11) Muttertagskuchen, Fleischbeschau

Dies ist eine Story. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Orten sind zufällig.

BIld11
© Massimo Spada. Studio preparatorio per immagine.

Am Muttertag besuchst Du nicht Deine Mutter. Die ist lange tot und liegt weit weg begraben, in dem Land wo die Berge stehen, die sie so liebte.
Stattdessen machst Du mit einem Freund einen Fahrradausflug ins brandenburgische Flachland. Es ist ein schwüler Tag und Du bist geladen wie die Gewitterwolken am Horizont. Ihr radelt der Spree entlang, passiert Orte namens Fangschleuse und Stäbchen. Ihr bewundert die Vollkommenheit der Natur, der es nichts beizufügen gibt. Ihr esst Blechkuchen in Holly’s Kuchenparadies. Ihr beobachtet Filterkaffee trinkende Fahrradfahrer, die ihre Geschlechtsteile in enge Radlerhosen gequetscht haben und die von verbissenem Leistungssport abgezehrten Oberkörper in bunte Trikots. Die Hightech-Bikes stehen im Ständer neben euren klapprigen Stadträdern.

Zurück am Ostbahnhof gießt es in Strömen. Ihr stellt euch unter und wartet zwei Zigarettenlängen lang. Es tröpfelt nur noch leicht. Dein Kumpel will nach Hause, Du nicht. Denn Du bist geladen. Du könntest später ins Ficken3000. Aber das wurde literarisch gerade von Julia Zange in Realitätsgewitter und von Thomas Meineke in Selbst gewürdigt. Abgelutscht.
Also gehst Du zu dem Club vor dem die Leute stundenlang Schlange stehen. Du gehst an den Wartenden vorbei und betrittst durch einen seitlichen Eingang einen Ort, wo Männer sich treffen um Sex mit Männern zu haben. Doch nur ein paar schräge Gestalten streunen in dem ansonsten gut besuchten Etablissement herum. Tote Hose. Nach ein paar Drinks merkst Du, dass das heute nichts wird und Du wohl oder übel unverrichteter Dinge nach Hause fahren musst. Wäre da nicht dieser Club in den alle wollen. Da wolltest Du eigentlich nie mehr rein. Du fandest, Deine Zeit sei vorbei, Löffel abgegeben, basta. Aber heute bist Du geladen. Also findest Du Dich einen Augenblick später auf der Tanzfläche wieder. Bevor Du den ersten Tanzschritt tun kannst, grinst Dich einer an: „Hi, I’m Alex from Santa Fee, New Mexiko. You?“
Du küsst Dich einmal um den Globus, drehst Deine Kreise, jubelst zu den Soundkaskaden aus der besten Musikanlage der Welt. Du hast das Gefühl in einem Kornfeld zu stehen über das warme Böen fegen. Du lässt Deine feuchten Hände über die schweißnassen Muskeln von Männern gleiten. Zum Glück, denkst Du, habe ich die protestantische Scham überwunden. Zum Glück bin ich schwul und kann diese testosterongetriebene männliche Sexualität ohne Geschlechtergraben ausleben wie es mir passt. Du siehst Männer in nichts als Boxershorts, die gerade noch innig ihre Freundinnen geküsst haben, heimlich dorthin verschwinden, wo die Augen nicht mehr genau sehen können, wen und was die Hände berühren. Du bestaunst eine Frau, die nur Nylonstrümpfe trägt und aussieht, als wäre sie einem Gemälde von Schiele entstiegen.

Manchmal senkt sich eine Glasglocke über Dich, Deine Wahrnehmung driftet ab, verliert sich im stroboskopdurchblitzten Disconebel. Tausend tanzende Hirne durchbrechen gleichzeitig die Schädeldecken, strecken Fühler aus, wabbern zusammen, verschmelzen die Nervenstränge, überwinden für magische Momente die Isolationshaft im Kopf. Du fühlst Dich groß, die Musik weitet Dich. Du streckst Deine Arme in die Höhe, Du breitest sie aus wie ein Kondor die Flügel. Zwischendurch lehnst Du an einer Säule als wärst Du der heilige Sebastian, durchbohrt von Schall, getroffen von Küssen, befühlt von fingernden Händen. Du verstehst, was ein Augenblick ist: tausend Augenpaare schauen sich an und brauchen keine Worte mehr.

Kein Mensch muss müssen, nur ein Derwisch muss

hallt Lessing im Echoraum. Du ahnst, dass Du doch nie aufhören wirst mit Tanzen. Solange Du Dich aufrecht halten kannst. Du denkst über den Zusammenhang von Rausch und Schreiben nach.
Jetzt siehst Du Sophia und Sergio. Du siehst, dass Sophia schwanger ist und Sergio es gerade erfahren hat. Du weißt, dass ein Kind im Leben eine Zäsur ist und die beiden, auf jeden Fall die Mutter, nicht so bald auf die Tanzfläche zurückkehren werden. Da geistern auch Horst, Francesca und Paolo durch den Raum und bereiten sich vor auf das Grande Finale des nächsten Blogeintrags.

