Substitut Berlin

Ums Scherzen war ihm überhaupt nicht mehr, was Berlin betraf. Sein Berlin, mit dem er in Tag- und Nachtträumen seit Jahrzehnten verheiratet war.
Kaspar Schnetzler, Nach Berlin

50×50, Tag 37

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: 2006 kuratierte ich mit Cynthia Gavranic die Ausstellung Gay Chic – von der Subkultur zum Mainstream und überlegte, wie diese wohl 2021 aussehen würde.
(Vortag: Gay Chic / Folgetag: Böse Banken)

Ouagadougou

2007
Umzug nach Berlin (endlich!) und Eröffnung Substitut – Raum für aktuelle Kunst aus der Schweiz (1).
Die erste Einzelausstellung installierte die Künstlerin Vreni Spieser (2). Ein bunter Glitterweg führte quer durch das ehemalige Ladenlokal, an einer Projektion vorbei, ein Loop tanzender Beine und Somewhere Over the Rainbow angespielt. (Video: Pierre Giner)

Platte

Mit Vreni wohnte ich in einer Vierer-WG hoch über dem Alex in einer Platte, gegenüber dem Roten Rathaus, rechterhand das Skelett des Palasts der Republik, linkerhand der Fernsehturm. So urban habe ich nie mehr gewohnt. Gab es Feuerwerk, explodierte es vor dem bodentiefen Wohnzimmerfenster und gewitterte es, schien man im Auge des Taifuns zu sein
Unvergessen sind die vielen Sonnengrüße, die ich morgens mit Vreni vor grandioser Aussicht machte. Die Stadt, der ich zu Füssen lag, lag mir zu Füssen. Ein fulminanter Start.

Auch das Substitut – Raum für aktuelle Kunst aus der Schweiz war mitten drin. Damals gab es weit um den Rosenthaler Platz fast nur Galerien und Kunsträume. Es war immer irgendwo eine Vernissage und auf den Straßen flanierte tagtäglich neugieriges und vor allem interessiertes Publikum. (Mehr zum Substitut in der Abschlusspublikation.)
Begeistert notierte ich im Tagebuch, wie cool ich es fände, im Kaffee St. Oberholz am Rosenthaler Platz am Laptop arbeiten zu können. In der Kneipe Gorki-Park konnte ich mir zum Sonntagbrunch für 8 Euro den Magen vollschlagen und im nahen Weinbergspark gab es immer Platz zum Sonnen.

Installationsansicht Ausstellung «Prospective (2013 – 2015)» von Martin Schick (März – April 2013)

So Berlin!

Ich erwischte knapp den Höhepunkt. Berlin war the place to be, besonders für die Kunstszene. Ich lebte in der angesagtesten Stadt der Welt, für kurze Zeit. Innert weniger Jahre übernahmen die Investoren das letzte Haus und Fashionistas die Ladenlokale. „This is soooo Berlin!“ hatten bald alle satt, weil inzwischen jede Metropole gleich durchgehipstert war und das St. Oberholz, mit ihm ganz Mitte, wurde zum Inbegriff einer internationalen urbanen Schickeria mit Zweitwohnung.
Aber ich greife vor. 2007 war Berlin noch unversehrt von Airbnb&Co.
Ein paar Jahre lief alles rund. Ich blühte auf, ich tanzte viel, ich genoss die Freiheit. Keine Berge beengten hier das Denken, die Weite des Stadtraums entfesselte die schöpferischen Kräfte ihrer Bewohner:innen, ein Inspirationsfeuerwerk ohnegleichen. Die Menschen waren einander wohlgesonnen, auch weil Geld noch keine große Rolle spielte, und vor allem wohltuend underdressed und unprätentiös. Ins Berghain ging man in einfachen Jeans und T-Shirt. Basta.

Pinguinjugend

Nicht dass früher alles besser war, aber ich gehöre zu einer Garde, die älter geworden ist und so betrachte ich den Style und beobachte das Verhalten der Jüngeren manchmal mit dem gleichen Vergnügen und der gleichen Neugier wie das der die Pinguine im Zoo (dort mag ich auch die Nilpferde und im Aquarium die Quallen).
A propos Tiere, lieber mitlesender Otto – gerade habe ich in meinem Tagebuch zufällig die Seite aufgeschlagen, auf der steht, dass wir uns Anfang November 2007, nun ja, kennengelernt haben – Sören die Sau und Deine anderen Figuren, sind zum Tränenlachen. Sie erinnern mich manchmal an die schräge Schmusetiersoap „Humana – Leben in Berlin“ von Andreas Walter und Ulrike Dittrich, die eine Weile im Substitut zu Gast war.

Maison Du Futur

„Ben, ich langweile Dich mit Früher, gell?“ (Ben schüttelt höflich den Kopf) „Ich erzähle Dir nur noch eine Geschichte. Im Dezember 2007, eines abends im schwuz, damals noch am Mehringdamm, im Raucherraum, (Ben wusste, was jetzt kommt) also dort, wo auch die Musik gut war, nicht à Lady Gaga wie auf der Haupttanzfläche (Ben verdreht die Augen), es war wie immer rammelvoll, ich quetschte mich an die Bar und bestellte einen Gin Tonic. Ich drehte mich um und hinter mir stand–“
„Jajaja du hast ihn 2004 in Bologna kennen gelernt wo Du eine Freundin besuchst hast um einen gemeinsamen Freund zu überraschen der einen Tag nach dir Geburtstag hat bist kurz vor Mitternacht aufgetaucht gegenseitiges Auguri, baci, baci, che sorpresa, baci baci und gingst dann mit dem Sizilianer nach Hause total romantisch und Jahre später stand er einfach so im schwuz du warst verliebt und über Silvester in Madrid wo er Dir sagte Du seist die Liebe seines Lebens und ein halbes Jahr später an diesem verfickten Strand bei Palermo sagte er Dir er liebe dich nicht mehr hast Du doch schon mehrmals erzählt Max!“
Ben wendet sich beleidigt ab.
Verficktes Früher.

(1) Siehe www.substitut-berlin.ch. Der Kunstraum existierte von 2007 bis 2013. In den ersten Monaten war auch Mitgründer Daniel Suter aka Marks Blond dabei.
(2) Siehe auch den Dialog, den ich bloggend mit Vreni Spieser führte: Eldorado

Eingangszitat:
Kaspar Schnetzler: Nach Berlin. Der Roman eines sehnsüchtigen Zürchers, der unter dem weiten preußischen Himmel traumwandelt und schließlich im Emmental gebodigt wird. bilgerverlag, Zürich, 2012. S.355 (Hervorhebung übernommen)

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    das gefällt mir gut: *Ins Berghain ging man in einfachen Jeans und T-Shirt. Basta.* Die Haltung dahinter, denn viel zu oft wird *Kleider machen Leute* gelebt und gepflegt und ausgegrenzt.
    *Verficktes früher*. Sind wir schon soweit, so alt ?! ;-)
    Liebe augenzwinkernde Grüße,
    Sabine

    Gefällt 1 Person

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