2) GOLD GOLD GOLD

Amanda Lear macht den Anfang, Thomas Morus utopisiert, Josef Mengele taucht auf und Raubgold verschwindet. Ich muss zum Zahnarzt.

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© Vreni Spieser. Misiones, Argentinien. Aus einem alten Reisebericht. Gekauft 2012 in Rio de Janeiro

Zur Einstimmung hören wir Gold von Amanda Lear.

Wäre ich ein Gangsterrapper, trüge ich einen goldenen ‚Grill‘, einen Zahnaufsatz den ich über mein Gebiss stülpen könnte, wie Chiron, der schwule Protagonist im oscarprämierten Film Moonlight.
Ich muss zum Zahnarzt, weil sie wieder mal weh tun, die Zähne. Ich habe Angst. Mir schwanen Wurzelbehandlungen und Kronen, Weisheitszahn- und Zahnsteinentfernungen sowie ein schwindender Kontostand.
Vielleicht kriege ich einen Goldzahn, das fände ich cool, irgendwie.

So etwas hätten die Utopier in Thomas Morus ‚Utopia‘ vulgär gefunden. Morus schrieb vor ziemlich genau 500 Jahren: „Bloß die Torheit der Menschen hat ihrem seltenen Vorkommen (Anm. Gold und Silber) einen Wert zuerkannt.“ Dagegen werden in Utopia „Nachttöpfe und zu geringen Diensten verwendete Gefäße“ aus Gold hergestellt. Die Umwertung gelang ihnen auch durch erzieherische Maßnahmen. Gefundene Edelsteine (etc.) hängten sie den Kindern um: „Solange diese noch recht klein sind, tragen sie solchen Schmuck mit Stolz und tun damit groß; sobald sie aber, ein wenig älter geworden, entdecken, dass nur die Kleinen solchen Kitsch tragen, legen sie, ohne dass es ein Wort der Eltern brauchte, aus eigenem Schamgefühl die Dinger ab, genauso wie unsere Kinder, wenn sie größer werden, die Nüsse, Knöpfe und Puppen wegwerfen.“

Kinder werden heute in Afrika in Minen geschickt, Gold zu schürfen.
Wenn ich es mir recht überlege, verzichte ich also besser auf einen Goldzahn.

Die spanischen Konquistadoren waren im Goldrausch, als sie Südamerika eroberten. Angestachelt wurden sie von der kolumbianischen Legende über ein sagenhaftes Goldland ‚Eldorado‚, nach dem die Spanier fortan suchten und marodierend durch die Lande zogen. Wie irre das vielleicht zu und her ging, verkörpert Klaus Kinski eindringlich in ‚Aguirre – Der Zorn Gottes‚.

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Goldfloß von Eldorado (gilt als Beweisstück für die Legende). CC BY-SA 1.0

Von der Band Klaus&Kinski hören wir jetzt den Song ‚Mengele y el amor‚.

In der argentinischen Provinz Misiones gibt es ein vormals vorwiegend von Deutschen bewohntes Eldorado. Dort gelang es dem Journalisten Adolf Cicero vor 50 Jahren wenige Sekunden lang, Josef Mengele zu filmen. Der einstige KZ-Chefarzt und Massenmörder hielt sich seit 20 Jahren unbehelligt in Südamerika auf, trotz mehrfachen Auslieferungsanträgen.
Mengele führte in den Konzentrationslagern grausame Experimente durch. Vielleicht zog der Sadist seinen Opfern auch Goldzähne, ohne Betäubung. Unzählige dieser Zähne landeten eingeschmolzen in der Schweiz, wo sie unter Umständen noch heute in Banktresoren lagern. Für Empörung sorgte vor 20 Jahren Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz, der aufgrund von Restitutionsforderungen proklamierte, Auschwitz liege nicht in der Schweiz. So viel zum Thema historische Verantwortung. Immerhin setzte das Parlament darauf eine Untersuchungskommission ein. Hier eine Kurzversion des Berichts.

A propos Historisches: Die Schweiz war bis zum Ende des ersten Weltkriegs ein Armenhaus und Auswanderungsland. Auch Argentinien gehörte zu den Zielen der Glücksuchenden, wo sie zahlreiche Kolonien gründeten. Argentinien wiederum zählte bis 1950 zu den zehn reichsten Ländern der Welt. Es war so reich, dass es im Französischen heißt ‚riche comme un argentin‘ (reich wie ein Argentinier). Davon ist nach Jahren der Misswirtschaft, Peronismus und Staatspleiten heute leider nichts mehr übrig.

Darauf tanzt ihr bitte eine Runde Tango um das Goldene Kalb, während ich mit halb gelähmtem Mund die Zahnfee verfluche.

7 Kommentare

  1. Lieber Klaus-Urs, sei mir bitte nicht böse: trotz deines gewohnt gekonntem Ritts durch Geschichte, Kontinente, Kunst und Wahnsinn merk ich deine Zahnschmerzen. Sonst hast du noch mehr Bisssssss. Deshalb wünsche ich dir ganz schnell Erlösung, ob mit oder ohne Gold. Take care, Amy.

    • ui, das kann dauern, Amy, ich werde im Juli insgesamt 4x auf dem Stuhl liegen, den Blick auf einen Flatscreen gerichtet, über den Tiefseeaufnahmen flimmern… Aber keine Sorge, ich werde mich bloggend austobeb 😉

  2. Lieber Urs,
    ich werde mit der von dir verfluchten Zahnfee um das goldene Kalb tanzen, sie schwindlig tanzen und bestechen mit all dem, dass manfrau überall da findet, wo sie hinter dem herlaufen und hergieren, das sich jenseits von Werten, Respekt und gesundem Menschenverstand befindet.
    Und ich glaube ja immer noch, dass du zu viel Amanda Leer gehört hast …
    Habe da was beruhigendes für nach-dem-Zahnarzt und später: https://www.youtube.com/watch?v=ykBCW4GzCKM&list=RDyQyR5dTZKts&index=17!
    Liebe Grüße,
    Mia

  3. Lieber Urs,
    aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sich ohne Weisheitszähne besser lebt. Aber der Weg dahin ist schon ziemlich hart. Aber wie toll ist das denn, Tiefsee tauchen beim Zahnarzt.
    Alles Gute und liebe Grüße
    Anne

  4. Lieber Urs,
    vielen Dank für deine kulturelle Goldschürferei. Hast ja einige Nuggets gefunden. Die Erziehungsidee aus Utopie finde ich sehr interessant – finden wir etwas wertvoll, weil es selten ist, oder weil wir es so beigebracht bekommen?
    Guten Mut und starke Nerven wünsche ich dir für deine Zahnarztbesuche – vielleicht könnte der Doc anstelle der Tiefseeaufnahmen mal einige deiner Golden Hits auflegen.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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