12) Upon This Wild Abandoned Star

Serie Eldorado

Workshop
© Vreni Spieser. 2015. Pattern against the stream or how to occupy the public space in a different way. Entstanden mit Leuten, die in dem Flüchtlingsheim Elaionas (GR) gewohnt haben. Sie kamen mehrheitlich aus Afghanistan. Die Buchstaben E L D O R A D O wurden direkt auf die Mauer des Flüchtlingszentrums tapeziert.

Novemberregen vernebelt die Sicht, doch das Dionysische obsiegt im Zeithain.

Wenn der Blick aus dem Fenster sich im Trüben verliert. Wenn die Sonne nicht einmal mehr ein Versprechen ist. Wenn der Nebel bis in die letzte Hirnwindung dringt, die Gedanken den düsteren Tagen nicht entrinnen mögen. Wenn der November sich der Seele bemächtigt.

Dann gilt es zu fliehen.

Ich kann mir ein paar Wochen Südostasien leisten. Bald schwitze ich in der schwülen Hitze Bangkoks, lasse mich – Happy Ending ? – massieren. Ich werde mit dem Bus nach Angkor Wat fahren und über Ruinen stolpern, ich werde unter Palmen dem Meeresrauschen lauschen, ich werde fernöstlich-fein essen.
Gerade scheint mir das alles absurd. Gerade denke ich, Scheiße, alle arm dort unten. Gerade blättere ich durch meinen knallroten Pass, dieses globale Eintrittsbillet. Sitze in meiner warmen Stube und strenge mich an, mir vorzustellen, dieses Papier sei wertlos. Wenn keiner mich wollte, jenseits der Grenze. Was würde ich mich gegen den Rassismus auflehnen, der mir die Welt versperrte!

Wie lächerlich, meine Klage.

Oh ja, ich engagiere mich ehrenamtlich. Habe Geflüchteten Kleider und Essen ausgegeben und Workshops veranstaltet. Doch dreht die Spirale des Dilemmas meiner zeitgenössischen Existenz gerade schwindelerregend. Es gelingt mir nicht, angesichts des Großen Elends meine kleinlichen Luxusprobleme zu relativieren.
Doch will ich mich nicht versündigen gegen das Leben. Wenn ich schon auf der privilegierten Seite hocke, derzeit zwar unbesonnt, dann müsste ich mich schämen, nicht wenigstens dieses Glück zu feiern.

Zeithain

Für Freudentaumel sorgte der Roman Zeithain von Michael Roes. Sprache, die wie Schokolade auf der Zunge zergeht, Fantasie die zu Luftsprüngen verleitet; eine Feier des Lebens, der Liebe, der Poesie und des Todes. Mit viel magischem Realismus verknüpft der Autor die tragische Liebesgeschichte zwischen Hans Hermann von Katte und dem Kronprinzen Friedrich vor gut 300 Jahren mit dem zeitgenössischen Berlin.
Nicht ohne Hang zum Dionysischen:
„Unser Stolz! Doch was wissen wir schon? Wir befinden uns auf dem Grund der Nacht. Schlimmer noch, vermutlich sind wir das einzige Tier, das in seiner Ekstase so weit zu gehen vermag, Schmerz als Vergnügen zu empfinden. Wir suchen den qualvollen Schrecken, inszenieren ihn lustvoll, suchen die Überschreitung, lieben es zu schreien, zu wimmern, zu winseln, zu stöhnen, den Namen Gottes oder seiner Heiligen anzurufen, das Delirium des Glaubens führt uns in eine mystische Kreisbewegung zum verleugneten Delirium unserer Tiernatur zurück, bis die Zuckungen des Glaubens- und Liebesaktes nicht mehr zu unterscheiden sind.
Der Anus ist der heiligste Ort SEiner Anbetung. Denn er ist die äußerste Grenze der Grenzüberschreitung. Er dient nicht, er hat keinen Zweck, außer Organ unseres Stolzes zu sein. Wenn er sich öffnet, verlieren wir jede Gewissheit. Die Ausscheidung aber ist Wort geworden.“ (sic!)

Bevor ich das fast letzte, harte Wort dieser Eldorado-Serie Allen Ginsberg gebe, schöpfe ich Hoffnung bei Nick Cave’s Spell (Album The Lyre of Orpheus):

Through the woods, and frosted moors
Past the snow-caked hedgerows I
Bed down upon the drifting snow
Sleep beneath the melting sky
I whisper all your names
I know not where you are
But somewhere, somewhere, somewhere here
Upon this wild abandoned star

And I’m full of love
And I’m full of wonder
And I’m full of love
And I’m falling under
Your spell

I have no abiding memory
No awakening, no flaming dart
No word of consolation
No arrow through my heart
Only a feeble notion
A glimmer from afar
That I cling to with my fingers
As we go spinning wildly through the stars

