11) Unter Strom

Serie Eldorado

Tokio2016_klein
© Vreni Spieser. Tokio, an einem Sonntag Nachmittag im Juli 2016.

Liebe auf dem Land – Schaf im Schafspelz – beleidigt nach Tokio fliegen.
Am Schluß findet uns die Liebe.

Je mehr Großstädter unter Strom stehen, je mehr sie von Bildschirmen beleuchtet werden, spiegelglatte Flächen liebkosen, auf Bluetooth- und WLAN-Wellen surfen, desto stärker wird ihre Sehnsucht nach einem Leben ohne all das Senden und Empfangen. Das Bedürfnis nach analoger Authentizität steigt proportional zur digitalen Entfremdung. Was liegt da näher, als sich aus der Stadt wegträumen; ob ins Wochenendhäuschen in der Uckermark oder gar ins Selbstversorger-Aussteiger-Luftschloss?

Kleines Haus

Derzeit romantisiere ich das Land über alle Maßen. Ich fantasiere mir ein Tiny-House herbei, mit eigenen Händen gebaut, in the middle of nowhere, weitschweifender Blick, Hühner, ein Schwein, ein paar Schafe. Ein Garten mit Tomaten, die nach Tomaten schmecken. Ein Windrad für Strom, ein Brunnen für Wasser. Abends säße ich auf der Hollywoodschaukel unter dem Flieder und ergötzte mich am Sonnenuntergang. Ich drehte mich zu meinem Liebhaber, lächelte und legte meinen Kopf auf seine Schulter.
Seufz.

God’s Own Country

Der Bauernsohn John stellt gleich zu Beginn klar, dass es auf dem Hof in der gottverlassenen Gegend in Yorkshire keinen Handyempfang gibt. Als er am Bahnhof den Rumänen Gheorghe abholt, der für ein paar Tage bei der Schafzucht aushelfen soll. Zwischen den beiden entwickelt sich eine der schönsten Liebesgeschichten des Filmjahres.
God’s Own Country beschönigt nichts. Er lässt der Landschaft ihren rauen Charme und zeichnet die Figuren realistisch widerspenstig. Vor allem aber zeigt er die verändernde Kraft der Liebe, die sich anfangs explosiv äussert, später in tränenrührender Sanftheit, wenn Gheorghe John berührt oder John sich der Hand seines kranken Vaters ganz vorsichtig mit der Fingerspitze nähert.

Schaf im Schafspelz

Der Film beschönigt auch nicht den Rassismus, dem auf dem Land schwieriger auszuweichen ist als in Städten. Es gibt eine Schlüsselszene im Film: Gheorghe zieht einem Lamm, das von seiner Mutter verstoßen wurde, das Fell eines totgeborenen Lämmleins über. So akzeptiert die Mutter das fremde Schaf.
Bei der Szene kam ich nicht umhin, an die Integrations-  und Assimilationsansprüche zu denken, die wir gegenüber Zuwanderer*innen hegen. Warum sind wir offenbar nur dann bereit, das Fremde anzunehmen, wenn es so tut als wäre es nicht fremd? Warum, wenn sie sich denn in Schafspelz kleiden, vermuten wir dennoch Wölfe darin? Unter dem Kleid sind wir doch alle nur Menschen. Offensichtlich sind wir immer noch zu weit entfernt von der Zivilisation, egal ob fernab der Metropolen oder mittendrin, dass wir einander das Futter nicht neiden.
Wie lange noch, wähnen wir das Gras auf der anderen Seite grüner?

Love, Sex ’n’ Romance

Die meisten von uns träumen manchmal von einem anderen (besseren) Leben. Auch John sehnt sich weg vom Land. Doch dann treten zum Sex Liebe und sogar Romantik hinzu. Gheorghe und John erleben einen Summer of Love; hoffentlich immer und immer wieder. Der Zyniker in mir mahnt, Mensch, Urs, hör doch auf mit dem Pathos. Aber dann sehe ich wieder dieses Lächeln, das über Johns Gesicht huscht, wenn er in den Armen seines Liebhabers liegt. Alleine dafür lohnt es sich zu leben. Mindestens aber den Film noch einmal zu schauen.

