5) Der Fluch, der Brand, das Zuhause

Serie Eldorado

Wie meine Wohnung brannte und Vreni verflucht wurde.
Von Vorhängen und Daniel Schreibers Buch „Zuhause“.

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© Vreni Spieser. Im Uhrzeigersinn: Unterwegs in Skopje, 2015
Der SMS-Fluch. Baumwolle, mit Indigo gefärbt. Technik: Shibori, Helmhaus Zürich, 2015
Mit Ito auf der Insel Oshima, Japan. Sommer 2016
Die Grande Argenina läuft in Le Havre in den Hafen ein. September 2011
(Warten auf das Schiff nach Buenos Aires)

Zur Einstimmung empfehle ich: Ein Schiff wird kommen.

Als die Künstlerin Vreni Spieser in Le Havre auf das Containerschiff wartete, auf dem sie monatelang über den Atlantik nach Buenos Aires reisen wird, ahnte sie nicht, dass auf dem Kahn eine Liebesgeschichte mit einem der philippinischen Matrosen ihren Anfang finden würde. Sie ahnte auch nicht, dass ihre Rivalin sie eines Tages per SMS verfluchen wird.

Milchschaum

Als ich 1989, kurz vor Mauerfall, als Lehrling (damals sagte man noch nicht Lernender) auf Klassenfahrt in Berlin vor dem Fernsehturm stand, ahnte ich noch nicht, dass ich in rund zwanzig Jahren genau dort leben werde. Ich ahnte auch nicht, dass ich mit Vreni Spieser eine Wohnung in der Platte neben dem ehemaligen Haus Ungarn teilen würde, mit der atemberaubendsten Aussicht, die ich je hatte.
Manchmal höre ich noch immer das morgendliche Geräusch, wenn Vreni in der Küche in einem kleinen Emailpfännchen, den Schwingbesen zwischen den Händen zwirbelnd, Milch aufschäumte. Sehe, wie sie am Laptop Zeitung lesend am Wohnzimmertisch saß, die Espressokanne und die geschäumte Milch auf einem Brettchen neben sich. Wie sie mich anlächelte, wenn ich aufstand und zur Dusche schlurfte.

Das klaffende Loch

2009 zog die Künstlerin zurück nach Zürich und ich in eine typische Berliner Altbau-Zweiraumwohnung ins bio-bourgoise Bergmannkiez, Hochburg der Grünen. Das wurde mein Nest, mein Refugium bis zu diesem einen Tag, als ich vor dem Melitta Sundström am Mehringdamm saß und das Telefon klingelte, als ich gerade die Nase in den Schaum eine Bieres steckte: „Herr Küenzi, in ihrem Haus brennt’s!“. So schnell wie damals war ich noch nie gerannt. Vor dem Haus die Feuerwehr, die verstörten Nachbarn, die Gaffer, der schwarze Rauch, der aus der Wohnung unter meiner drang. „Mein Laptop, meine Arbeit!“ – einer der ersten Gedanken.

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Nicht ins Haus dürfen

 

Nach endloser Warterei durften wir endlich ins Haus. In meinem Wohnzimmer spritzte die Feuerwehr Löschwasser durch ein Loch im Boden, so groß wie ein Esstisch. Der eine hatte noch die Kettensäge in der Hand; sie hätten den Boden aufreißen müssen wegen Schwelbrandgefahr. Ich lernte, dass für die Dämmung in Altbauten Lava benutzt wurde. Ein anderer übergab mir meinen Laptop, den er glücklicherweise vor dem Wasser gerettet hatte.

