2a) Gold am Finger

Ehe für Alle? Ein Nachtrag zum Post GOLD GOLD GOLD

pexels-photo-265929Am Freitag stimmt der wahlkämpfende Bundestag – endlich – über die Ehe für Alle ab. Damit werden homosexuelle Partnerschaften gleichberechtigt; eigentlich eine Selbstverständlichkeit für eine sogenannt moderne Gesellschaft.

Ich finde aber eine Gesellschaft, in der die Ehe als Nonplusultra für das Zusammenleben hochgehalten wird, nicht modern. Wir klammern uns damit an eine patriarchale Organisationsform, die vor allem für die Sicherung der Erbfolge sorgt. Ganz offensichtlich führt diese nicht zum Eheglück, im Gegenteil, die Zahlen sprechen für sich. Außerdem steht das kleinzellige Du&Ich dem kollektiven Wir im Weg, es fördert das Gegeneinander der Individuen, nicht das Miteinander. Ein großer Teil der Menschen wird ausgeschlossen, alle die nicht heiraten wollen oder keine/n Partner*in finden, passen nicht ins Schema. Sie werden gar bemitleidet für ihr Single-Dasein oder beneidet für ihre (sexuelle) Freiheit.

Familien sind chronisch überfordert, die Aufzucht von Kindern ist ohne staatliche Unterstützung gar nicht mehr zu leisten. Hinzu kommen all die Traumata, die dysfunktionale Familien verursachen.
Wer meint, Kinder bräuchten einen Vater und eine Mutter (oder zwei Väter, zwei Mütter) täuscht sich gewaltig. Kinder brauchen vor allem stabile Bezugspersonen, egal ob vom eigenen Fleisch und Blut. Diese suchen sie sich ganz selbstverständlich selbst, haben sie die Freiheit (oder die Notwendigkeit). Kinder werden sehr früh in Gruppen sozialisiert (Kita, Kindergarten, Schule). Schade, dass daran im Laufe der Erziehung nicht festgehalten wird und Paarbeziehungen befördert werden.
Natürlich sorgt der Fortpflanzungstrieb dafür, dass wir temporär zu zweit zusammenkommen. Die Natur möchte, dass wir das so oft und mit so unterschiedlichen Partner*innen wie möglich tun. Das ist der Vermehrung und der genetischen Vielfalt förderlich. Die Natur hat aber nicht vorgeschrieben, dass wir uns deswegen als Kleinfamilie in Wohnungen und Eigenheimen verschanzen müssen.

Unsere Gesellschaft, ja die Weltgemeinschaft, muss sich dringend reformieren. Dazu gehört auch, sich zu überlegen, welche Form des Zusammenlebens die zukunftsfähigste ist. Wir müssen lernen, uns dem Anderen und dem Fremden gegenüber zu öffnen, wir müssen lernen, anders miteinander zu leben. Die Verantwortung dafür an Familien zu delegieren ist falsch.

Ich plädiere für größere und offenere Strukturen. Wir könnten uns, auch was das Privatleben angeht, genossenschaftlich organisieren oder in Vereinsform. Damit wäre jede/r/* Einzelne in ein Kollektiv eingebunden, für das er/sie/* auch Verantwortung übernehmen müsste. Das wirkt der Vereinsamung entgegen, fördert die Teilhabe, sichert die Vorsorge und hat erst noch den Effekt, dass sich der/die/* Einzelne handlungsfähiger fühlt. Natürlich hätten darin auch Paarbeziehungen ihren Platz. Aber vielleicht mit weniger Besitzansprüchen und überrissenen Erwartungen an die Liebe.

Leider ist die Politik gelähmt, weil christdemokratisch und rechtspopulistisch bigott.

Immerhin gibt es mittlerweile nicht nur hippieske Kommunen oder besetzte Häuser wo Experimente gewagt werden. Wohnprojekte wie die zürcherische Kalkbreite sind ein Schritt in die richtige Richtung. Hier kommen verschiedene Lebensformen zusammen.

