Lesebrillenblues

Story

Lucas_Cranach_-_Der_Jungbrunnen_(Gemäldegalerie_Berlin)
Der Jungbrunnen (Lucas Cranach der Ältere). Hängt in der Gemäldegalerie Berlin.

Julius legt das Buch von Marko Martin zur Seite, nimmt die professorale Lesebrille von der Nase und ergibt sich Tagträumereien.

Vor etwa zwei Wochen lag er ein letztes Mal in Bangkok am Pool des Babylon. Er las dort allerdings nicht Alexander Kluge, wie der Schriftsteller Martin. Er las „A Little Life“ auf seinem E-Book, das es ihm erlaubte, in einer Schriftgröße zu lesen, die er entziffern konnte. Noch gab er sich nicht die Blöße, den deutlich Älteren gleich, also den über 60-jährigen, an einem Swimmingpool eine Lesebrille auf der Nasenspitze zu tragen, und, angesichts der hin und her paradierenden Adonisse, die Augenbrauen hochgezogen, über den Brillenrand hinweg zu geifern. Noch fühlt er sich jung. Jünger jedenfalls als die Glatzköpfigen mit welker, fleckig-bleicher oder unverschämt wurstbraun gebräunter Haut, jünger als diese Hageren, diese Faltigen, diese Hängebrüstigen und Bauchträger. Noch trainierte er im anliegenden Gym täglich seinen schlanken Körper, noch schaute er den Allerschönsten hinter her, noch fand er, hatte er es nicht nötig, einen Trostpreis zu erhoffen.
Doch er beobachtete die Alten genau. Wie lange, fragte er sich, bis ich ergraue? Er konnte den Lufthauch des sich schließenden Fensters in der Ferne bereits fühlen.

Pierre, ein 62-jähriger pensionierter Franzose, den er täglich am Pool zur Cocktailhour traf, brachte es auf den Punkt: „Du hast noch 15 Jahre, Julius. Dann bist Du so alt wie ich.“
„Na dann brauche ich mir keine Sorgen zu machen!“
„Charmeur!“
„Ich meine es ernst, Pierre. Männer wie Du nehmen mir die Angst vor dem Altern.“

Tatsächlich hätte Julius nicht gedacht, dass Pierre noch genauso erfolgreich wie Jüngere durch die labyrinthischen Gänge des Babylons streifte, wo Männer aus aller Herren Länder miteinander intim werden; Alt und jung, dick und dünn, muskelbepackt und schlaffhäutig, dunkel und hell – jenseits aller Kategorien, jenseits von Status, zugänglich in einem Maße, das selbst die Sexhochburg Berlin in den Schatten stellt.

Pierre kehrte also von seinen Rundgängen mit diesem Grinsen zurück, diesem entspannten, leicht abwesenden, leicht triumphalen, ich-bin-noch-gut-im-Saft-Lächeln.
„Weißt Du, Julius, der Vorteil am Alter ist, dass man nicht mehr täglich fünfmal Sex haben muss, aber durchaus noch kann.“

Draußen heulen die Sirenen, Julius schreckt hoch, inzwischen ist es dunkel geworden, dabei ist erst Fünf. „Berlin“, seufzt er, „wie lange halte ich es hier noch aus?“
Er fühlt sich etwas tatterig; so wegschlummern am Nachmittag. Fehlt nur noch die Steppdecke.
Am Donnerstag schlägt die Stunde, denkt er, 47, klack-klack-klack, die Ziffern fallen, die verstreichende Lebenszeit fühlt sich an wie von einer Stoppuhr gemessen. Er sehnt sich nach Bangkok zurück. Doch da ist auch eine neue Gelassenheit. Er weiß jetzt, wo er hingehen kann, dereinst, wenn die Knochen klappern.

