Verzaubert

Film Garten der Sterne

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Ichgola Androgyn   © Stéphane Riethauser. Filmverleih: missingfilms.de

Gestern bin ich endlich wirklich in Berlin angekommen. Es hat eine ganze Woche gedauert, seit der Landung, nach einer Reise durch Thailand und Kambodscha. Das graue Wetter, der Schneeregen, die grimmigen Blicke. Vor allem diese waren ein Schock, nach dem Dauerlächeln in Asien.

Doch dann ging ich nach Charlottenburg ins Kino Klick, wo Garten der Sterne ein Film von Pasquale Plastino & Stéphane Riethauser lief und wurde erfüllt vom Strahlen von Ichgola Androgyn. „Was für ein schöner älterer Mann“, dachte ich. Hoffentlich altere ich auch so, hoffentlich wahren meine Augen so einen Glanz, hoffentlich sprudle ich ewig voller Lebensenergie.
Garten der Sterne ist ein schlichtes Porträt über den Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg. Erzählt wird nicht nur die ungewöhnliche Geschichte dieser Ruhestätte und seines Wächters, sondern auch ein Märchen der Gebrüder Grimm (die beide auch dort liegen): Gleich zu Beginn, die Kamera fährt durch die Baumwipfel, zieht die Stimme von Zazie de Paris in ihren sonoren Bann, Jeanne Moreau und Marianne Faithful gleich.
Sie erzählt die Geschichte eines Arztes, dem der Tod Patenonkel ist und der dank diesem zu unermesslichem Reichtum kommt. Natürlich fordert der Beschenkte den Tod heraus und riskiert all sein Glück.

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Das Café Finovo  © Stéphane Riethauser. Filmverleih: missingfilms.de

Nur 800 Euro in der Tasche, hatte Ichgola, als er das leerstehende Toilettenhäuschen auf dem Friedhof sah, es ins Café Finovo verwandelte und damit Leben zu den Toten brachte.
Garten der Sterne ist auch eine typische Berliner Geschichte. Eine Geschichte ihrer schwulen Pioniere und ihrer Subkultur, eine von Menschen, die aus wenig viel schöpften, die sich nicht um Erfolg scherten, sondern, auch von Aids lebensbedroht, ihren Lebenshunger stillten und ihre eigenen kleinen Oasen kreierten. Nur allzu oft werden sie heute als im Westberliner Mauerbiotop Hängengebliebene belächelt und bedauert. Doch das Biotop lebt! Da können noch so viele Fashionistas durch Mitte und Neukölln stolpern, auf Schritt und Tritt „It’s so Berlin“ ausrufen, auf der Suche nach dem hippen Opening eines emerging Artists.

Aber ich will hier und jetzt keine schlechten Vibes, ohm, shanti, ohm, verbreiten. Lieber erinnere ich mich daran, wie Ichgola Androgyn im Film auf einem Baum fläzt wie der Panther im Dschungelbuch. Dessen Äste seien Antennen ins Universum, er könne dem Baum alles erzählen. Schließen tut er verschmitzt damit, dass der Baum ja keine Antwort gebe.

Auf Friedhöfen reden die Menschen mit den Toten, sie reisen in die Vergangenheit und vergegenwärtigen sich ihre Ahnen, Geschwister, Partner, Freunde, sie pilgern zu Gräbern berühmter Verstorbener, huldigen ihren Idolen und spüren alle den kleinen Zauber, der diesen Momenten innewohnt.
Verzaubert * ist dieser Friedhof, verzaubert sein Hüter, zauberhaft ist dieser Film, rührend, ohne rührselig zu sein. Das zeigt sich gerade bei den emotionalen Höhepunkten, wenn es um das Denkmal PositHIV geht und die Opfer der Aids-Epidemie. Hier wird schlicht und einfach minutenlang in einem Gedenkbuch geblättert, von Verstorbenem zu Verstorbenem.
Bewegend sind auch die Sequenzen über die Sternenkinder, Totgeburten oder allzu früh verstorbene Säuglinge. Diesen bietet der Friedhof eine letzte Ruhestätte, auch dies ist einmalig. Und ein letztes Mal berührt das erfüllte Gesicht von Ichgola, wenn er an einer Trauerfeier für die Sternenkinder in der Abdankungshalle zwischen all den Eltern umhergeht.
Voller Hingabe und Liebe.

Garten der Sterne läuft aktuell in Berliner Kinos (siehe: Garten der Sterne )
U.a. noch bis 20.1.18 im sympathischen Klick in Charlottenburg.

* verzaubert kann auch als anderes Wort für schwul gebraucht werden, hat sich aber im Sprachgebrauch nie durchgesetzt (im Gegensatz zu gay und queer)

4 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    ich finde, Friedhöfe haben immer eine besondere Stimmung (je nach Ort auch durchaus unterschiedlich). Die Melancholie und das Erinnert werden an die eigene Vergänglichkeit kann auch etwas sehr Lebensbejahendes haben.
    Der Friedhofswächter mit seinem Café Finovo zelebriert jedenfalls das Leben.
    Danke für diesen stimmungsvollen Einblick.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

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