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Das alte Europa

Die gesamte Wohnung war mit einer giftigen Rußschicht überzogen, ich konnte nicht bleiben und kam für vier Monate bei meinem damaligen Freund unter. So lange hat’s gedauert, bis mein Zuhause renoviert war und alle meine Sachen gereinigt. Entsorgen musste ich zum Glück nicht viel.
Es war nicht das Materielle, das ist ersetzbar. Es war das Gefühl, zu Hause nicht sicher zu sein. Und der Tod, der Einzug gehalten hat. Denn mein Nachbar, hab ihn selig, ist verbrannt. Er war alt und war wenige Tage zuvor aus dem Krankenhaus entlassen worden. Viel zu früh, denn er konnte nicht einmal selbständig aufstehen. Schon am Tag seiner Rückkehr hörte ich von unten Hilferufe. Zusammen mit den zwei Söhnen eines  Nachbarn stellte ich ihn auf die zittrigen Beine und an den Rollator vor dem er lag wie ein Walfisch. Am nächsten Tag klopfte die Diakonie, ob ich kurz helfen könne, der Mann sei einfach zu schwer. Ein paar Tage später war er tot, hatte sich als Kettenraucher mit einer Kippe ins Nirvana gezündelt. Er soll um Hilfe geschrien haben.
Das Bild des hilflosen, verwirrten alten Mannes, sein grauenhafter, vermeidbarer Tod, waren nicht so leicht auszublenden, als ich wieder an die Schleiermacherstraße zurückkehrte. Ich sollte noch zweieinhalb Jahre dort wohnen bleiben, dann musste ich wegen Eigenbedarfs raus. Jetzt lebe ich in Neukölln, richte es mir hier gemütlich ein (Selbst ist die Tunte) und fühle mich, als wohnte ich in einer neuen Stadt.
Unter mir allerdings ein Ehepaar, er Anfang 90, sie Ende 70, dass sich tagtäglich lauthals das Leben zur Hölle macht…

Hinter dem Vorhang das Gift

Vorhänge sind aus der Mode geraten. Aber auch in Zeiten, in denen Privat und Öffentlich verwischen, symbolisieren sie deren Grenze. In Vreni Spiesers Vorhang ist eingeschrieben, welcher Hass ihr entgegenschlug. (Die Installation mit dem hintersinnigen Titel „Going Public -Episode 2“, wurde mit einem Werkstipendium der Stadt Zürich ausgezeichnet. Der Fluch ist also gebannt und in Gold verwandelt.)
Hinter dicken Vorhängen wird weder biedermeierlich musiziert, noch fröhlich Liebe gemacht. Dahinter lauert vielmehr kleinbürgerlicher Mief, das Gift, die Ursache vieler Fluchtbewegungen.

Ein Zuhause in der Kunst

Künstler/innen sind auch in ihrer Kunst Zuhause. Sie können sich überall ihr Eldorado schaffen und sind so weniger als andere auf einen festen Ort angewiesen. Vielleicht sind sie auch Getriebene, weil sie es nirgendwo lange aushalten, weil sie einem Ort irgendwann alles abgerungen haben, weil sie auf der Suche nach dem Meisterwerk sind, dem Eldorado ihres Schaffens.
Kunst ermöglicht auch dem Publikum eine Auseinandersetzung mit der Welt und zugleich Weltflucht. Vielleicht ist Kunst sogar eine permanente Flucht vor der Wirklichkeit und der eigenen Herkunft.

To Build A Home

Auch weil der Zeitgenosse heute potenziell überall leben kann, fühlt er sich entwurzelt. Kein Wunder also, steigt das Bedürfnis nach Stabilität. Das wird umso größer, je älter man wird. Man muss irgendwann ankommen, im Idealfall in seinem Leben. Hält man es nirgendwo lange aus, ist das wohl auch Zeichen, dass man noch auf der Suche (und/oder Flucht) ist. Davon erzählt Daniel Schreiber, auch Neuköllner, in seinem empfehlenswerten Buch „Zuhause – Die Suche nach dem Ort an dem wir leben wollen“ in berührender Selbstoffenbarung. Mit einem Zitat daraus schließe ich:

Vielleicht sind wir tatsächlich viel öfter, als wir es glauben,
schon da, wo wir sein müssen.

Der anrührende Soundtrack zum Ausklang: To Build A Home (Cinematic Orchestra)

Was bedeutet für Euch Zuhause, liebe Leser/innen?