Ich selbst wohne wieder in einer Zweier-WG, nachdem eine Beziehung in (oder an?) der neuen Wohnung gescheitert ist. Davor lebte ich sieben Jahre alleine in einer Zweiraumwohnung und fürchtete, langsam schrullig zu werden. Mir graut am meisten davor, eines Tages alleine in einer Wohnung zu sterben. Mein Traum ist es, mit Freund*innen in einem gemeinsamen Haus alt zu werden, wo man sich, wenn nötig, sogar eine Pflegekraft teilen könnte. In diesem Haus gäbe es selbstverständlich auch Platz für den einen oder anderen gescheiterten Ehepartner.

Übrigens: In Argentinien, von dem in GOLD GOLD GOLD die Rede ist, gibt es die gleichgeschlechtliche Ehe seit 2010 (die eingetragene Partnerschaft seit 2003).

Siehe auch Blogpost: Die Enden des Regenbogens – Gedanken zur Lage von LGBTI*-Menschen.

10 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    wo fange ich denn da jetzt an, denn in Deinem Post gibt es so viele Themen, die kommentiert werden wollen. Vielleicht mit der Ehe für Alle, wobei für mich die Betonung nicht auf dem Wort Ehe liegt, sondern auf für Alle. Über die Sinnhaftigkeit von Ehe mag man denken wie man will, aber so lange es sie als Institution weiter gibt, ist es wirklich an der Zeit, dass sie allen zugänglich ist und nicht die Kategorie „Lebenspartnerschaft“ als Ehe zweiter Klasse geführt wird. Na ja und die Ehe an sich, da ließe sich so viel dazu sagen. ich habe als Familienrichterin ja immer nur die gescheiterten Beziehungen erlebt, sei es als Ehe oder auch als Lebenspartnerschaft, da mag ich eigentlich schon gar nicht mehr drüber reden. Vielleicht sollte man einfach nur mal damit anfangen, die staatliche und sonstige Priviligierung von Ehen abzuschaffen, wie etwa die gemeinsame steuerliche Veranlagung, erbschaftssteuerliche Bevorzugung von Eheleuten, vielleicht sogar die Witwenrente überdenken. Ich weiß von einem befreundeten Paar, dass nur deshalb geheiratet hat, weil die gesetzliche Krankenkasse nur dann ihre Behandlungskosten gegen ihre bisherige Kinderlosigkeit übernimmt. Kirchliche Einrichtungen stellen wohl mancherorts keine Menschen ein, die in einer „wilden Ehe“ leben. Das ist doch alles irgendwo Mittelalter. Wenn es denn nun keine rechtlichen oder sonstigen Vorteile mehr hat, wenn man verheiratet ist, dann können die Leute doch überlegen, ob sie sich aus welchen Gründen auch immer, lebenslänglich binden wollen – so war es ja wohl mal gedacht.Aber das ist wohl das geringere Problem. Kinder, da machst Du für mich ein Riesenfass auf. Ja Du hast Recht, viele Eltern sind nicht mehr in der Lage, ihre Kinder groß zuziehen, weil ihnen die sozialen und emotionalen Voraussetzungen dazu fehlen. Staatliche Unterstützung??? Bisher sieht sie so aus, dass die Kinder dann irgendwann durch das Jugendamt in Obhut genommen werden und das Familiengericht den Eltern das Sorgerecht entzieht. Die Kinder wachsen dann in Pflegefamilien oder in Heimen auf. Ich habe in den 10 Jahren als Familienrichterin tatsächlich Kinder von Kindern gesehen, die bereits die zweite Generation der in Obhut genommenen bildeten. Sprich Vater oder Mutter sind in zerrütteten Familienverhältnissen aufgewachsen und können natürlich auch nicht adäquat Eltern funktion übernehmen. Das heißt: Ihre Kinder werden auch in Obhut genommen, so wird es dann auch in dritten Generation weitergehen, wenn die Gesellschaft nicht Verantwortung übernimmt. Ich weiß nicht wie, denn die Schulen scheinen immer weniger in der Lage zu sein, die Erziehungsdefizite der Eltern aufzufangen. Diese bedrückende Situation hat mich letztlich auch dazu veranlasst, meinen Familienrichterjob an den Nagel zu hängen. Wenn ich nicht in Pension gegangen wäre, dann hätte ich wahrscheinlich lieber wieder Verkehrsunfälle oder Nachbarschaftsstreitigkeiten verhandelt. Diese Fälle bleiben auf dem Schreibtisch liegen, wenn man nach Hause geht, Kinderschicksale nimmt man doch manchmal mit. Eine Lösung? Nein eine Lösung habe ich auch nicht…. In Israel gibt es die Kibbutzim, in denen Kinder vom Kollektiv erzogen werden. Ist das eine Lösung? Ich weiß es nicht. Vielleicht gibt es soziologische Untersuchungen dazu.
    Und zuletzt, ja in einem Haus mit Freunden im Alter ( und da bin ich schon ziemlich nah dran) zusammen wohnen im Bedarfsfall mit Pflegekraft, davon träume ich auch.
    Sorry, dass es mich grad so hingerissen hat, aber das mußte ich einfach loswerden.
    Liebe Grüße
    Anne

