Kaugummiglück

 

Ein Besuch von „The Happy Show“ und Fragen zum Glück

Kaugummi
Kau Dich glücklich

In Zürich, im Büro, montagmorgen, Windows fährt hoch.
Parallelwelt.
Er könnte jetzt noch am Tanzen sein, wäre er in Berlin.
Er könnte den Tag im Bett verbringen, vorzugsweise mit einem Geist der Nacht.
Das Nachglühen genießen.
Superpitcher hören:

„Happiness. I want happiness. Ahhh“

Doch er sitzt im Großraumbüro und trinkt einen Kaffee während Outlook die Mailbox aktualisiert.

Ist er glücklich?

Ein paar Tage darauf ist Julius mit einer Freundin im Toni-Areal verabredet, neuer Sitz der Zürcher Hochschule der Künste in Zürich West. Angesichts des trutzigen Baus, der hellgrauen, abschirmenden Fassade, die sich kaum vom grauen Winterhimmel abhebt fragt er sich einmal mehr, ob diese Architektur nicht völlig missglückt ist. Als er über die wuchtige, pitschnasse Treppe zum Haupteingang watet, ist er froh, sind die Temperaturen über dem Gefrierpunkt, ansonsten käme er kaum die Stufen hoch, die so angelegt sind, dass ein Pferd hochreiten könnte. Welcher Architekt baut eine Treppe, die sich bei Regen, und es regnet nicht wenig in Zürich, in einen Kaskadenbrunnen verwandelt?

Liegestützen

Doch ist Julius nicht wegen der Architektur hier, sondern um sich im Museum für Gestaltung „The Happy Show“ des Grafikdesigners Stefan Sagmeister anzuschauen. Diese ist, wie es sich heutzutage für eine Ausstellung im Crossover zwischen Wissenschaft, Design und Kunst gehört, interaktiv. Eingangs darf er auf einen Knopf drücken und kriegt durch einen Schlitz eine kanariengelbe Visitenkarte mit einer Handlungsanweisung. Er soll fünf Liegestützen machen. Die würde Julius wohl schaffen, verzichtet aber darauf, die Aufmerksamkeit der anderen Besucher*innen auf sich zu ziehen. Stattdessen nimmt er seine Begleiterin an die Hand, die laut ihrer Karte die Augen schließen soll, um sich die ersten Exponate blind erklären zu lassen. Also liest er ihr dieses Zitat von Blaise Pascal vor:

„Jeder Mensch möchte glücklich sein. Dies gilt ohne Ausnahme, wir streben alle nach diesem Ziel. Die einen ziehen in den Krieg, die anderen nicht, aber es ist das gleiche Verlangen, das in beiden lebt. Dies ist der Grund aller Handlungen aller Menschen, auch bei denen, die sich erhängen wollen.“

Da hängt auch eine Maslow’sche Bedürfnispyramide, deren Basis die Physiologischen Bedürfnisse sind, darauf aufbauend Sicherheit, Zugehörigkeit und Wertschätzung, gekrönt von der Selbstverwirklichung. Davon soll laut dem US-Psychologen das Glück abhängen.

Fahrradfahren und Lächeln

Die Ausstellungsbesucher*innen scheinen sich glücklich zu schätzen, jedenfalls zeigt dies ein Kaugummi-Säulendiagramm. Man darf einem von zehn Plexiglaszylindern eine knallgelbe Kugel entnehmen. Die leersten Behälter sind Nummer 7, 8 und 9. Die inzwischen wieder sehende Begleiterin nimmt einen aus der 8, Julius zögert. Ob er extra unter 5 wählen soll?

Vom mit allerlei besucherfreundlich aufbereiteter Statistik zum Thema Glück gefüllten, hellgelb strahlenden Bereich, treten sie über in schwarz gehaltene Ausstellungsräume wo sie mit Lächeln dreidimensionale Buchstaben zum Leuchten bringen dürfen und radfahrend eine Neonschrift. Hier erteilt der Gestalter allerlei gutgemeinte Ratschläge fürs (Berufs-)Leben:
„Alles, was ich mache, fällt immer wieder auf mich zurück“ oder
„Wirklich das zu tun, was ich mir vorgenommen habe, macht mich glücklicher“ oder
„Fühle was andere fühlen“

Das Ganze ist hübsch und stimmig gestaltet, schließlich ist Sagmeister ein erfolgreicher Grafiker, denkt Julius. Trotzdem ist es im Grunde nur Work-Life-Balance- und Selbstoptimierungsgefasel.

Ob der Transfer von Strategien von Kreativen in das Leben eines Angestellten sinnvoll ist? Also von allen am Ende eine Rund-um-die-Uhr-Präsenz erwartet wird, an die sie sich mittels Coaching, Mentoring und Psychopharmaka anzupassen haben?
Sagmeister befragt sich selbst kritisch. Die Methoden allerdings bleiben unhinterfragt. Was die Ausstellung trotzdem sympathisch macht, ist der verspielte, lebensbejahende, manchmal naive Selbstoffenbarungstonfall.
So steht unter dem Motto „Mach den ersten Schritt“:
„Meine Mutter arbeitet ihr ganzes Leben lang in einem Laden. Auf Menschen zuzugehen fiel ihr leicht. Sie machte immer den ersten Schritt, statt abzuwarten, bis die andere Person auf sie zukam. Mir fällt das nicht so leicht, aber wann immer ich es ausprobiere, kommt etwas Gutes dabei heraus.“

Happiness Report

Ob bei Julius im Büro an diesem Tag noch viel Gutes herauskam, sei dahingestellt. Den Feierabend verbringt er recherchierend. Er lädt den vom Kaffeehersteller Illy gesponserten UN-World Happiness Report herunter und liest, dass die Schweiz die viertglücklichste Nation ist. Klar, misst man Glück an hauptsächlich wirtschaftlichen Faktoren mag das wohl zutreffen. Wie wäre es aber, wenn man in der Schweiz den Preis für eine Tasse Kaffee als Maßstab anlegte? Oder in Norwegen, das Platz 1 belegt, die monatelange Dunkelheit?

