3) Candida – Candide

Serie Eldorado

Der Himmel trieft, Nicole Kidman versucht einen Südstaatenakzent und ich saß wieder auf dem Zahnarztstuhl.

Eldorado
Alexander Kaimbacher – Candide „Eldorado Song“. Neue Oper Wien 2001. Aus der Operette „Candide“ von Leonard Bernstein. (Filmstill, bearbeitet von Vreni Spieser)

Seit Tagen trieft der Himmel, die Luft fühlt sich tropisch feucht an. Am Montag hat es schon frühmorgens gewittert. Die Woche begann grau, so auch die Gedanken. Ich siechte in den Nachmittag, überlegte spazieren zu gehen, was ich, mangels Gummizeug, ließ.

Eine Regenpause nutzte ich und ging ins Kino. Leider habe ich den Anfang von ‚Der wunderbare Garten der Bella Brown‘ verpasst, also kaufte ich eine Karte für ‚Die Verführten‘, den neuen von Sophia Coppola und prustete lauthals los beim ersten Auftritt von Nicole Kidman, schwülstig zwischen gigantischen Säulen eines Südstaatenhauses in Szene gesetzt. Ich wollte ihr zurufen: „Don’t do the accent!“
Die Sprache der Schauspielerin wirkt dermaßen bemüht, dass sie dafür einen Razzie, den Anti-Oscar, verdient hätte, mit dem alljährlich die schlechtesten Leistungen im Filmbusiness ausgezeichnet werden. Kidman nimmt das mit der stiff upper lip sehr ernst, allerdings kann sie vor lauter Botox gar nicht anders. In jeder Einstellung neigt sie leicht den Kopf und bewegt sich wie ein Musikdosenpüppchen. Die fehlende Mimik kompensiert sie mit einem Blick, der ihr leider, vor lauter Anstrengung, total irr gerät.

Meine linke Gesichtshälfte war am Mittwoch gelähmt, weil ein Zahn gefüllt wurde. Fühlen sich so Botox und aufgespritzte Lippen an?
Heute Freitag bei der Prophylaxe spritzte mein Mund Fontänen wie ein Rasensprenger; die Schutzbrille der Dentalhygienikerin beschlug. Dafür zeigte sie mir danach mit Riesenbürste und Riesengebiss wie man richtig putzt. Ich kicherte wie damals in der Schule. So ein Demo-Gebiss hätte ich auch gerne. (Wieviele Zähne flogen eigentlich an den Demos in Hamburg durch die Tränengasschwaden in die Gesichter der Selfie-schiessenden Gaffer?)
Nach eineinhalb Stunden Qual trat ich mit sauberen Gebiss hinaus auf die Karl-Marx-Straße wo ich fast mit einem Zahnlosen zusammenstieß, der mir die Motz und einen klirrenden Becher hinhielt.
Unglaublich, wie viele Leute im südlichen Neukölln schlechte Zähne haben, oder verstummelte Füße, ein Bein ab, fehlende Gesichtshälften, Knorpelnasen, Exzeme. Das ist Deutschland, denke ich. Nicht Manhattan in den 90ern oder die Skid Row heute in Los Angeles. Es ist Deutschland und hier lebe ich.

Zahnpasta Candida Höfer Candida_albicans_(sputum)

In der Schweiz verkauft die Migros eine Zahnpasta, die Candida heisst, es gibt den Hefepilz Candida albicans, der Schleimhäute befällt und die deutsche Fotografin  Candida Höfer (CC BY-SA 3.0). Letztere hat zahlreiche Bibliotheken fotografiert. In der Staatsbibliothek zu Berlin wird die Erstausgabe von Voltaires „Candide, Ou L’Optimisme“ aufbewahrt. Candide war auf seiner abenteuerlichen Reise durch die „Beste aller Welten“ auch in Eldorado, das er goldbeladen verliess. Die Reichtümer blieben allerdings auf der Strecke. Aber sowieso könnte kein Gold der Welt Candides Sehnsucht nach der geliebten Kunigunde stillen. Jenem Fräulein kam der Jüngling dereinst in Westfalen auf Schloß Tunderdentronck hinter einem Paravent nah, wurde inflagranti erwischt und mit einem Tritt in den Arsch aus dem Schloß gejagt.
Weil das Voltaire viel kunstvoller erzählt, empfehle ich wärmstens die amüsante Lektüre.  (Weil Candide so toll ist, lese ich hier mal das erste Kapitel für Euch.) Der Roman wird in dieser Blogserie noch öfter thematisiert, schliesslich soll es hier um ähnliche Fragen gehen. Also darum, ob Optimismus angesichts der Weltlage nur naiv ist oder vielleicht nur der Naive die Farce der Existenz unbeschadet übersteht und am Ende zufrieden sein Gärtchen bestellt.

