Blogparade #BKS11: Darf ich Platz nehmen?

„Der, Die, Der, Die, bitte nicht Der, Der?“  Das Spiel beginnt am Gatter, wenn die Schafe darauf warten, den abendlichen Billigflug besteigen zu dürfen, die mit Privilegien und gelangweiltem Vielfliegerblick scharren ganz vorne, die Hemdkragen von zähen Meetings braungewetzt, während die anderen aufgeregt blöken, in Vorfreude auf ein verlängertes Wochenende in der Hauptstadt, alles so billig dort, nicht mehr so billig wie auch schon, aber immer noch viel billiger als in der Möchtegernhauptstadt der Schweiz wo es inzwischen auch Currywurst gibt, für 10 € oder mehr. Die Schafe stehen also am Gatter und er spielt das Spiel, wer wohl neben ihm zu sitzen kommt. „Der, Die, Der, Die, bitte nicht Der, Der?“

Alptraum N°2

Er hofft natürlich, dass es der heiße Typ mit den kräftigen Oberarmen ist, offenbar auch alleinreisend, was liest er, Frank Schätzing, nun ja… Der Einlass beginnt, diskret drängeln und ein bisschen ellenbögeln, auf jeden Fall wollen Alle vor dem Anderen, wenigstens Einem, einsteigen, das maximal große Handgepäck muss einen Platz finden, Alptraum eines zeitgenössischen Reisenden, wenn die Flugbegleiterin mit dem Stück bis ganz nach hinten geht, dabei wurden extra Sitze weit vorne gebucht, um die Sardinenbüchse so früh wie möglich verlassen zu können. (Alptraum N°2: Am Zielflughafen wartet nicht die Gangway, sondern Busse.)

Früher, als er noch Vielflieger-Top-Dieses-More-Jenes-Statusvorteile hatte, reservierte er immer Gangplatz C oder D, hoffte der Mittelsitz B oder E bleibe frei, meistens aber, es wollen einfach zu viele in die Partyhochburg, wurde es eng, „boarding completed“. Heutzutage wird ihm der Sitzplatz automatisch zugeteilt, kürzlich kam er in der allerletzten Reihe zu sitzen, da gab es nicht einmal mehr ein Fenster. Er unterdrückte aufwallende Degradiertheitsgefühle.

Der kanariengelbe Pulli

„Der, Die, Der, Die, bitte nicht Der, Der?“ Die Schafe trippeln vorwärts, schieben über Kopf Gepäckstücke hin und her, drücken und mosten, selbst wenn es vollkommen aussichtslos ist, dass der Schrankkoffer in den „overhead bin“ passt.
„Das ist mein Platz“, aufstehen, vorbeidrängeln.

Kürzlich saß er tatsächlich auf dem falschen Platz, peinlich, passiert ihm alle Schaltjahre. „Tja, zu viel Sonne gehabt“, lächelte er die Frau im kanariengelben Pulli an, die ihm schon am Gate ins Auge sprang und neben der er später im ewig nicht abfahrenden – alle wollen mit einem 50er zahlen – Bus X9 Richtung Jakob-Kaiser-Platz saß, ein Gespräch über die Mühsahl des Fliegens führte, ach Schweizer, wer lebt wie lange in Berlin, es kommen immer mehr Leute, wo soll das  enden, ja, Neukölln ist ein hartes Pflaster, Gentrifizierung im Gange, aber immer noch hart, an manchen Ecken.

Die beiden Rogers

Er steigt also ein, in den Flieger und gleich in erster Reihe sitzt dieser Lifestyle-Kolumnist, der vor Jahrzehnten ein amüsantes Zürich-Szenebuch geschrieben hatte, damals sexy aussah, mittlerweile aber aufgegangen ist wie ein Ofenküchlein, nennen wir ihn Philipp.
Es geschah auch schon, dass die Rogers der Schweizer Medienszene den Flieger betraten (leider nie zusammen und nie dieselbe Maschine). Der sehr, sehr rechte Köppel (dem er wahnsinnig gerne ein Bein gestellt hätte) und der wahnsinnig eitle Schawinski (genannt Schawi). Was, wenn die sich neben ihn gesetzt hätten? Dem Weltwoche verlegenden Großmaul wäre er rhetorisch sicher unterlegen, besonders weil dessen Argumentationsketten, wie rechtsaußen üblich, verschwörungstheoretisch angereichert und nur dem Anschein nach von Vernunft durchzogen sind. Dem eitlen Talkshow-Moderator hingegen hätte er wohl einfach zuhören können, dann und wann nickend, schließlich hat dieser so ziemlich alles erfunden, was es in der Schweizer Medienlandschaft zu erfinden gab.

