Balsam auf die Verlierer

Jetzt ist es also passiert, gerade eben, am helllichten Tag, vorhin, als ich mit einer grünen Einkaufstasche aus recycelten PET-Flaschen voller Altglas zur Sammelstelle ging, in eine Seitenstraße abbog, vor mir eine handvoll pubertierender Jungs, ich wechselte den Gehsteig, überholte eine halbe Portion, zwei Köpfe kleiner mindestens, böser Blick von ihm, ich spürte seinen Schritt näher kommen, ich blieb stehen, drehte mich um und ZACK! hatte ich einen in der Fresse, „Ich fick dich, ich fick dich“, schrie der Kleine und tänzelte vor mir rum, die Kopfhörer baumelten vor seiner schmächtigen Brust, die anderen Jungs rannten herbei, jetzt ist es aus, dachte ich, keine Chance, Scheiße, doch die Jungs zogen den Schläger weg von mir, offensichtlich erschrockener als ich „Er ist betrunken, sorry“, „Bitte nicht Polizei“.

Ich blieb fassungslos minutenlang stehen, offensichtlich neige ich in solchen Situationen zu Totenstarre statt zu Gegenwehr (von wegen gewaltloser Widerstand, huahua), irgendwann zog das Gewicht des Altglases, die Tasche hielt ich krampfhaft fest, am Ende der Straße verschwanden die Jungs, nein, ich drehte nicht um, sicher nicht, ich lasse mich nicht kleinkriegen, ich schritt zur Entsorgungsstelle, dort heulte ein Polizeiauto vorbei, haha, ich warf die Flaschen ein, ging wie beabsichtigt weiter zum Richardplatz in meine Lieblingsbuchhandlung „Die Gute Seite“ und bestellte „Schreiben unter Strom“, wie passend, latschte die Richardstraße hoch und dachte, nach wie vor leicht zittrig, was für ein Glück ich hatte, uff, statt der sauteuren goldgerahmten Brille, die wohl zu Bruch gegangen wäre, trage ich heute Kontaktlinsen, gegen fünf schlagfreudige Jungs auf einmal hätte ich keine Chance gehabt, keine Schramme im Gesicht, nur die Stelle, wo der Zahnarzt diese Woche die Spritze gesetzt hatte, wummert wieder und zur Bank gehe ich erst jetzt, dann zu Rewe, kaufe Sekt für Sonntag, Sektempfang im Freundeskreis, nicht unterkriegen lassen, das war Zufall, ich lebe in Neukölln, da kommt es zu Kollateralschäden, aber noch ist das hier nicht die Bronx. Obwohl, angeblich…

Zu Hause trinke ich einen Seelenbalsam. Auf die Looser!

Ich weiß, dass ich gesellschaftlich gesehen eher zu den Gewinnern gehöre und sie, diese gewaltbereiten unterfickten Stümper zu den Verlierern. Es ist das Elend dieser Situation, das mir unausweichlich scheint, nach so einem Zwischenfall.
Ich habe es geschafft, aus der Unterschicht heraus, in die ich geboren wurde, bin gar in Berührung gekommen mit der Elite.
Nein, ich will nicht aufgeben, daran zu glauben, dass auch diese Jungs eine Chance hätten, vielleicht kann ich eines Tages dazu beitragen, Stichwort kulturelle Bildung. Naiv? Notwendig!

Balsam
Balsam auf Neukölln

 

11 Kommentare

  1. Hat dies auf Mia.Nachtschreiberin. rebloggt und kommentierte:
    Lieber Urs,
    ich habe mit dir gelitten und tue es immer noch.
    Ich hätte deiselben Gedanken danach wie du und denke sie imemr noch.
    Ich habe von hier aus, wieder in Iserlohn, mit dir einen Balsam getrunken und darauf anegstoßen, dass nicht mehr und doch so viel passiert ist.
    Wäre ich noch in Berlin würde ich dich auf einen „Wir retten unsere Welt trotzdem!“ anstoßen, Hauptsache viel Gin ….
    Und ich habe überlegt, wann ich das letzte Mal einen in die Fresse bekommen habe. Ich war zehn und er war elf. ich habe gesagt, du bist feige und schlägst ja nur Mädchen. War er und hat zugeschlagen, ich dann auch, er hat getroffen, ich nicht, nicht mit dem Schlag, aber fortan mit meinen Worten.
    Von hier alles Liebe,
    Mia.