A propos Schönheitsideal
Kürzlich unterhielten sich in der U-Bahn zwei junge Frauen, dem Style nach vermutlich Angestellte eines Nagelstudios:
Solarium ist scheisse.
Dunkle Haut ist mega out.
Je dunkler Du bist, desto weniger findest Du einen Job.
Gehst Du eben nicht auf Ibiza in Urlaub, besser im Norden.
Schweden oder so.
Das ist im Norden, oder?

8 Kommentare

  1. Lieber Urs, also, das schöne Wetter habe ich mitgebracht, den Film mit Bella Brown kann ich nur empfehlen, und zwar nur von Anfang an und ansonsten habe ich an vielen Stellen herzlich mitgelacht und zahntechnisch auch mitgelitten…Sitze gerade AM Alex und genieße Berlin annehmen Freitagbend

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  2. Lieber Urs,
    auch ich habe an vielen Stellen mitgelacht und auf dem Zahnarztstuhl mitgelitten – denn ich weiß wovon Du redest… Und ich finde, Naivität hat manchmal was für sich, wenn man sie richtig einsetzt, entwickelt sie sich zum Schutzschirm in Notlagen. Wo war gleich noch mal Schweden????
    Liebe Grüße
    Anne

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  3. Lieber Urs,
    endlich mal einer, der meine Abneigung gegen Nicole Kidman teilt — und ich habe natürlich nichts gegen sie persönlich, ich kenne sie ja nicht, aber gegen ihre Schauspielerei und u.a. dagegen, dass sie mal einen Oscar bekommen hat für ihre Rolle als sagenhaft schlechte und unüberzeugende Virginia Wolf, weil ihr wegen einer falschen, ins Gesicht geklebten Nase Mut zur Hässlichkeit unterstellt wurde.
    Ich lebe, nach früheren Jahren in X-Berg und am Kotti, zurzeit im Prenzlauer Berg, wo man eher die mit allen, aber dafür gebleichten Zähnen sieht — oft genug habe ich das Gefühl auf einer Insel zu leben und frage mich: wann wird das hier alles in die Luft fliegen?
    Vorerst freue ich mich aber an der Lektüre deines Blogs und auf die von Candide (danke für den Tipp!).
    Herzlich, Fe.

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  4. Lieber Urs,
    wie elgant und charmant du mal wieder vom Hundersten ins Tausendste kommst… Ich habe mich köstlich amüsiert, deine Abneigung gegen die Kidman als Schauspielerin geteilt und auf dem Zahnarztstuhl mitgelitten, saß selbst heute dort und im September droht mir dort auch gar Übles… 😉 Candide kommt auf die Leseliste!
    lg. mo…

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  5. Lieber Urs,

    ich musste wieder sehr schmunzeln beim Lesen (zum Glück ganz ohne Einschränkung von Zahnarztbetäubung – du Armer! – und Schönheitsbotox).
    Dass die schwüle Sommerluft dich in das Südstaatendrama mit Nicole Kidman als Musikdosenpüppchen mit schaurigem Akzent verschlagen hat, beschert wenigstens eine lustige Episode für uns Leser. Ich hatte letztens eine kurze Reportage zu dem Film gesehen und mir gedacht, dass mich das Original von 1971 mit Clint Eastwood mehr interessieren würde.

    Für dein Candida-Lächeln hast du dir von der Dentalhygienikerin bestimmt ein Lob verdient (und sie verdient es bestimmt auch, wenn ihre Brille vor lauter Engagement beschlug). Da kann das Demo-Gebiss neidisch werden.

    Jetzt habe ich richtig Lust bekommen, Voltaires „Candide, Ou L’Optimisme“ zu entdecken. Könntest du mir das Buch mal ausleihen – für meinen nahenden Sommerurlaub suche ich noch guten Lesestoff (ansonsten schaue ich am Freitag mal in der ASH-Bibliothek, ob sie es haben).

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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    • Liebe Ulrike
      Heute ging’s dann so richtig an die Weisheit. Statt nur einem hat der Zahnarzt gleich drei extrahiert (Fachsprech). Da sitz ich nun, mit Coolpack im Gesicht und meine von weit weg die Kidmann schadenfreudig kichern zu hören. Leider ist Candide blogbedingt in Gebrauch.
      Herzlich, Urs

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