Marvin hält den Arsch hin

Der Film. Die bourgeoise Mär vom Aufstieg. Die Rechnung vom Ex. Die Taube.

Wäre es nicht total unanständig, ich würde hier und jetzt kotzen, in einem fetten, nicht versiegenden Strahl meinen Mageninhalt entleeren, die Austern, die ich gestern mitschlürfen musste, mit Marvin, dem Protagonisten des gleichnamigen französischen Filmes.

Der Streifen basiert auf dem Buch Das Ende von Eddie von Edouard Louis und verknüpft dieses misslungen mit Didier Eribons Rückkehr nach Reims. Das wäre kein falscher Ansatz, denn Louis und Eribon erzählen in ihren Büchern zwei sehr ähnliche Geschichten, ersterer in Romanform, letzterer als soziologische Arbeit. Zudem ist Louis ein Protégé von Eribon, dem der Roman auch gewidmet ist.

Synopsis

Marvin Bijou wird an der Schule als Schwuchtel gedisst, leidet auch unter seinen prolligen Eltern und schafft dank seines schauspielerischen Talents und der tatkräftigen Förderung durch die Schulleiterin höchstpersönlich schließlich den Absprung an ein Internat. Diese Geschichte wird in Rückblenden erzählt. Denn der erwachsene Marvin ist in Paris, wo er bei einem schwulen Paar, einem Theaterregisseur und einem Landschaftsgärtner unterkommt (mit denen er Austern schlürft). In einem Schwulenclub hat er intensiven Blickkontakt mit einem älteren Mann, lässt sich von diesem in einem Jaguar-Cabrio in dessen Luxusappartement fahren, noch ziert er sich, doch nimmt die Affäre ihren Lauf. Dank dem Älteren kriegt er nicht nur neue Zähne (!) sondern lernt auch Isabelle Huppert kennen, die sich selbst spielt. Bald ist Marvin nicht mehr Protégé Nummer 1, reumütig kehrt er zum Regisseuren zurück. Irgendwann ruft Huppert an, der Alte sei „unterwegs in Deutschland“ tödlich verunfallt. Als sie sich das letzte Mal begegnet seien, hätte er ihr aber das Versprechen abgenommen, sich um Marvin zu kümmern. Dieser spielt Huppert eine Szene aus seinem geplanten Stück vor, der Star ist angetan und sie bringen Marvins Geschichte auf die Bühne. Damit ist aber nicht Schluss. Denn Marvin muss auch noch zurück aufs Land fahren, um sich mit seinem Vater zu versöhnen, von dem er gar seinen Hochzeitsring geschenkt kriegt, den er nicht mehr brauche (die Eltern sind inzwischen geschieden).

Die Mär

Die Regisseurin Anne Fontaine erzählt keine schwule Emanzipationsgeschichte, wie es vordergründig den Anschein macht. Vielmehr kontrastiert sie auf ärgerlich plakative Weise Milieus und kolportiert die Mär vom sozialen Aufstieg. Unerträglicherweise nach dem Motto: Schnapp Dir einen Bourgeois, lass Dich ficken und schwupps, bist Du erfolgreich. Die Frage bleibt offen, warum die Regisseurin sich entschieden hat, quasi Werbung für #metoo – Verhalten zu machen, dieses nicht etwa kritisch oder ironisch darzustellen, sondern gar dessen Früchte zu feiern.

Der Film ist nicht nur ein fragwürdiges Klischee, sondern auch extrem redundant. So genügt es der Filmemacherin nicht, zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu pendeln: Als Marvin seine Geschichte in Tagebüchern festhält, flimmern hinter dem Schreibenden filmische Erinnerungsbilder an der Wand, die wir gerade eben noch szenisch mitverfolgen konnten.
Hochnotpeinlich geraten ist die Inszenierung des Theaterstücks. Isabelle Huppert sitzt rauchend als Marvins Mutter auf einem Stuhl in einer schwarzen Wasserfläche, Marvin, oberkörperfrei, geht über das Wasser und fällt ihr weinend in den Schoß. Dabei fleht er doch tatsächlich, er möchte bloß zurückkehren. In Mamas Schoß. Aha. Mon Dieu, Freud!

