Haben Sie mich nicht geweckt?

Prolog: Ich vergälle mir meinen freien Montag schon morgens mit der ungünstigen Kombination von „eigentlich“ und „wollen“. Eigentlich wollte ich heute mit den Velo ins Glattzentrum fahren, wo ich noch nie war, mit der Absicht in dieser Mall Muji zu besuchen und Dinge zu kaufen, die ich meine haben zu wollen, ja gar haben zu müssen.

Wenn es nicht in Strömen regnen würde.
Wenn, wenn, wenn. Wenn dies, dann das.
Ich entlarve Plan und Hinderungsgrund als vorgeschoben und mache mich an das Eigentliche.
Schreiben statt Schieben.

Samstagsväter

Schließlich bin ich keiner dieser kinderwagenschiebenden jungen Väter, die mir am Samstagnachmittag in Zürich überall begegnet sind.
Während Mütter wegen des Inhalts der Wagen stolzieren, gerät den Vätern das Schieben an sich zur Performance. Schaut her, wir sind moderne Männer. Nicht als wäre es das Natürlichste der Welt.

Einige meiner Arbeitskollegen markieren in Outlook Abwesenheiten als „Papitag“. Offensichtlich ist ihr Nachwuchs ein wöchentliches Kalenderereignis.

Manche Teilzeitväter treten mit Baby Björns auf. Angesichts der Tragevorrichtungen dachte ich daran, dass ich erst vor fünf Jahren am Bärengehege im Zoo in Stockholm gelernt habe, dass Björn Bär heißt. Womit ich in Berlin und Bern radschlagen könnte, aber nicht in Zürich, da ist ein Löwe das Wappentier.

So schlage ich also einen Bogen, von diesem Intro dahin, dass ich wieder im Löwenbräukunst-Areal arbeite, wo ich vor fast 20 Jahren im Migros Museum für Gegenwartskunst angefangen habe. Das Löwenbräu wird dieses Jahr 25-jährig, halb so alt wie ich. Hui, wie die Zeit vergeht.
Wie im Zug.
Damit zum eigentlich Eigentlichen, einem Text, den ich kürzlich mit verklebten Augen getippt habe:

Haben Sie mich nicht geweckt?

Gut geschlafen habe ich nicht, der Rotwein und das Schwanken des Nightjets der ÖBB haben mich nicht in Schlaf gewiegt, was vielleicht daran liegt, dass ein Nachtzug nicht Jet heißen sollte, um mit den Flugzeugen zu konkurrieren, lieber Nachtexpress. Dabei denke ich an den Orient Express, obwohl das Wort Orient wahrscheinlich nicht mehr OK ist. Gestern schon kam es mir in den Sinn, als ich noch in Neukölln im Home Office war und beim Check-In auf Zoom erzählen wollte, dass draußen, in Hördistanz, orientalische Musik mich ans Fenster gelockt hatte; es wurde ein Grill eröffnet und zur Feier spielte eine Kappelle auf, das Getröte erinnerte entfernt an Dudelsack oder Basler Fasnacht.

Auch unangenehm am Nachtzug von Berlin nach Zürich ist, dass viele in Basel aus- oder umsteigen und im Waggon deshalb viel zu früh ein Gewusel losgeht.

In Basel Bad schallt es aus dem Nebenabteil: „Haben Sie mich nicht geweckt?“ Die Sprecherin schafft es, gut schweizerisch, bei jeder Silbe die Tonlage zu wechseln.
Haben Sie mich nicht geweckt?
Ich bin in dem Land angekommen, in dem Reklamationen niemals direkt formuliert werden, was, wie in diesem Fall, komödiantisches Potential hat.
Ich wünschte mir, der Schaffner fragte mit seinem österreichischen Akzent zurück: „Ja schlafen’s denn noch gnä’Frau?“

Epilog: Das Es hat aufgehört zu regnen.

Soundtrack: Rio Reiser, Der Sommer kommt.

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