Dabei ist er mit vielen Vorurteilten losgeflogen, im Dezember. „Ich stehe nicht auf Asiaten“, dachte er, „kleine Schwänze, effeminiert, kindisch, kulturell ungebildet und sowieso alle nur hinter dem Geld her.“
Oh, was wurde er eines Besseren belehrt! Noch nie in seinem Leben ist er aus einem Flieger gestiegen und auf jedem Meter, den sich Taxi in das Gewühl der Großstadt vordrängte, mit solch euphorisierender Liebe erfüllt worden. Noch nie hätte er am liebsten alle umarmt, als er ausstieg, seinen Koffer deponierte, weil sein Zimmer in dieser Frühe noch nicht bereit war und er irgendwo auf der Straße, im Schatten des Skytrains eine Suppe aß, die er zeigend bestellte und die ihm Sekundenbruchteile später mit einem Lächeln an einem kleinen Klapptischchen serviert wurde, an dem er auf einem Plastikhocker saß. Er seufzte, offensichtlich laut, denn die anderen Gäste grinsten ihn an. Er seufzte erneut, als er die Brühe kostete, als er es den anderen gleichtat, genau beobachtend, einen Metalllöffel in der linken, Stäbchen in der rechten Hand, die Suppe mischte und sich im Essparadies wiederfand.

Wie er dann sehr schnell, schon am nächsten Tag, Männern nahe kam, sehr, sehr nahe, immer wieder. Und er sich schämte, für seine Vorurteile, ja, das Universum um Verzeihung bat und darüber erschrak, so heftig schienen ihn die Gefühle übermannt zu haben, dass er sogar das All anrief.

Tatsächlich hörten die Wellen der Überwältigung nicht auf zu wogen. Wie auch, angesichts dieser fremden, faszinierenden Gesichter, die er sich zu studieren vornahm, des täglichen Lächelns überall, sogar Verkehrspolizisten grinsten ihm zu, oft von einem ‚Hello Sir, have a good day, Sir’ begleitet.

Julius lächelt. Trotzdem, auch angesichts seines Geburtstages, macht er sich wieder einmal Gedanken über das Alter, insbesondere die drohende Marginalisierung und Einsamkeit. Nicht mehr wahrgenommen zu werden, abgeschoben, grau und beige, nicht mehr ernst genommen zu werden, als alter seniler Knacker belächelt.
Klar, er übertreibt ein bisschen. Noch ist er topfit. Fitter den je, fitter als mit Dreissig auf jeden Fall, war ihm doch als Jugendlicher das Credo „Sport ist Mord“ heilig.
Aber wie lange noch? Und was, wenn er es nicht schafft, rechtzeitig einen Lebenspartner (was für ein vielversprechender Begriff!) zu finden (immer mal wieder diese Torschlusspanik!) ? Und wie ist das mit der Karriere, dem Erfolg, den zu verwirklichenden Träumen?

Doch dank seiner Reise kann er sich schnell beruhigen. In Bangkok hatte er die gänzliche Abwesenheit von Altersdiskriminierung erlebt. Ältere Männer schienen geradezu begehrt (wir ohrfeigen uns, sollten wir denken, dass das wegen des Portemonnaies und des europäischen Passes sei. Wir ohrfeigen uns, falls wir auf die Idee kamen, dass ältere Männer nicht begehrenswert sein sollen.).
Er spekuliert über zwei mögliche Gründe: Erstens ist Jugend in einer extrem jungen Gesellschaft kein Alleinstellungsmerkmal und zweitens ist es vorstellbar, dass ein Gesicht faszinieren kann, das aussieht wie ein Relief der Schweizer Alpen; die Stirn ein Wellenbad, die Lachfalten Sonnenstrahlen gleich.

Julius grinst beim Gedanken an das babylonische Bangkok. Er nimmt Marko Martins Buch wieder zur Hand, sieht nichts, tastet nach der Lesebrille, wo ist die Lesebrille ? (Nein, ein Kettchen kommt wirklich nicht in Frage.):

„Sollte er deshalb vielleicht auch davon sprechen, wie im Inneren des Babylon selbst die Zeit ganz anders strukturiert ist und die der erhofften Lust geopferten Minuten, ja Stunden des Wartens, Herumlaufens, Schwimmens und auf der Liege Beobachtens wohl keinem der Anwesenden als verlorene, tote Zeit erscheinen, sondern als Verjüngungstrip in Richtung Lust und Jugend?“ (*)

babylon
Babylonische Sicherheitsempfehlung

(*) S. 415. Alexander Kluge lesen am Pool in Bangkok: Babylon revisited. In: Martin, Marko. Die Nacht von San Salvador. Ein Fahrtenbuch. Berlin, 2013. Hervorhebungen übernommen.