Die Große Liebe

Leider setzten sich die kräftigen Oberarme neben eine French-Manikürierte ennet des Ganges, wo sich der vermeintlich Heiße wie ein gockelnder, ausschnittfixierter Geck gebärdete.

Es soll Leute geben, die lernen Die Große Liebe in Verkehrsmitteln kennen.
Neben ihn setzten sich bisher nur exzessive Schnarcher, Deodorantfreie, Salami- oder Thunfischsandwich-Mampfer, solche mit Logorrhö, mit eigenwilligen politischen Ansichten, Kinder mit ADHS, Heavy-Metal-Fans mit nicht schalldichten Kopfhörern, Excel-Tabellen-Bearbeiter, die Ellenbogen abgespreizt wie die Flügel des Fliegers.

Die Blogparade mit dem Thema „Darf ich Platz nehmen?“ wurde von Sabine Hinterberger angeregt. Alle sind eingeladen mitzumachen. Die Parade endet am 6. Juli 2018. Beiträge schreiben und als Kommentar hier verlinken.

 

10 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    Text-Bild-Schere würde ich sagen:) Ja, das waren noch Zeiten, in denen die fürsorgliche Stewardess uns ein Käsebrett servierte. Gut, angesichts des Porzellans tippe ich auf Business oder First Class, jenseits meines Portemonnaies. Kann übrigens gar nicht sein, dass die Schnarcher, Schwätzer, Stinker, Schmatzer immer neben dir sitzen – die sitzen doch schon neben mir. Saßen. Schon länger nicht mehr geflogen, und die Bahnfahrer sind noch einmal eine andere Spezies. Danke für dein Update von über den Wolken, lG, Amy!

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  2. Lieber Urs,
    danke für diese humorigen An- und Einsichten eines eidgenössischen Vielfliegers. Ich habe mich prächtig amüsiert. Am Ende umwehte mich ein deodorant-freier Thunfischsandwichduft, dekoriert mit nicht schalldichten Heavy-Metal Klängen. Das Wort „Ellbögeln“ werde ich mir ausleihen, wenn mein Bruder am Lift mal wieder mit mir das „aktive Anstehen“ praktiziert. Er schafft es irgendwie immer, sich nach vorn zu schlängeln und ich halt mich nur an seinem Anorak fest und werde mitgezogen. Das funktioniert super gut, ich weiß nicht wie. Ich wünsche Dir weiterhin guten Flug und interessante Schäfchen neben Dir.
    Ein herzliches Määäh von Anne

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  3. Hat dies auf Mia.Nachtschreiberin. rebloggt und kommentierte:
    Lieber Urs,
    durch deine sehr bildhafte und humorvolle Erzählweise sehe sie alle vor mir, die potentiellen Anwärter*innen auf deinen Nebenplatz und hoffe zumeist inständig wie du, das bleibt dabei, sie nur vor mir zu sehen und NICHT neben dir …
    „Der, Die, Der, Die, bitte nicht Der, Der?“ Das ist ein schöner Einstieg, der mich an einen Kinderreim erinnert oder an die Blüten einer Blume, mit der wir mit jeder Blüte vor uns hingezählt haben „Er liebt mich. Er liebt mich nicht, Er liebt mich und so weiter.“
    Auch wenn ich mich wiederhole, das tue ich hier in dieser Form sehr gerne, ich mag deine Art zu erzählen, andere Menschen zu beschrieben und deine Sicht der Welt zu teilen, freue mich schon auf deinen ersten Roman, wenn ich dann ganz viel am Stück davon lesen darf …:-)

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  4. Lieber Urs,
    habe mich sehr amüsiert über dein Kabinen-Roulette um einen begehrenswerten Sitznachbarn. Aber als Vielflieger heißt es ja „neues Spiel, neues Glück“- ich drücke dir für die nächste Flugrunde die „Ellbögeln“.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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    • Liebe Ulrike
      Inzwischen bin ich tatsächlich wieder geflogen und habe mich ganz elegant vorgedrängt (anstatt zu Ellbögeln kann man auch mal so tun als sähe man nicht, wo die Schlange endet…)
      Herzlich, Urs

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  5. Lieber Urs,
    als regelmäßige Zugfahrerin ist mir das Überraschungsmoment von möglichen Sitznachbarn natürlich nicht fremd, aber ich scheine dann doch etwas mehr Glück zu haben… oder eben Pech, denn ich habe nicht so oft die Gelegenheit derart unterhaltende Geschichten zu erzählen. ;)

    Dankeschön und liebe Grüße
    an meinen mir lieben Sitznachbarn! :D
    mo…

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