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  2. Lieber Urs,

    tief erschrocken über den Angriff auf Dich und tief erleichtert, dass er so gimpflich ausging, sind meine ersten Gefühle beim Lesen Deines Beitrags. Gegen die ganze Gruppe hättest Du alleine keine Chance gehabt. Die Frage, die ich mir stelle, wie können wir diesen Jungen mit unserer Ausbildung helfen? Wie Ihnen Bildung im weitesten Sinne vermitteln, wie Ihnen das Gefühl geben, dass sie gebraucht werden und wichtig sind? Könnte mir vorstellen, dass ein Schreibgruppe in einem Jugendhaus, evnetuell mit einem Comiczeichner, den Jungen etwas Selbstbewusstsein geben könnte.
    Ich hoffe, Du kannst dieses bedrohliche Erlebnis schnell verarbeiten und Dein Wochenende relativ unbeschwert geniessen.

    Herzliche Grüße

    Ute

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    • Liebe Ute
      Danke für Deine lieben Worte. Ich bin ziemlich hart im nehmen, Zwischenfälle wie diese gehören leider zum Großstadtdschungel und man darf sich davon nicht zu sehr berühren lassen. Hoffen wir, das mehr Geld in Bildung investiert wird. Wenn die Maschen so groß sind wie jetzt, fallen zu viele durchs Netz.
      Herzlich, Urs

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  3. Lieber Urs,
    wieso schockt mich das nicht so, wie es mich schocken sollte? Hab ich mich schon so sehr an diese brüchige, unordentliche Welt gewöhnt, in der es jeden überall treffen kann, Gewalt, Hass, Laune? Ich bin vor allem traurig. Weil du das erleben musstest, die Jungs so drauf waren, und mir der Idealismus abgeht. Hoffentlich zitterst du nicht mehr, hoffentlich findest du Halt und Sicherheit. Eine Sektrunde mit Freunden klingt nach einem guten Anfang! Ich drück dich feste, Amy

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    • Liebe Amy
      Tatsächlich ist das ganze glimpflicher vonstatten gegangen als es hätte können. Ich bin nicht so leicht zu erschüttern. Das Zittern war auch eine Mischung aus Wut und Überraschung. Leider wird das Klim rauher, wie mir scheint, was nicht erstaunt, angesichts der sozialen und wirtschaftlichen Umstände. Geben wir unseren Idealismus nicht auf (oder den kleinen Funken, der noch da ist)!
      Herzlich, Urs

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  4. Lieber Urs,
    ich bin immer noch ganz fassungslos angesichts Deiner Schilderung dieser Gewalt, die Dir widerfahren ist. So aus heiterem Himmel, von einem pubertierendem Jüngling mitten am helllichten Tag. Da gerät einem die Welt doch ein Stück aus den Fugen. Ich kann die Mischung aus Wut und Überraschung gut verstehen. Immerhin ist es tröstlich, dass die Kumpels der kleinen Drecksau, ebenso erschrocken waren und dem Spuk ein Ende bereitet haben. Und noch tröstlicher ist es, dass es für Dich körperlich relativ glimpflich abgegangen ist. Hoffentlich heilt der blaue Fleck auf der Seele auch bald wieder. Ich finde es so verstörend, wenn die eigene Sicherheit so ins Wanken gerät und das Misstrauen gegenüber sich nähernden Passanten danach vielleicht immer wieder Alarmreflexe auslösen. Ich wünsche Dir, dass Du es bald nur noch als eine Episode betrachten kannst.
    liebe Grüße
    Anne

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  5. Lieber Urs,

    krass, das erleben zu müssen, der ganz wortwörtliche Schlag ins Gesicht. Und ihn dann einzustecken, im bildlichen Sinne, geschockt zwar – verständlicher Weise – aber doch stoisch weiter zu gehen, sein Ding zu machen… Die Hätte/ Wenn & Abers schaudernd am inneren Auge vorbeiziehen, dann aber auch gehen zu lassen und irgendwie zu verzeihen, weil man weiß, dass der Andere, der um sich schlägt, am Ende eben doch der Verlierer ist…, dankbar zu sein, dass im Unglück noch das ein oder andere Glück zu finden ist… Das hat Haltung, das bewundere ich!
    Dass Du diesen Schreckmoment erleben musstest, bedaure ich, dass Du ihn in einen so offenen, in all seinen Ambivalenzen nachfühlbaren, bewegenden Post umgewandelt hast, das feiere ich!
    Chapeau für den Zauberer! Und danke für’s Teilen!
    lg. mo…

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