And I’m full of love
And I’m full of wonder
And I’m full of love
And I’m falling under
Your spell

The wind lifts me to my senses
I rise up with the dew
The snow turns to streams of light
The purple heather grows anew
I call you by your name
I know not where you are
But somehow, somewhere, sometime soon
Upon this wild abandoned star

And I’m full of love
And I’m full of wonder
And I’m full of love
And I’m falling under
Your spell

Manchmal reicht es zu lieben, zu staunen, sich verzaubern zu lassen. Manchmal hilft es aber auch, die Wut hinauszuschreien. Dieses Gedicht von Allen Ginsberg lässt mich (besonders auch, weil ich u.a. nach Kambodscha reisen werde) seit einer Weile nicht mehr los:

Under the world there’s a lot of ass, a lot of cunt

a lot of mouths and cocks,
under the world there’s a lot of come, and a lot of saliva dripping into
oooooobrooks,
There’s a lot of Shit under the world, flowing beneath cities into rivers,
a lot of urine floating under the world,
a lot of snot in the world’s industrial nostrils, sweat under the world’s iron
ooooooarm, blood
gushing out of the world’s breast,
endless lakes of tears, seas of sick vomit rushing between hemispheres
floating toward Sargasso, old oily rags and brake fluids, human gasoline–
Under the world there’s pain, fractured thighs, napalm burning in black
oooooohair, phosphorus eating elbows to bone
insecticides contaminating oceantide, plastic dolls floating across Atlantic,
Toy soldiers crowding the Pacific, B-52 bombers choking jungle air with
oooooovaportrails and brilliant flares
Robot drones careening over rice terraces dropping cluster grenades,
ooooooplastic pellets spray into flesh, dragontooth mines & jellied fires
oooooofall on straw roofs and water buffalos,
perforating village huts with barbed shrapnel, trenchpits filled with fuel-
oooooogas-poison’d explosive powders–
Under the world there’s a lot of broken skulls, crushed feet, cut eyeballs, severed
oooooofingers, slashed jaws,
Dysentery; homeless millions, tortured hearts, empty souls.

Allen Ginsberg, April 1973

Danksagungen
Umso mehr gilt es, ELDORADO nie aus den Augen zu verlieren.
Damit endet diese Blogserie. Weiter geht’s nach einer Pause im nächsten Jahr.
Ich danke Vreni Spieser herzlich dafür, dass sie mir regelmäßig bildliche Anregungen gemailt hat und sich auf diese Art des Dialogs eingelassen hat. Ganz besonders: Für Deine Freundschaft, liebe Vreni!
Ich danke allen Leser*innen und Kommentator*innen für’s Dranbleiben und ihre wohlwollenden Worte.

Auf bald, ihr Lieben!

6 Kommentare

  1. Hat dies auf Mia.Nachtschreiberin. rebloggt und kommentierte:
    Lieber Urs,
    flieg in die Sonne
    und bring sie mit
    verzweifle Im November
    und schrei und schreib darüber
    lebe, liebe, lache
    und das Leben belohnt dich
    im Tun für andere
    und im Leben für dich,
    freue mich auf dich,
    Mia

    Yes.
    *And I’m full of love
    And I’m full of wonder
    And I’m full of love
    And I’m falling under
    Your spell*

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Urs,
    vielen Dank für deine bereichernde und inspirierende Eldorado-Serie!
    In diesem Beitrag fühle ich mich mitgenommen auf deiner Schatten-und-Licht-Fahrt von der Novembertrübe („Wenn die Sonne nicht einmal mehr ein Versprechen ist“) mit der Vorfreude auf die nahende Sonne Asiens zum dionysischen Rausch der Worte.
    „Manchmal reicht es zu lieben, zu staunen, sich verzaubern zu lassen.“ – Ja! Ich glaube, man kann als Mensch nur dann Licht in unsere oft dunkle Welt bringen, wenn man sich selbst erlaubt, auch zu Strahlen.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

    Gefällt mir

  3. „Wenn der Blick aus dem Fenster sich im Trüben verliert. Wenn die Sonne nicht einmal mehr ein Versprechen ist. Wenn der Nebel bis in die letzte Hirnwindung dringt, die Gedanken den düsteren Tagen nicht entrinnen mögen. Wenn der November sich der Seele bemächtigt.

    Dann gilt es zu fliehen.“

    Nicht als solches gebrochen
    für mich
    dennoch
    ein Gedicht!

    Lieber Urs,
    Du hast mal wieder die Ambivalenzen des Lebens perfekt eingefangen!
    Danke Dir für all die wunderbaren, humorvollen, geistreichen und nachdenklich stimmenden Posts und eine schöne, bewegende Reise für Dich!

    Allerliebste Grüße
    Mo…

    Gefällt 1 Person

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