Böse Banken

Diese Läden, in denen Juden und Araber gemeinsam einkaufen. Und wo wäre, denkst du beim Vorübergehen und musst tatsächlich aufpassen, dass dir jetzt nicht etwa die Tränen kommen, sonst in der gewalttätigen Welt ein friedvollerer Ort wie dieser, verteidigte Stille im Auge des Orkans?
Marko Martin, Tel Aviv, Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt

50×50, Tag 38

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ich eröffnete das Substitut und erahnte am Horizont hinter Taifunen über dem Alexanderplatz den Mitte Schick. In der Zukunft ging Max Ben mit der Geschichte des Sizilianers auf den Wecker
(Vortag: Substitut Berlin / Folgetag: Rückgrat)

Blanke Börsen

2008
Manchmal denke ich, vielleicht weil ich Schweizer bin, ich hätte Banker werden sollen, statt Bahnbetriebsdisponent.
Ich hätte mich die Teppichetagen hocharbeiten können, am Bundesplatz in Bern oder Paradeplatz in Zürich. Hätte die Portfolios reicher Investoren betreut, statt solche mittelloser Künstler:innen gesichtet. Dafür fette Boni kassiert, statt gar nichts verdient. Ich wäre, 2008 kam der Begriff plötzlich auf, als systemrelevant definiert und mit milliardenschwer mitgerettet worden. Die Wahl Obamas hätte mich mit Sorgen erfüllt, oder angespornt, mir neue betrügerische Abzockpapiere auszudenken. Doch ich konzipierte lieber Kunstausstellungen.
Anstatt an der Börse zu spekulieren, hoffte ich auf Fördergelder.

Warum, fragte ich mich vielleicht anlässlich der Finanzkrise 2008, streben die Einen skrupellos nach Reichtum, während Andere nur dank Zuschüssen existieren können?
Hat es etwas damit zu tun, dass Bank + L = blank und Börse – R = böse ergibt?

Effektiver Altruismus

Tue ich damit den selbsterklärten „effektiven Altruisten“ unrecht, die vorgeblich Geld scheffeln, um damit Gutes zu tun?

Tat ich je Gutes? Warum fühlte und fühle ich mich immer noch, als Kulturschaffender und Linker auf der Seite der Guten, mit der felsenfesten Überzeugung, gesellschaftlich relevante Themen zu beackern, als Kurator bei jeder Gelegenheit deklamierte, mich interessiere ausschließlich solcherlei Kunst? Gut, ein Grund war auch, mich deutlich vom pervertierten Kunstmarkt abgrenzen zu wollen, wo Geschäftpraktiken üblich sind, die im Finanzsektor zu Höchststrafen führten. Ein Markt, auf dem auch Produkte verkauft werden, die rein gar nichts wert sind, aber begehrt.
L’art pour l’art für Sammlerdepots, am Fließband produzierte Hirsts und Koons für geschmacklose Oligarchenlofts.
Wer einen kritischen Blick hinter die Kulissen des Kunstbetriebs werfen möchte, lese „Hinter weißen Wänden – Behind the White Cube“ der Kunstkritikerin Julia Voss:

„Im Kunstbetrieb haben sich zwei Welten herausgebildet: eine kleine, exklusive und eine große, die man Öffentlichkeit nennt. In der ersten geht es ganz selbstverständlich um Kapitalanlagen, Investitionsobjekte, Spekulation oder Marketing. Von der zweiten verlangt man jedoch allen Ernstes, nur Augen für die ‚reine Kunst’ zu haben. Von dem Betriebsgeheimnis des Kunstsystems profitieren nur wenige.“ (Voss, S.80)

Jesussyndrom

2008 war mein Enthusiasmus noch ungebrochen. Die Finanzkrise konnte mich nicht davon abhalten, Weihnachtsferien in Israel zu verbringen. Ich war noch nie dort, weil ich doppelt gehemmt war, erstens in einem Krisengebiet zu urlauben und zweitens vielleicht mit einem Bus in die Luft zu fliegen. Aber das Land versprach warmes Wetter und schöne Männer. Außerdem schien mir ein Besuch der Wiege der drei Weltreligionen ein Muss. Zudem wollte ich Künstler:innen kennenlernen, flog also auch aus Recherchegründen hin.

In Jerusalem verfiel ich zwar keinem Syndrom, hielt aber den religiösen Wahn, der die Stadtmauern vibrieren lässt kaum aus, diese jahrtausendealte Energie prophezeiten Irrsinns. In der (angeblichen) Grabeskirche Jesu schwarteten Frauen, kurz vor der Ekstase ihre Guccitaschen auf den Salbungsstein und rieben Hermestücher drauf. An der Klagemauer, die Männerzone dreimal breiter als die für Frauen, murmeln Hundertschaften Gebete an nichts als Stein, während dahinter von der Blauen Moschee herunter ein Muezzin versucht, alles zu überheulen. Durch die Gassen zogen wirklich, ich traute meinen Augen nicht, Kreuzschleppende hinter orthodoxen Priestern her.

Chanuchristmas

In der Nacht auf den 27. Dezember tanzte ich in Tel Aviv im Haoman 17 an einer „After Chanuchristmas-Party“. Während ich tanzte starben knappe 50 Kilometer südlich von Tel Aviv über 400 Palästinenser. Der Gazakrieg hatte begonnen, der bis 2009 dauern sollte.

Tags darauf war ich auf einen Atelierrundgang eingeladen, bei den Masterstudierenden der Bezalel-Universität. Der Künstler Tomer Sapir übernahm die Führung und stellte mich vielen Kunstschaffenden vor, darunter Jonathan Touitou, Roey Heifetz, Gili Avissar, die ich in kommenden Jahren ausstellen würde. Natürlich sprachen wir über das Verhältnis von Kunst und Politik, ob erstere nicht gerade sinnlos geworden sei, angesichts eines Krieges.
Aber Kunst ist Verständigung. Durch sie komme ich den Menschen näher, finde einen Dialog.
Auch dort: Ich entwickelte eine Ahnung für die Schwierigkeiten, in diesem Land geboren zu sein, israelischer Jude zu sein, die Aschkenasim und Sefardim, den Dünkel gegenüber den Russischstämmigen, die Äthiopier in den Camps, die Schwarzen, die überall die Drecksjobs machten, die fanatischen Siedler, das Leben unter Raketenbeschuss, die Situation schwuler Palästinenser, die Diaspora, die Shoah, die schwerstbewaffneten Teeniesoldat:innen, was es bedeuten würde nicht ins Militär zu gehen, den Wunsch nach Ruhe vor dem alltäglichen Irrsinn, die Liebe zu diesem verrückten und betörenden Land, dieser quicklebendigen Metropole Tel Aviv, dieser Bubble voller Bauhaus und Baba Ganoush.
Kurz, den Tanz am Abgrund.
Manchmal denke ich, was für ein Glück, in der Schweiz geboren zu sein.

Maison Du Futur

2034
Ben und Max winken dem 73-jährigen Barak zu, der auf Stippvisite in Berlin kurz im Kanzler:innenamt zu einem Fairtrade-Kaffee mit Haferkeksen bei Annalena Baerbock vorbeischaut, die seit 13 Jahren das Land begrünt.

Eingangszitat:
Marko Martin: Tel Aviv. Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt. Corso Verlag, Wiesbaden, 2016. S.79.

Julia Voss: Hinter weißen Wänden. Behind the White Cube. Merve Verlag, Berlin, 2015. S.80.

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