    • Liebe Anne
      Ich bin Dir dankbar für Deine Gedanken. Es ist sehr wichtig, dass das Thema weiter diskutiert wird und mit der ‚Ehe für Alle‘ nicht erledigt ist. Mit staatlicher Unterstützung bezüglich Kindererziehung spielte ich eher auf Kita etc. an. Weil hier offensichtlich wird, dass das traditionelle Familienmodell (im Sinne der CDU) sowieso nicht funktioniert, die Mütter heute auch einer Erwerbstätigkeit nachgehen (müssen).
      Dein Kommentar macht mir auch deutlich, wie problematisch das Modell wirklich ist und wie wichtig es ist, daran zu arbeiten. Weil Gesellschaft eben immer im Entwicklungsprozess ist.
      Herzlich, Urs

  2. Reblogged this on Mia.Nachtschreiberin. and commented:
    Guten Morgen lieber Urs,
    ich glaube auch, dass die Ehe vielleicht noch kein Auslaufmodell ist, aber eines, das sich grundlegend verändern muss, um nicht ausgemsutert auf dem Abstellgleis zu enden …
    Hier bei uns gibt es alternative Lebensformen, die oftmals schon im Vorfeld an den formalen Bedungungen scheitern, die zeigen, wie wenig gewollt sie sind, weil der Großteil der Gesellschaft eben anders lebt. Ebenso gibt es Auswüchse von besonderen Lebensformen, in die sich man/frau einkaufen muss, um Teil dieser Lebensform zu sein … Meine Assoziation zu dem Wort Lebensform zieht mich gerade immer wieder zu einer Szene aus Star Trek, ziemlich abgedreht, aber nicht zu ändern: https://www.youtube.com/watch?v=-Z9ZrtVTJgA. 🙂
    Immer mehr solche Wohnform- und Lebensformprojekte mit anderen fürs Alter zu entwickeln, finde ich eines der mehr als überfälligen Aufgaben für unsere Gesellschaft und ich bin mir sicher, dass das immer mehr kommen wird.
    Ich freue mich darauf, wo und mit wem auch immer, da sein wird, schreiben *müssen* sie halt alle in der Nacht,
    Mia

  3. Lieber Urs, ehrlich gesagt geht mir das #EheFürAlle auf allen Kanälen ganz schön auf die Nerven – bei dir lese ich gerne drüber. Ich frag mich, ob ich jetzt endlich auch jemanden abkrieg … Herzliche Grüße: Amy

  4. Lieber Urs,
    du sprichst mir aus der Seele! Als Single fühle ich mich auch öfters als gesellschaftliche Versagerin. Es wäre schön, wenn im (privaten) Gemeinschaftsleben andere Zusammenstellungen als die „klassische“ Einheit von Partner mit Kind(ern) zukünftig mehr verbreitet und angenommen werden. Mehrgenerationenhäuser und das genossenschaftliche Wohnprojekt finde ich super!

