Terraband (Homeoffice)

Noch bevor ich mit einem unterwegs in der Küche gekochten Latte To Go ins Homeoffice schlurfen kann, selbstverständlich vollständig angezogen, geschieht es, dass ich bei meinen morgendlichen, halbwegs das Gym ersetzenden Gymnastikübungen – ich spreize mittels Terraband* erschwert meine Arme ab, das Spotify-Radio spielt Love is the Drug von Roxy Music, dabei schaue ich die Seitenstraße hoch zum morgensonnenbeleuchteten Kirchturm, wie viele dort wohl versucht haben Pest und Cholera wegzubeten – einen Mann mit Mütze erblicke, der mit knallrotem Faltrad in die Menschenleere tritt, kurz nach ihm eine Frau.
Während ich am Gummiband ziehend Wiederholungen zähle, 3×15, dazwischen 30 Sekunden Pause, umarmt sich das Paar. Sie umarmen sich innig. Umarmen sich so innig, dass ihre Körper leicht pendeln. Sie schmusen. Sie schmusen auch noch während meiner nächsten Übung, der Rücken ist dran.
Er wirbelt Sie durch die Luft. Wirbelt Sie durch die Luft!
Weiter geht die Umarmerei, mein Herz, ei, ei.

Erster Gedanke: Ich will auch. (Sich kurz vor Corona verliebt zu haben wäre ein Glücksfall, denn während der Rosa Phase schmiert sich jedes Paar kübelweise mit Leim voll, tagelang im Bett, wochenlanger, kreuz und querer Hautkontakt.)
Zweiter Gedanke: Geht’s denen noch? (Haltet Euch zurück in der Öffentlichkeit, es ist Corona! Hättet ihr Euch nicht in der Wohnung verabschieden können? Natürlich nicht, ihr müsst der Welt, wenigstens der Straße, mindestens denen, die Euch beobachten durch schmierige Scheiben – verdammt ich muss die Fenster putzen – zeigen, wie verliebt ihr seid. Jööö.)
Endlich lösen sie sich. Er fährt auf seinem blöden knallroten Klapprad in meine Richtung, schaut zurück ob sie da noch steht. Steht sie nicht.
Dritter Gedanke: Ätsch. (Du Freundin-durch-die-Luft-Wirbler magst zwar ein romantischer Liebhaber sein, aber kein Ernährer! Du bist, bevor sie sich den Typ Vater sucht, ihr letztes wildes Abenteuer!)
Aber: Sie kommen wider meiner Pest und Cholera-Flüche zusammen, vermehren sich arterhaltend 2,1 mal. Ich beobachte sie beim täglichen Abschied vor dem Haus, die Umarmungen werden mit den Jahren kürzer, aber nicht weniger innig, das Wirbeln unterlässt er inzwischen wegen den Wirbeln. Und ich? Ich alter Mann stehe da mit meinem Theraband, muss nicht mehr ins Homeoffice sondern kann, zwar leicht angeschrumpelt, aber immer noch zu frischer Liebe fähig, zurück ins Bett wo mein Liebhaber mich anlächelt.

* Wir fragen uns nicht, was es zu bedeuten hat, ob es ihn gar entzaubert hat, dass der Autor bis heute vermeintlich mit einem Terraband verbunden zu sein glaubte, stattdessen aber ein Theraband stretchte, wie er googelnd herausfand bevor er sich mit dem Büroserver verband.

6 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    was lacht mich mehr an? Der Coffee to go aus der heimischen Küche ins Home-Office Office? Die Vorstellung von Dir am Terraband? Der Verweis auf die Fertilitätsrate? Der Zahn der Zeit, der am paarweise Wirbeln nagt? Ein Bild so schön wie das nächste. Dein Text macht mich lachen, er macht mich übermütig, veranlasst mich zu kleinem Verschreiberulk und Wortspielereien. Danke für diese Aufmunterung am Morgen.
    Liebe Grüße
    Anne

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  2. Lieber Urs,
    es ist Mittag geworden, bevor ich diesen Blogbeitrag lesen konnte und ich habe laut gelacht und genau das hat sooo gut getan !!!!
    Die genialen Wortspiele, Anne hat sie schon genannt und meine Bilder im Kopf von dir und der innigen Verbindung zum TerraBand und der Welt …
    Danke, lieber Urs,
    Meine VerBindung zu dir, ist dir gewiss,
    auch ohne TerraBand,
    Mia

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  3. Lieber Urs,

    deine Terraband-Fensterkiecker-Beziehungsanalyse amüsiert mich sehr. Deine Rückschlüsse von der Umarmungsdauer auf altersnachlassende Wirbelstabilität und faktorielle Fertilität finde ich überaus einleuchtend.
    Den kleinen Neidstich angesichts schmusender Paare bei Eigenisolation kann ich total nachfühlen.

    Dafür sind die Augen und die Fantasie ein endlos elastische Verbindungsmittel in Zeiten der verordneten Distanz.

    Terratastische Grüße
    Ulrike

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