer Party Hand in Hand mit einem dunkelhäutigen Franzosen nachts die Sonnenallee hochschlenderte, dachte ich keine Sekunde daran, dass dies ins Auge gehen könnte. Ging es zum Glück nicht, obwohl es in Berlin regelmässig zu brutalen Übergriffen kommt. Als uns zwei grimmig stierende Männer entgegen kamen, wurde mir doch mulmig. Und da war es wieder, dieses widersprüchliche Gefühl eines selbsterklärten Diversity-sensiblen, aufgeschlossenen, Fremde willkommen heißenden schwulen Cis-Mannes. Wie sicher bin ich in meiner Stadt, besonders in einem migrantisch geprägten Viertel und wie sehr bedrohen diese Menschen aus anderen Kulturkreisen meine Freiheit?

Vorurteile sitzen tief. Auch in der sich offen gebärdenden intellektuellen Elite. Das zeigt sehr schön die empfehlenswerte Horror-Komödie ‚Get Out‘, die derzeit in den Kinos läuft. Plot: Eine weiße Frau besucht mit ihrem schwarzen Partner ihre stinkreichen Eltern. Dieser wird dort vorgeführt wie ein Prachtesel. Der Vater: Ich habe auch für Obama gestimmt. Ein anderer unterstreicht seine vordergründige Toleranz durch seine Bewunderung für den Golfer Tiger Wood.
Wie sehr sie in die Rassismus-Falle tappen, ist den Leuten selten bewusst. Mir hat vor Jahren eine Bekannte stolz verkündet, dass sie für ‚uns Homosexuelle‘ gestimmt habe (die Eingetragene Partnerschaft in der Schweiz). Darob geriet ich in Rage und fragte, ob sie eigentlich meine, mir einen Gefallen getan zu haben? Es sollte selbstverständlich sein, dass wir alle, ungeachtet der sexuellen Orientierung, des Geschlechts, des sozialen Statuses, der Ethnie dieselben Rechte haben. Dass dies noch immer nicht der Fall ist, ist das eigentlich Skandalöse unserer vermeintlich fortschrittlichen Demokratien.

Sophias Hoffnung löst sich in Nichts auf, als sie Sergio und Horst in Umarmung sieht. Alles verdunktelt sich. Weit entfernt hört sie die Stimme von Sergio.
Sie wird hochgezogen, hinausgeschleppt, auf den Rücksitz eines Autos gelegt.
Sie schwankt in einen Aufzug und sieht erst wieder klarer, als sie auf dem Sofa im Wohnzimmer liegt, ein kalter Lappen auf der Stirn, Sergio neben ihr kniend. Hinter ihm steht der Fremde mit besorgtem Blick. Sergio war so umsichtig, ihre Freundin Francesca anzurufen, die gerade mit einem starken Kaffee aus der Küche tritt.
Die vier reden die ganze Nacht durch. Frühmorgens holt Horst ein paar Brioches, jetzt wird erstmal ausgiebig gefrühstückt! Sophia belehrt ihn, dass Italiener nicht frühstücken, findet aber die Geste dieses Deutschen heimlich fast ein bisschen sympathisch. Trotzdem ist ihr übel, schrecklich übel, so übel wie noch nie.

Die gesetzliche Lage der Welt für Homosexuelle:

World_laws_pertaining_to_homosexual_relationships_and_expression.svg
CC BY-SA 3.0

Legende

13 Kommentare

  1. …[das war jetzt so schnell, deine Wortachterbahnfahrt, dass ich mich selbst aus meinem eigenen Kommentar geworfen habe …:-)] mit all den sprachlichen Vorurteilsbeleidigungen, die du nennst und bringst mich mit dieser Aufzählung mitten hinein in unsere Vorurteile, die wir alle haben, die wir alle von uns weisen würden, bis wir ihnen begegnen, wie du es ja selbst beschreibst … Mich hat da das geniale Seminar zum Thema Divesity nochmal deutlich auf meine Vorurteile geworfen und ich bin seitdem nochmal mehr damit beschäftigt, sie mir in ihren Auswirkungen für mein Schreiben und meine Art „über“ andere zu schreiben in ein „mit“ anderen zu schreiben zu verwandeln …
    Sehr nachdenkliche Grüße,
    Sabine

  2. Liebe Sabine
    Danke für Deinen Kommentar. Ich freue mich, hat Dich die Achterbahnfahrt so nachdenklich wie mich gemacht 🙂
    Jetzt aber Sonntagabendruhe, oder?
    Liebe Grüße, Urs

  3. Lieber Urs,
    so sehr ich ob deines erfrischend offenen Einstiegs lachen musste, so schnell ist mir dieses auch wieder vergangen. Zumal ich überhaupt nicht verstehen kann, wo eigentlich das Problem ist. Warum darf ein Mann keinen Mann lieben oder eine Frau eine Frau? Wem tut das weh? Wem schadet das? Was sind denn solche Werte wert, die Menschen aufgrund ihrer Sexualität, ihres Geschlechts, ihrer Rasse, ihrer Handicaps… abwerten? Nüscht, würd ich sagen. Ich finde es geradezu beängstigend, dass die Menschheit scheinbar einige Schritte zurück macht, statt sich von diesem Scheiß endlich frei zu machen. Zum Glück können wenigstens Sophia und Sergio halbwegs vernünftig über alles reden. Oder?