Bourgeoise Selbstvergewisserung

Dieser Film ist ein Paradebeispiel der bourgeoisen Selbstvergewisserung. Die Bourgeoisie kann die Türen öffnen, nach ihren Gnaden. Was für eine Demonstration von Macht, von selbstgerechter Arroganz! Der Proll muss nur seinen Arsch hinhalten und unterhaltsam sein. Oder intelligent und talentiert. Beides führt auf jeden Fall aus dem Mief, dafür ist doch gesorgt, in unseren westlichen Staaten…
An dieser Illusion berauscht sich die Oberschicht und beruhigt zugleich ihr schlechtes Gewissen. Sie hält am Glauben fest, dass es schafft, wer sich nur genügend anstrengt, sie verdrängt und vergisst, dass Karriere und Erfolg in die Wiege gelegt und geerbt werden. Die sozialen Schichten sind nur für sehr wenige durchlässig, besonders in Ländern wie Frankreich und Deutschland. Sie sollen es auch nicht sein, denn in den oberen Rängen ist der Platz knapp, der Kuchen ist verteilt.

Im vorigen Jahrhundert tat man lange noch so, als würde es eine Gesellschaft geben, die ein Gesamtwohl anstrebt. Dann hat Thatcher die Gesellschaft negiert und der Neoliberalismus hat das Wohlergehen individualisiert und in Form von z.B. HartzIV gar zur Schuldfrage gemacht.
Ein Film wie Marvin wirkt diesbezüglich geradezu zynisch.

Sugardaddy

Man würde meinen, dass ein knapp zweistündiger Film, der sich an Büchern orientiert, eher weglässt, sich beschränkt, statt ausufert. Stattdessen dichtet die Regisseurin auf fast amerikanische Art einen pathetischen und stellenweise allzu weinerlichen Plot zusammen, der den Buchvorlagen unrecht tut in seiner Interpretation.
Das Ende von Eddie hört in knappen, poetischen Worten im Internat auf. Da gibt es keine Versöhnung, nur Abschied und Aufbruch in eine ungewisse Zukunft. Da gibt es vor allem keinen Sugardaddy
In Rückkehr nach Reims gibt es auch keine Versöhnung mit dem Vater. Der Erfolg tritt eher zufällig ein und ohne Fanfaren. Eribon trifft 25-jährig im Schwulenmilieu, wo sich, wie er richtig feststellt, diverse soziale Klassen begegnen, einen (jungen!) Mann der sein Liebhaber wird. Bei einem gemeinsamen Abendessen lernt er eine Journalistin der Libération kennen. So begann seine journalistische Karriere, die ihm weitere Begegnungen u.a. mit den Schwergewichten Bourdieu und Foucault ermöglichte und Türen öffnete.

Epilog 1

Frühmorgens blätterte ich durch Das Ende von Eddy, um meine Erinnerung daran aufzufrischen. Ein Zettel fiel heraus: eine Rechnung des HOTEL BELLE VUE (sic!) in Marseille, adressiert an einen Exfreund. Damals, als wir uns gestritten haben, im Corbusierhaus, der Cité radieuse, ich wütend auf Stadtbesichtigung ging und er nicht mehr da war, als ich zurückkam. Nichts mehr da war von ihm, in diesem architektonischen Juwel.

Epilog 2

Als ich heute morgen in mein Schlafzimmer trat, um das Fenster zu schließen und das Duvet anständig über das Bett zu werfen, schreckte ich eine Taube auf, die unbemerkt ins Zimmer geflogen war. Sie schreckte mich ebenso auf, flatterte in den Flur, ins Wohnzimmer, ich wollte ihr das Fenster öffnen, sie knallte gegen die Scheibe, schwer atmend zitterte sie am Boden, offensichtlich verletzt, sie kam nicht mehr in die Luft, ließ sich schließlich mit einem Tuch fangen, dieses verängstigte Auge, raus mit dem Vogel. Nein! Nicht loslassen, womöglich kann sie nicht mehr fliegen und einem Passanten eine Taube auf den Kopf fallen lassen wäre nicht gut, also Fensterbrett. Das Tier hob nicht ab.
Als ich vom Sport zurückkam, kauerte die Taube noch immer auf dem inzwischen sicher brennend heißen Blech. Müsste ich das Tier erlösen, überlegte ich kurz, könnte ich das? Ich beschloss, es wenigstens zu füttern, bereitete ein paar Brotkrummen vor, öffnete das Fenster, reichte die Krümmel, die Taube flatterte auf, ich fürchtete, dass sie abstürzt, sie konnte sich in der Luft halten, gegenüber ist ein Baum.

