Nanu Nano

Wir leben noch lange im Alten, obwohl die Möglichkeiten des Neuen schon da sind und für spätere Betrachter unübersehbar sein werden.
Kathrin Passig, Vielleicht ist das neu und erfreulich

50×50, Tag 9

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Mit kuhbefelltem Schulranzen stolzierte ich Erstklässler in die Schule während Nina Hagen unter der Dusche heiß wird und Max im Schlaf der Zukunft an Nippeln züngelt.
(Gestern: Ich bin heiß)

1979
Sigourney Weaver jagt bis zur Auferstehung 1997 fast zwei Jahrzehnte lang Aliens, entworfen vom Schweizer Künstler H.R. Giger. Eine Bar und viele Werke des Oscarpreisträgers sind im Château in Gruyère zu sehen, wo ich ihn einst auf einem Betriebsausflug nach einem Fondueplausch kennen lernen durfte. Nur sehr, sehr wenige Schweizer haben es auf den popkulturellen Olymp geschafft, sind Weltstars geworden.
1979 beginne ich in Ostermundigen, dem Geburtsort von Ursula Andress (Bond Girl N°1) und Michelle Hunziker (nun ja… Wetten dass…) das zweite Schuljahr und habe wahrscheinlich erfahren, dass ein Gerät erfunden wurde, mit dem Musik ganz leicht herumgetragen und überall gehört werden kann. Es sollte noch lange dauern, bis ich meinen ersten Walkman in den Händen halten würde. So wie heute Kinder nach Smartphones quengeln, war unser Mantra damals !Walkman! Er schade dem Gehör, wurde die Ablehnung begründet.

Mit dem Walkman kehrte Ruhe ein (Schade um die Ghettoblaster). Nun konnten sich die Leute voneinander abkapseln, besonders wenn sie unterwegs waren und das waren sie immer häufiger.
In den Zügen musste man sich regelrecht anschreien, so ohrenbetäubend war der Fahrtlärm, gerade im Sommer, wenn mangels Klimaanlage sämtliche Fenster unten waren.
Autofahren war auch laut. Trotzdem vermisse ich die röhrenden, klappernden und quietschenden Käfer, Enten, Fiat500, weil ihnen das Protzige heutiger Straßenkampfmaschinen fehlte.
Solche Fahrten in meiner Kindheit und Jugend und später jahrelanges Pendeln, haben mein Gehör wohl wesentlich mehr beeinträchtigt als sämtliche Höhenflüge vor dröhnenden Musikanlagen.

Weltenlärm

2020
Mein erster Walkman trug mir Musik ans Ohr, mein Smartphone manchmal nur den Lärm der Welt.
Die physikalischen Grenzen der Schrumpfung sind allmählich erreicht*. Wir tragen eng an unseren Körpern Zaubertäfelchen, die unsere Vorlieben und unseren Puls kennen, endlos Musik nach unserem Geschmack spielen, unser Selbst zum Selfie wandeln und das Geliebtwerdenwollen vom engsten Umfeld auf potenziell die gesamte Welt weiten, zählbar für Alle.
Paradox paranoid postenlikensharen wir, verfolgen und wollen verfolgt werden, nur nicht von Datenkraken, die wir gleichsam erschaffen. Zur Kühlung schmelzen wir Gletscher.

Maison Du Futur

2063
Zwischenlandung
Weil Miao:o schlafwandelnd einem Hologram von Sigourney Weaver begegnete, erwachte sie vor Schreck und fiel rücklings auf den Notlandeknopf des Raumschiffs, das das erstbeste Himmelsgestirn ansteuerte und dort in eine Müllhalde crashte.

Die Reisenden steigen unbeschadet aus und wanken über Berge von Elektroschrott Richtung Lichter einer Megacity.
Dort werben Frisöre mit Genschnitten und Nagelstudios versprechen jedes brüchige Nagelbett wegzucrispern. Die Leute strotzen alle vor Lebenskraft, die Männer gleichen Vin Diesel, die Frauen Angelina Jolie. Anstatt vielfältiger Hautfarben- und schattierungen tragen alle dasselbe Ausserirdisch-Grün im Gesicht. Keine Armen, keine Behinderten, auf den ersten Blick auch keine sexuell Devianten, weit und breit kein Lebewesen, das queerschlägt.
Paul B. erbleicht: „Die haben ein Gen-ozid an allen Abweichler:innen verübt, wie grausig ihre Norm!“
Wanda: „In welcher Galaxie sind wir bloß gelandet!?“
Yoki schlägt verzweifelt ihre Zeigefinger aneinander und zeichnet Bögen in die Luft, als wolle sie ein Orchester dirigieren. Kreideweiß ruft sie: „Die iBubble funktioniert nicht mehr!“
„Die iBubble???“
„Damit konnten wir in der Zukunft sämtliche Störgeräusche ausschalten, so war die Welt immer die beste aller–
„Moment!“, unterbricht Ben, „war dort etwa deshalb alles leer?“
„Das würde mich auch interessieren“, sagt Max, „aber vielmehr noch dieser Tower dort.“
Alle drehen die Köpfe zum Wolkenkratzer, auf dem Leuchtreklamen für hypertone Kreuzfahrten in den Nanobereich werben.

*Vgl. Thomas Ramge: Mensch und Maschine. Wie Künstliche Intelligenz und Roboter unser Leben verändern. Reclam, Ditzingen, 2. Aufl. 2018, S.84.

Kathrin Passig: Vielleicht ist das neu und erfreulich. Technik. Litertur. Kritik. Droschl, Graz-Wien, 2019, S.34.

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    direkt der erste Satz, das Zitat, treibt mich am Ende des Tages nochmal um und aus dem Bett, um das zu suchen, was aus dem Alten endlich das Neue werden lässt, auf das es schon so lange geduldig gewartet hat …
    Alt trifft Neu, bleibt stehen, spürt endlich sein Ende und geht, macht Platz, der Anfang kommt …
    Nachdenkliche Grüße
    Sabine.

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