Woran messen wir unser Glück?

Julius denkt an seinen Urlaub in Thailand (Platz 32) und Kambodscha (Platz 129). Noch ist er erfüllt von der Zufriedenheit, die das Reisen mit sich bringt. Und er weiß, dass er sich glücklich schätzen kann, in Westeuropa geboren zu sein. Am nachhaltigsten hat ihn beeindruckt, dass ihm die Menschen in diesen schmerzhaft ärmeren Ländern so spürbar viel gelassener, zufriedener, fröhlicher, ja glücklicher erschienen. Vielleicht, denkt er, sah ich durch die rosa Brille zu wenig scharf? Macht das eigene Glücksgefühl blind für das Unglück anderer?

Die Keksdose

Warum ist das Streben nach Glück überhaupt so wichtig für uns? Wir verhalten uns wie ein Kind, das auf Zehenspitzen nach der Keksdose auf dem obersten Regalboden langt. Angepeitscht von marktbefördertem Verlangen, süchtig nach Dopamin, gehetzt vom Imperativ den Tag zu nutzen, aus allem das Bestmögliche zu holen, die Leiter hochzuklettern und sei es nur im sich Vormachen, auf jeden Fall glücklicher zu sein als andere.
Natürlich ist es für eine absolut dem Diesseits verpflichteten Gesellschaft eine Katastrophe, nicht an die Keksdose zu gelangen. Wer nur ein Leben hat, muss es füllen mit Glücksmomenten, minutiös dokumentieren, sharen und liken.

Dabei könnte alleine schon das Glück zu existieren Glück genug sein.

Wenn man nicht in der Gosse geboren wurde, schließt Julius und steckt sich den gelben Kaugummi aus der Ausstellung in den Mund.

Liegestütze

Die Zitate aus der Ausstellung sind dem Begleitheft für die Besucher*innen entnommen. „Die Happy Show“, Museum für Gestaltung, 28.10.2017 – 11.03.2018 .

7 Kommentare

  1. Lieber Urs,

    angeregt durch diesen Post denke ich seit zwei Tagen darüber nach, was Glück eigentlich ist. Wäre das nicht auch ein Thema für den/das literarische Essay gewesen? Der/die/das hab ich aber glücklicherweise schon abgegeben, so dass ich zweckfrei vor mich hin denkeln kann. Glück kann durchaus mal in einer Keksdose liegen, wenn es genau die von mir geliebten Schokoladenwaffeln sind, die sich in der Gebäckmischung finden lassen und die noch keiner weggefuttert hat. Glück kann auch im Sonnenschein auf dem Friedhof liegen, wenn ich angesichts der Gräber meiner Eltern und einer zu früh gegangenen Freundin, meine Lebendigkeit spüre. Das ist die Bandbreite meines Glücks. Das Dumme ist nur, dass ich das Glück immer mal wieder aus den Augen verliere und das Unglück des Alltags regiert. Danke, dass Du mich zu ein bisschen mehr Achtsamkeit angeregt hast.

    Liebe Grüße
    Anne

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Urs,
    ich habe die „Happy Show“ im vorletzten Jahr in Frankfurt mit einer Freundin besucht und fand sie auch sehr unterhaltsam – besonders die interaktiven Spielchen, wie mit meinem Lächeln die Buchstaben zum Leuchten zu bringen. Sicherlich stecken hinter der Glücks-Frage mehr als die Glückskeksantworten, die Sagmeister leicht kaubar präsentiert.
    Aber es kann nicht schaden, mich daran zu erinnern, dass Glück ein Gefühl ist, das ich selbst für mich erzeugen kann. Sei es auch mit einem leckeren Keks oder einem Blick aus meinem Fenster, wo die Sonne geraden den frischen Schnee zum schmelzen bringt.
    Vielen Dank für deinen anregenden Beitrag!

    Heiter
    Alles
    Praline
    Potential
    Yes

    Herzliche happy Grüße und bis bald
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

  3. Lieber Urs,
    die Fragen über das Glück scheinen recht ernsthaft zu sein. Zumindest stimmt Julius mich ernsthaft nachdenklich und ich frage mich, dienen die Botschaften in Glückskeksen als unterschwellige Aufforderungen zur Sebstoptimierung? Und was ist das überhaupt, Selbstoptimierung? Bestimme ich, wann ich optimal bin oder wer sonst? Was, wenn ich hier und jetzt beschließen würde, dass ich jetzt schon optimal glücklich bin? Kann ich also das Optimum mir anpassen, statt mich dem Optimum?
    Wäre das nicht überhaupt ein schönes Thema für ein philosophisches Essay? 😉 😀

    Lg. mo…

    Gefällt 1 Person

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