Genickstarre

Max hob eher lustlos Kurz- und Langhanteln, hing etwas schlaff in den Seilen der Trainingsgeräte, kürzte sein Programm ab, heute würde das nichts werden mit Fitness.

Als er sich in der Garderobe auszog, spürte er einen Blick, ein Hübscher, weißes Tuch um die Hüften, kam aus dem Duschbereich geschwungen und schaute ihn an, nicht einfach an, sondern interessiert an. Diese Sekundenbruchteile länger als üblich. Der Halbnackte öffnete seinen Spint, griff nach seinem Handy, senkte den Kopf, und fing an, beidhändig zu tippen.
Sieht gut aus, der Typ, dachte Max und nahm eine eilige Dusche. Rasch zurück. Der Hübsche tippte immer noch. Max cremte sich besonders langsam ein, da!, der Andere schaute kurz auf. Max föhnte sich ausgiebig die nur leicht nassen Haare, da!, ein Blick über drei Spiegel.
Doch das Handy schien wichtiger. Max trocknete die Füße, jeden Zeh einzeln, zwischen den Zehen. Anziehen in Zeitlupe. Immer noch am Handy. Auf die Toilette obwohl er nicht musste. Der Andere tippte wie blöd. Ob er auf einer dieser Apps nach mir sucht, fragte sich Max, mich virtuell ansprechen will?

Wie, fragte sich Max, als er zum Ausgang schritt, wie hätte ich den Typen ansprechen können, der offensichtlich interessiert, aber nur halb da war, mit wem auch immer kommunizierend?
Wie viele Begegnungen sind nicht mehr möglich, weil die Menschen die Köpfe gesenkt, die Gesichter fahl angeleuchtet, abwesende Anwesende mit Genickstarre? Wann sind die App-Menschen wichtiger geworden als die Menschen im realen Raum?
Dort Sitzende und Stehende sind in Displays versunken.
Gehende – Passant*innen – haben den Blick stur geradeaus gerichtet, aneinander vorbei, als gäbe es in der Ferne eine anvisierbare Zielscheibe. Oder sie blicken vor sich auf den Gehsteig, nicht etwa, weil es Hundedreck zu umkurven gälte, nein, es kommt ihnen Einer entgegen und dessen Blick gilt es auszuweichen, als würden sie sich verraten, als wäre die kurze Aufmerksamkeit, die man sich schenken könnte heiß wie eine Herdplatte.
Vielleicht erschrecken wir ob direkten menschlichen Blicken, Auge in Auge, weil wir uns daran gewöhnt haben, videoanrufend aneinander vorbeizustarren, nur vermeintlichen Augenkontakt herstellend. Vielleicht ertragen wir es nicht mehr, dass uns jemand ungefiltert auf der Straße anschaut, egal wie HD-ready wir geschminkt sind, egal wie sehr wir uns einbilden, wir seien unser Selfie.
Wir wissen, wir werden beobachtet von tausend Linsen, draußen. Maschinen folgen uns, zeichnen uns auf, fotografieren uns, könnten uns posten. Vielleicht misstrauen wir inzwischen den Blicken, weil Es uns anblickt.

Heikel kann ein Blick sein. Wie oft wurde Max böse angeraunzt, immer von Männern: Was guckst Du? Dazu eine sprung- und schlagbereite Körperhaltung. Männer schauen sich nicht an, aus Angst für schwul gehalten zu werden.

Männer haben erfahren, dass ihre Blicke zu empörten ### führen können oder gar zur Übermalung von Fassadengedichten.

Die Blicke des Hübschen in der Garderobe waren nicht lüstern.
Max fragt sich, ob er überhaupt je einen Mann hat lüstern blicken sehen. Ist es nicht vielmehr Frauensache, das anzügliche Schauen, dieses gewerblich-pornografische, mit gesäuseltem „Hallo Schätzchen“, auf bestimmten Straßen, die entlang zu gehen er manchmal nicht vermeiden kann.
Wie entwürdigt er sich jedes Mal fühlt. Als wäre jeder Mann jederzeit seinen sexuellen Bedürfnissen ausgeliefert, die jede grellrot geschminkte Gummiboot-Lippe, jeder Ballonbusen im Latex-Korsett jederzeit befriedigen könnte.
Wie sehr er sich jedes Mal schämt, dafür, dass es Seinesgleichen gibt, denen nichts billig genug ist, dass es Männer gibt, die Frauen auf die Straße zwingen, menschengehandelt.

Sehen wir ihn wegschauen, den Max, Blick gesenkt, hastig vorbeieilend?

5 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    ich sitze beim Friseur vor dem Spiegel, Blick gesenkt, schaue mir nicht in die Augen, weil ich deinen Text vom Max lesen will, gerade beim ersten Teil musste (gerade hat mein Handy *küsste* daraus gemacht, oookeeee!) ich laut lachen …danke und so wahr, wie oft senken wir den Blick und starren stur geradeaus, wie viele schöne Momente gehen so leibhaftig an uns vorbei, schade …
    Liebe Grüße,
    Mia

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Urs,
    ja, der „Handy-Neck“ ist nicht nur ein orthopädisches Problem, sondern eines der gesellschaftlichen Kommunikationskultur. Wenn der hübsche Handtuchträger im Fitnessstudio das Profil von Max auf seinem Display gesehen hätte, wäre er vielleicht in einen Chat eingestiegen.

    Auf einen so schönen „Augenblick“ wie in Casablanca wartet man heute leider oft vergeblich.

    Herzliche Grüße und here’s looking at you kid
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

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