Vorerst hingegen, flirtest Du mit drei Typen namens Alex. Du trinkst mit einem Psychologen an der Bar Schnäpse, sitzt neben einem Autohändler auf einem Sofa, stellst Dich mit einem Arzt von der Charité in die Schlange vor den Klos. Da ist auch dieser Schauspieler von der Volksbühne, der mit den sexy Ohren. Überhaupt sind hier viele Leute, die irgendwas mit Kunst zu tun haben. Ob vornehmlich mit Lebenskunst, fragst Du Dich nicht.
Einige wollen sich sogleich auf facebook mit Dir befreunden und strecken Dir ihr Handy hin. Du lächelst verlegen, denn Du hast die Lesebrille nicht mit. Irgendwie findest Du die Tasten und Dein Profil trotzdem. Freund 926. Hinzugefügt.
Du endest verzückt in den Armen eines gerade mal halb so alten Australiers, der in Berlin zwei Café-Bars managt, wie er sagt.

Am nächsten Morgen rotzt Du einen braungrünen Brocken Schleim in die Kloschüssel, duschst ausgiebig, brühst gegen den Brummschädel Ingwer auf, legst Dich im Park in die Sonne und genießt das Nachglühen. Vielleicht liegt der Australier neben Dir. Vielleicht sieht er bei Tageslicht genauso gut aus wie nachts. Vielleicht legt er seinen Kopf auf Deine Schulter. Vielleicht werden Euch zwei vorwitzige türkische Jungs im Grundschulalter aus euren Tagträumchen reißen: Wie lange kennt Ihr Euch? Seid Ihr verliebt? Ihr schüttelt belustigt die Köpfe. Noch hat bei denen das Testosteron nicht übernommen, denkst Du.

 

10 Kommentare

  1. Lieber Urs, kaskadengleich, deine Sprache, Surfen von einer Wortwelle zur nächsten, Links stören fast, will das Schreibtempo und meinen Lesefluss nicht unterbrechen, will mittanzen, mitschwimmen, mich mittreiben lassen, ja, mich mit treiben lassen … danke dafür,
    liebe Grüße aus dem Anfang der Nacht,
    Mia

  2. Lieber Urs,
    so verheißungsvoll und bieder zugleich wie die Seidenstrümpfe, die Boxershorts und das Küchenhandtuch an der Wäscheleine vor einem wolkenlosen Himmel (oder ist es eine Studiowand) hängen, beginnt deine Geschichte mit Muttertagstradition und Fahrradausflug und steigert sich sog- und fieberhaft in den Discotaumel.
    Meine Lieblingsstelle: „Tausend tanzende Hirne durchbrechen gleichzeitig die Schädeldecken, strecken Fühler aus, wabbern zusammen, verschmelzen die Nervenstränge, überwinden für magische Momente die Isolationshaft im Kopf. Du streckst Deine Arme in die Höhe, Du breitest sie aus wie ein Kondor die Flügel. Zwischendurch lehnst Du an einer Säule als wärst Du der heilige Sebastian, durchbohrt von Schall, getroffen von Küssen, befühlt von fingernden Händen.“

    Das Rauschhafte von Geist und Körper hat sich unzähmbar in deine Zeilen gebrannt.
    Da wirken die Liebesnöte von Sophia und Sergio im Vergleich fast brav.
    Bin gespannt auf das Grande Finale!

    Herzliche Grüße
    Ulrike

  3. Lieber Urs,
    wow, was war das denn? Ich komme mir vor, als wäre ich tagsüber ins Kino gegangen, wäre ganz im Film versunken und nun, wo er vorbei ist, trete ich verwundert ins Sonnenlicht, reibe mir die geblendeten Augen und fühle mich ein wenig deplaziert und weltfremd. Zu sehr war ich im Tanz versunken. Zu sehr mitgerissen von der Energie. Völlig geflasht! Schade, dass dies nur eine Story ist, denn dass es zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden Menschen gäbe, wäre doch wirklich mehr als nur zu wünschen! 😉
    Meine Lieblingstelle ist die gleiche wie die von Ulrike. Einfach genial!
    Und die Buchempfehlung „Realitätsgewitter“ klingt wirklich spannend. Apropos Party, kennst Du von Tino Hanekamp „Sowas von da“?
    lg. mo…

    • Liebe Mo
      Dein Kommentar liest sich sehr gut, danke! Das Buch kann ich nur empfehlen. Finde es trifft einen der vielen Nerven der Zeit. Ist szenig, aber dennoch tiefgründig. Hanekamp kenne ich nicht. Werde ich gleich mal googeln.
      Herzlich, Urs

  4. Lieber Urs,

    Dein Text nimmt mit in den Rausch der Nacht, macht ein Stück weit atemlos, so schnell wechselt die Szenerie. Eben noch küssend um den Globus, dann ohne Lesebrille am Handy. Diese Art von Humor gefällt mir besonders gut. Ach ja, Sophia und Sergio, die treten jedenfalls im Moment in den Hintergrund
    Herzliche Grüße
    Anne

  5. Hello Urs, es macht Spass Deine Reise mitzugehen. Aus der Idylle des Brandenburgischen unter die Gasglocke der Nacht und dann wieder in irgendeinem Park in irgendeinem Arm auftauchen. Ich dachte mir, Millionen von Touristen kommen genau wegen dieser Party-Träume nach Berlin. Es ist toll, daß man so tief in den Rausch eintauchen kann. Wo ist das sonst möglich? Herzliche Grüße Tobias

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