8 Kommentare

  1. Lieber Urs,

    „Er konnte den Lufthauch des sich schließenden Fensters in der Ferne bereits fühlen.“

    Poetisch
    tiefsinnig einnehmend
    anziehend älter als jung
    schöner als gestern heute
    vielleicht
    alter
    ja auch
    schönheit schau
    hin verdammt da
    vor deiner Nase da
    auch …:-)

    Liebe Grüße,
    Mia

    Gefällt 2 Personen

  2. Lieber Urs,
    ich habe Deinen Betrag mal wieder mit großer Freude und großem Interesse gelesen.
    Ich mag deine Art zu erzählen und dabei gänzlich unaufgeregt tiefste emotionale und gedankliche Einblicke zu geben einfach zu gern. Sollte doch irgendwann mal eine Erzählung oder ein Roman von dir erscheinen, sei dir bereits einer Leserin versichert. :)
    lg. mo…

    Gefällt 1 Person

  3. Lieber Urs,
    ich schleiche schon eine Weile um diesen Blogbeitrag rum und überlege, ob ich etwas dazu sagen soll. Denn aus eigener Betroffenheit der Mittsechzigerin hätte ich eigentlich was dazu zu sagen. Das große Thema Älter werden treibt mich, sicher aus anderen Gründen als Dich, schon seit einiger Zeit vehement um. Das mit der Lesebrille ist jetzt nicht das Problem, denn Brille hatte ich schon fast immer. Das mit der nachlassenden Attraktivität ist jetzt auch nicht so wirklich, denn als attraktiv habe ich mich noch nie wahrgenommen. Ich weiß, es gibt eine große Diskussion vor allem unter Frauen mittleren Alters, ob sie mit dem Älter werden im öffentlichen Raum unsichtbarer werden. Die Erfahrung mache ich seltsamerweise nicht. Mir halten mehr Männer die Tür auf oder bieten mir einen Sitzplatz an als früher, ohne mir dabei das Gefühl zu geben, das sei nur meinem Alter geschuldet. Sie tun es in der Regel mit einem freundlichen Lächeln. Das ich vielleicht aber auch jetzt erst einfach so annehmen kann, ohne zu überlegen, ob dieser Kerl unter Umständen irgendwas von mir will. Bei mir ist aber dieser Lufthauch vom zufallenden Fenster schon zu einem ziemlichen Herbstwind geworden und es ist nicht nur der Rücken der zwickt, sondernder Körper macht eine Baustelle nach der anderen auf. Die Frage nach Vergänglichkeit und nach dem „Wann“ steht deutlich hörbar im Raum. An manchen Tagen pendel ich gedanklich zwischen dem „Herbsttag“ von Rilke und und dem “ greisen Kopf “ aus der Winterreise von Schubert hin und her. Ich ringe noch um eine lebensbejahende Haltung zum Älter werden, um Gelassenheit gegenüber der Frage, wieviel Zeit bleibt noch.
    Danke für Deine Denkanstösse. Du schaffst es immer wieder schwere Dinge, mit leichter Hand auf den Punkt zu bringen.
    Liebe Grüße
    Anne

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Anne
      Ich danke Dir für Deinen tollen, nachdenklich stimmenden, selbstoffenbarenden Kommentar. Ich selbst bin da ja fast noch am kokettieren, im Grunde. Aber eben, der Lufthauch… Trotzdem: Die Tatsache, dass ich in letzter Zeit viele ältere Menschen kennen lerne, beruhigt mich auch. So ist es mir auch eine große Freude, z.B. mit Dir zu studieren und an Deinen Gedanken teilhaben zu dürfen. Das passt zu meiner Devise: Das Leben hört nie auf, spannend zu sein!
      Herzlich, Urs

      Gefällt 1 Person

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