7 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    den Film werde ich mir jetzt nach deiner ausführlichen Beschreibung nicht mehr anschauen müssen, umso mehr aber interssieren mich die beiden Vorlagen, die vermutlich das noch enthalten, was der Film nicht mehr hat …
    Wir erben nicht nur unsere gesellschaftliche Position, sondern umso mehr die damit verbundene Familiengeschichte mitsamt den gelernten Bildern von Welt, die wir ein Leben lang mit uns herumtragen und eher selten genau diesen beschriebenen Aufstieg schaffen werden, schaffen können, schaffen müssen, schaffen sollen. Als das Mädchen in einer Familie, die als Erste in der Familie studiert hat, weiß ich genau, wovon ich schreibe …
    Ich mag es, wie du die Lektüre mit dem Heute und Jetzt verknüpfst, auf eine ganz leise und melancholische Weise, die mich mitgehen lässt und mit dir behutsam auf die Taube achtet, die davongeflogen ist.
    Einen nachdenklichen Gruß in die nacht,
    Mia

    P.S.: „Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann.“
    Sartres Zitat kam mir in den Sinn, ich weiß nicht, ob es passt, für mich irgendwie schon …

    Gefällt 2 Personen

  2. Lieber Urs, liebe Mia,
    ihr schafft es mal wieder beide, mich nach der Lektüre des Textes von Urs bzw. des Kommentars von Mia, gedankenschwer zurück zu lassen. Einerseits lockt es mich herum zu blödeln und zu erzählen, dass ich tatsächlich mal als Heranwachsende auf einer Dienstreise meines Vaters, auf der ihn die Familie begleiten durfte, die erste Auster meines Lebens in hohem Bogen wieder ausspuckte. Es war wohl ein, durch den Geschmack des Salzwassers ausgelöster Reflex, der natürlich in dieser Situation eines halbprivaten Geschäftsessens mehr als peinlich war. Die Episode hebe ich mir für den Küchenblog auf, sie hat Unterhaltungswert. Auf dem Küchenblog lass ich auch lieber meinen Marvin rumtoben. Es bleibt das Sartregedicht, das auch für mich passt und das mich tröstet, denn so bin ich mit meiner unstillbaren Sehnsucht nicht allein. Es bleibt das Bild der Taube, um die Du Dich gesorgt hast. Eigentlich mag ich keine Tauben, aber beim Lesen Deiner Geschichte habe ich die Daumen gedrückt, dass ihr beiden ein gutes Ende findet, was dann ja auch gelang. Es bleibt ein Nachdenken über den Wunsch, dazu zu gehören, über das Gefühl, dies nie zu schaffen und der Gewissheit mit dem Älter werden, seinen eigenen Platz zu finden, aber dafür die Sehnsucht nach Zugehörigkeit in Form einer warmen Bettdecke unter die man sich mit anderen kuscheln kann, aufgeben zu müssen. Leben ist nicht einfach.
    Danke für Eure ziemlich philosophischen Anrgegungen.
    Anne

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Anne
      Obwohl ich beim Verfassen des ersten Satz an den Küchenblock gedacht habe, ich schrieb ihn und ließ in stehen. Obwohl ich Austern mag und desöftern genoßen habe (in Vergangenheit, weil seit der Trennung vom Ex nur noch einmal – es war eines unserer Rituale, oben im KaDeWe an der Austernbar eine Selektion zu schlürfen). Aber das Bild der Auster musste auch im Film dazu hinhalten, oben und unten (dort wurden gar Aale gefangen) zu zementieren. Als ob Austern so unerschwinglich wären, als ob ein Proll nicht wüsste wie man diese genießt. Wie auch immer. Ich freue mich natürlich auf die Geschichte Deines Austernspuckens :-)
      Herzlich, Urs

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  3. Von dem Film hatte ich noch nichts gehört, aber das klingt wirklich grausig. Ich habe sowohl das Ende von Eddie als auch Rückkehr nach Reims gelesen und wäre sehr zufrieden, wenn jemand beide zu einem Film verwurstet, den man sich auch ansehen kann. Aber hier sollte es wohl nicht sein *seufz*
    PS: Wohlergehen als Schuldfrage – das bringt es auf den Punkt!

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  4. Lieber Urs,

    Marvin Bijou
    ins Bett im Nu
    wen drückt der Schuh
    kein Klischee-Tabu
    Zuschauer schreit Buh
    Taube gluckert Huhhhh

    Danke für diesen wie immer faszinierenden kulturellen Streifzug.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

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