Wir tindern durch unser städtisches Single-Dasein und haben uns von der Werbebranche alles Romantische gehörig verderben lassen, es blitzen Angebote von Wellness-Ressorts und Candlelight-Dinner-Verwöhn-Packages auf.
Vielleicht ist uns die Liebe schlicht abhanden gekommen.
Vielleicht sind wir in einer Beziehung und Zweifel nagen.
Vielleicht betreffend der Treue des Partners.
Möglicherweise tun wir es dann Gilbert Silvester gleich, dem Protagonisten in Marion Poschmanns Roman Die Kieferninseln.
Schwer beleidigt buchten wir den erstbesten Flug. Der flöge nach Tokio wo wir uns auf die Spuren eines Haiku-Dichters machten.
Auch das wäre natürlich eine äusserst romantische Handlungsweise. Einfach ins nächste Flugzeug steigen.
Weg.
Hundertmal besser als googeln.

Ein Haiku von Bashô für die kommende Kälte (gegoogelt):

Komm, laß uns gehen
Schnee schauen, Sake trinken
Taumeln wie Flocken

Jetzt singen wir mit Daniel Johnston True Love Will Find You In The End

Weitere sehenswerte (schwule) Land-Filme für die dunklen Abende:
Tom à la ferme von Xavier Dolan
Stadt Land Fluss von Benjamin Cantu
Oben ist es still von Nanouk Leopold
Antonias Welt (mit lesbischer Nebengeschichte) von Marleen Gorris

 

8 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    und wie ist es mit Brokeback Mountain, oder ist der zu kitschig?? Ich fand ihn toll, ist allerdings schon eine Weile her- 2005 oder so.
    Aufs Land oder nicht aufs Land? Die Frage hat mich lange umgetrieben, vor allem als mein Sohn noch klein war, denn für den stellte ich es mir netter vor näher an der Natur aufzuwachsen. Irgendwie ist es beim Überlegen geblieben und jetzt möchte ich nicht mehr raus aus der Stadt. Einfach mal so spontan abends ins Kino, Theater, Kneipe ginge auf dem Land nicht. Vielleicht ist es anders, wenn man dort mit einem Partner lebt.
    Liebe Grüße aus der Großstadt Frankfurt

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Urs,
    ja, das ist eine schöne Wunschvorstellung (vielleicht Utopie), dass man auf dem Land, abgeschnitten von den Datenströmen, eine echte Verbindung zu sich selbst und vielleicht sogar zu anderen Menschen herstellen kann. „God’s own Country“ werde ich mir auf jeden Fall ansehen.
    Auch für die „Die Kieferninseln“ hast du mein Interesse geweckt. Ein spontaner Ausbruch, eine Flucht zur Selbstfindung. Kann ich nur in der Ferne/Fremde eine neue Perspektive auf mich selbst gewinnen?
    Vielen Dank für deine wie immer faszinierenden Gedankenanstöße!

    Das Musikvideo zum Schluss lässt mich allerdings in ziemlich melancholischer Stimmung zurück. Was ist, wenn die Liebe mich nicht findet? Immerhin habe ich Bitterschokolade zum Trost – und meine Fantasie, die das eine oder andere Happy End herbeizaubern kann. 🙂

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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  3. Lieber Urs,
    jetzt hast du mir so ne Lust auf den Film gemacht und dann läuft der hier in der Pampa nicht mal… Ich musste nur den Trailer sehen und sah mich selbst wieder auf der Farm im County Cork, eine (unglückliche) Liebesgeschichte gab es auch. Inmitten von Kuhscheiße und toten Lämmern habe ich mich zurück in die Stadt gewünscht. Trotzdem glaube ich, dass (meine) Sehnsucht nach Landleben mehr ist als pure Verklärung, ich fühlte mich jedenfalls näher an mir und dem Leben dran. Also, wenn mich die Liebe doch noch findet, schalte ich WordPress, Twitter und WhatsApp ab und mach mich ab zu meinen Ziegen auf Korsika.
    Hab ein erfülltes Städter-Wochenende, lG, Amy

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  4. Hat dies auf Mia.Nachtschreiberin. rebloggt und kommentierte:
    Lieber Urs,
    dein Text macht das verregnte Novembergrau heller, leuchtender und verspielter, ja und vertäumter:
    Ein Tiny-House, her damit.
    Überall schreiben, lesen, leben …
    Die Filmempfehlungen für diese Zeit, gespeichert.
    1, 2, drei …
    Der WortLiebhaber, in dessen Zeilen ich hineinfalle, viel zu selten.
    Unter meiner Wortdecke, gern gespürt …
    Besonders im trüben Grau des Novembers,
    herzliche Grüße,
    Mia

    Gefällt 1 Person

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