    lg. mo…

  4. Liebe Mo,
    Genau das dachte ich auch, als ich heute morgen in der FAZ-Online die ESC-Regenbogengeschichte las (und in letzter Zeit die grauenvollen Nachrichten aus Tschetschenien). What the f***! Tatsächlich sind das beängstigende Zeichen des Rückschritts. Immerhin hat Frankreich heute nicht dieses Monster zur Präsidentin gemacht. Obwohl mich interessiert hätte, was mit deren homosexuellen Getreuen passiert wäre. Aber dieses Experiment wollen wir lieber nicht noch einmal starten.
    Liebe Grüße, Urs

  5. Lieber Urs,
    dieser Post macht mich traurig, denn er führt mir vor Augen, dass die Welt doch nicht so ist, wie ich sie gern hätte. Frei und tolerant und vor allem so, dass jeder seine Persönlichkeit ausleben kann, ohne bedroht zu werden. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich lese, dass Du ein mulmiges Gefühl haben musst,, wenn Du mit einem Mann Hand in Hand in Berlin durch die Nacht gehst. Was nutzt eine vorurteilsfreie Welt der Wenigen, wenn noch so viele ihre Vorurteile und Ängste mit Gewalt oder zumindest der Bedrohung mit Gewalt ausleben.Wie können es mehr werden, die Menschen in all ihrer Vielgestaltigkeit so annehmen, wie sie sind? Sophia, Sergio und Horst trösten mich heute nicht wirklich.

    Wenn Du magst, fühle Dich umarmt
    Deine Anne

  6. Liebe Anne,
    Danke für Deine (verbale) Umarmung. Ich habe zum Glück selten das Gefühl, bedroht zu sein. Aber manchmal halt doch. Und leider gibt es in Berlin immer wieder Gewalt gegen LGBTI*.
    Wir sollten uns nie auf dem Bett ausruhen, das wir uns gemacht haben.
    Es wird leider immer Menschen geben, denen die Freiheit, die es mit aller Kraft zu verteidigen gilt, nicht passt. (Resp. können sie damit nicht umgehen. Davon aber ein andermal.)
    Liebe Grüße, Urs

  7. Lieber Urs,
    darfst ruhig deine Sonntagabendruhe genießen, während ich über deinen Post grüble. Denn obwohl ich (theoretisch) jede Art von Diskrimierung verachte, tappe auch ich sicher manchmal in Sprach- und Gefühlsfallen gegenüber „dem Anderen“. Wahrscheinlich merk ich das noch nicht mal. Darfst mich ruhig deshalb anmachen, ich will ja nicht stehen bleiben.
    Übrigens, ich stehe auf den ESC, und meine all time favourites sind France Gall mit Poupée de cire und der Sieg der Schweiz 1988: https://www.youtube.com/watch?v=8pEYw8PcBas&list=RD8pEYw8PcBas#t=3.
    LG, Amy

    • Liebe Amy
      Wir tappen doch alle immer wieder in die Falle. Wichtig ist nur, dass wir diese erkennen.
      Aber wegen der Dion mache ich Dich an!
      Dann doch lieber „Ein bisschen Frieden“ 🙂
      Herzlich, Urs

  8. Lieber Urs,

    vielen Dank für diesen Beitrag, der mich zunächst sprachlos gemacht hat. Wenn ich mir vorstelle, an deiner Stelle mit jemandem an der Hand durch mein Wohnviertel zu spazieren und Anpöbelei oder Angriffe befürchten zu müssen, dann löst das große Beklemmung bei mir aus. Ich kann es nicht begreifen, warum manche (viele) Menschen so voller Hass und Vorurteile sind.

    Sicherlich haben sich in den letzten Jahrzehnten die rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz für LGBTI*-Menschen in einigen Ländern verbessert, aber die Abbildung der Weltkarte mit den farblichen Markierungen zeigt eindringlich, dass dieser Eindruck relativ ist. Es ist unmenschlich und schrecklich, dass homosexuelle Menschen in so vielen Ländern sogar verfolgt und bestraft werden!

    Sehr bewegt hat mich dein Satz in einem deiner Kommentare: „Wir sollten uns nie auf dem Bett ausruhen, das wir uns gemacht haben.“
    Es macht mich traurig, dass selbst eine einmal erkämpfte Freiheit und Rechte auch wieder weggenommen werden, wenn man nicht stetig darauf acht gibt.
    Aber dein Text versprüht trotz und wegen des ernsten Themas so viel Energie, Trotz und Courage, dass ich mir wünsche, es gäbe noch viel mehr Menschen mit deinen Eigenschaften.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

    PS: Mein All-time-Eurovision-Favorit ist auch die junge Nicole mit ihrer Gitarre und „Ein bisschen Frieden“.

  9. Lieber Urs,
    leider war ich teilweise so überfordert vom Blogangebot, dass ich hier bei dir einiges verpasst habe, wie mir scheint. Deine Themen sind hochinteressant, und gerade der Einblick, den du mit diesem Beitrag lieferst, erweitert meinen offenbar beschränkten Horizont und regt mich zu einigem Nachdenken an. Was mich besonders beunruhigt, ist das Gefühl der Bedrohung (du nennst es „mulmig werden“), das sich auf mich überträgt (bei deinem nächtlichen Spaziergang in Neukölln) . Aber auch die Frage, die ich mir selbst stelle: wo verunsichert mich das Andere/Fremde so, dass ich mich aus aus der Verunsicherung heraus bedroht fühle und es daher ablehne?
    Herzlich, Fe.

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