6 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    hier sitze ich und weine bitterlich, nicht erst seit ich die Musik angemacht habe. Dein Text hat an zwei neuralgischen Punkten gekratzt, Tod und Heimat. Und weil ich mich schon als Kind nach einem Zuhause im Leben sehnte, bin ich versucht, dir zu widersprechen: Nein, das hat nichts mit dem Alter zu tun. Jean Améry kommt mir in den Sinn (man muss heimat haben, um sie nicht nötig zu haben), und … ach, zu duster, ich glaub das liegt am Wetter.
    Sonne für alle, aber zack-zack! LG Amy

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Amy, ja, ich gebe Dir vollkommen recht, ein Zuhause ist in jeder Lebensphase überlebenswichtig. Aber wenn man (wie ich und viele andere) lange quasi entwurzelt war, wird das Zuhause spätestens wenn man älter wird irgendwann eine dringliche Notwendigkeit, so polyglott wir auch bleiben. Jetzt aber wirklich Sonne! Ich will ans schwullesbische Parkfest in den Friedrichshain! 🙂
      Herzlich, Urs

      Gefällt 1 Person

  2. Lieber Urs,
    ich habe in aller Naivität in meinem allerersten Termin meines Praxisprojekts für Kirsten Alers als Übung zum Kennenlernen die Teilnehmerinnen aufgefordert drei Sätze zu schreiben, die mit „Zuhause ist für mich…..“ anfangen. Ich dachte, dazu fällt jeder etwas ein. Dem war auch so, aber es wurden viele Fässer aufgemacht und manche hat auch wie Amy bitterlich geweint. Es war jedenfalls ein sehr berührender Nachmittag. Je älter ich werde, desto wichtiger ist ein Zuhause für mich, nicht nur in mir, sondern real auch in Frankfurt. Wenn ich da nach einer Reise am Hauptbahnhof aus dem Zug aussteige und in den Untergrund zur S-Bahn steige, dann rieche ich, dass ich zu Hause bin. Dann breitet sich ein warmes Gefühl in mir aus, auch wenn der Geruch nicht wirklich angenehm ist.
    Und das mit der Forderung nach Sonne, aber zackig, das unterschreibe ich auf jeden Fall. In Frankfurt ist richtig Herbst.
    Liebe Grüße
    Anne

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Anne
      Dein Beispiel zeigt, wie verletzlich wir doch sind, wenn es um dieses Thema geht und wie viele von uns doch auf der Suche sind nach dem Zuhause. Ich lege Dir und Deinen Teilnehmer/innen unbedingt Daniel Schreibers Buch ans Herz!
      Schönes Wochenende, herzlich, Urs

      Gefällt mir

  3. Lieber Urs, liebe Amy, lieber Anne,

    sehr schön erzählt, berührend, einfühlsam, klar und in einem starken Grün, das die Worte trägt, danke Urs!

    Ja, meine berührendste und zugleich wertvollste Schreibwerkstatt war für meine Teilnehmer*innen und mich die zum Thema Heimat. Die Texte hängen noch heute im Büro meiner Kollegin, die einen tollen Minitext geschrieben hat, alle anderen Texte waren sozusagen ein Textgeschenk für sie …
    Ja, zuhause sein, ein Zuhause haben, für mich gerade nicht ganz leicht zu beantworten oder doch. Natürlich da, wo meine Familie ist, wo ich lebe und arbeite und auch und vielleicht noch mehr bin ich im Schreiben zuhause, immer wieder und immer wieder neu. Egal, was sich um mich herum verändert oder erschreckend routiniert gleich bleibt und stehenzu bleiben droht, es ist das sicher Gefühl, im Schreiben bin ich zuhause.
    Ich muss da an zwei Bücher denken:
    1. Im Schreiben zu Hause – Wie Schriftsteller zu Werke gehen, ein wunderbarer Bildband von Herlinde Kölb, der in meinem Bücherregak ganz oben steht: https://www.amazon.de/Im-Schreiben-Haus-Schriftsteller-Werke/dp/3896600419.
    Wunderschöne Schwarzweiß-Bilder von Schreibtischen bekannter Schriftsteller*innen. Sehenswert.
    2. Und dann das Zweite, das ich gerade heute zu Ende gelesen habe: Heimaterde – ine Weltreise durch Deutschland, von Lucas Vogesang: http://www.ardmediathek.de/tv/Stilbruch/Heimaterde-ein-Buch-%C3%BCber-Heimat/rbb-Fernsehen/Video?bcastId=3914800&documentId=41529334.
    Sehr berührende, ungewöhnliche und sprachlich geniale Geschichten.

    Das Musikstück hat mich traurig und doch auch euphorisch gemacht, weil ich wertvolle Zeit mit einem Menschen verbracht habe, für den Schreiben ebenfalls ein Zuhause ist …
    Nachdenkliche Grüße,
    Mia

    Gefällt 1 Person

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