    Herzliche Grüße
    Ulrike

  5. Lieber Urs,

    welch komplexes Thema. Ich habe schon sehr viel über die Ehe nachgedacht, kenne das Singleleben und das Eheleben. Gerne würde ich das Thema im Dialog mit Dir besprechen, einen Monolog halte ich an dieser Stelle vielleicht sogar für missverständlich. Ein paar Stichpunkte für die Diskussion:
    Wird die Ehe wirklich noch als das Nonplusultra für das Zusammenleben gesehen?
    Ist die Erbfolge nicht eine Errungenschaft, sonst würde sich der Staat noch viel mehr vom Erbe „unter den Nagel reißen“?
    Warum fördert ein Paar das Gegeneinander, kann es nicht auch zur Keimzelle des Miteinanders werden?
    Wovon sind Menschen ausgeschlossen, die nicht heiraten wollen (außer bei kirchlichen Trägern)?
    Im Wohlstand wird ständig nach staatlicher Unterstützung für die Kindererziehung gerufen?
    Kann Freiheit nicht auch darin bestehen, dass ich meine Unterkunft nicht mit jemanden teilen muss und einen persönlichen Rückzugsort habe?
    Ich wünsche mir nicht, dass eine Form des Zusammenlebens vorgeschrieben wird als „zukunftsfähigste“. Hier soll es kein Richtig oder Falsch geben. Der Wunsch des Individuums sollte hier berücksichtigt werden.
    Haben wir nicht bereits „offene Strukturen“?
    Mein Alptraum ist es, mich im Alter in ein „Kollektiv“ einfügen zu müssen mit Sprechern, Delegierten, Meinungsmachern. Wobei ich die Idee des Mehrgenerationenhauses sehr gut finde.
    Ja, und ich bin froh, dass jetzt endlich alle heiraten können, die es wollen. Wobei wir wieder bei der Ausgangsfrage sind, warum wollen so viele heiraten?
    Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion mit Dir und anderen, die noch auf einen Drink mit uns gehen.

    Herzliche Grüße

    Ute

  6. Lieber Urs,
    dass wir Singles nicht so ganz gesellschaftskonform sind, geht mir vor allem in den Supermärkten auf, wenn ich die ganzen preiswerten Großpackungen sehe. Insofern ist auch bei mir die Alters-WG schon fest eingeplant, damit ich die dann auch mal kaufen kann, ohne den Großteil wegzuschmeißen. 😉
    Ich finde deinen Post großartig. Wir sollten ihn plakatieren! Denn du hast völlig Recht, das Konzept der Ehe sollte endlich mal konstruktiv diskutiert werden und die gemeinsame Fürsorge für die kleinen Menschen sowieso.
    lg. mo…

  7. Lieber Urs,

    Ehe für alle – allein die Tatsache, dass wir darüber noch diskutieren müssen, zeigt, wie schräg manches in unserer Gesellschaft läuft. Hinter den Kulissen gibt und gab es sie schon immer – die dreier – vierer – oder wie auch immer gelebten Konstellationen. Es wird Zeit, dass das Versteckspiel aufhört! Jede*r kann doch entscheiden, wie er/ sie leben möchte und so lange alle Beteiligten damit einverstanden sind, ist doch alles in Ordnung.

    Bei den indigenen Völkern Australiens beispielsweise trafen sich Männer und Frauen immer wieder zu bestimmten Ritualen, lebten aber großteils vom anderen Geschlecht getrennt und hatten sogar ihre eigenen geschlechtsspezifischen Geheimnisse. Auch das ist eine Form des kollektiven Zusammenlebens.

    Ich bin ganz Annes Meinung, wenn die finanziellen Vorteile einer Ehe abgeschafft würden, wären die Menschen vielleicht freier, sich zu entscheiden. Aber der Traum von Prinz und Prinzessin, die bis ans Ende ihrer Tage glücklich zusammenleben, sitzt einfach tief in unseren Zellen und Herzen…

    Liebe Grüße

    Hedda

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