Stufe 47

„Man denkt nicht oft genug an die Treppen.“ Georges Perec, Träume von Räumen

Es ist wohl etwas exzentrisch, mir vorzunehmen, mich in meinem Treppenhaus auf die 47. Treppenstufe zu setzen und 47 Minuten lang mit meinem Smartphone zu schreiben. Und es macht mir zugegeben, Bammel. Was mögen die Nachbarn denken? Dass ich meine Wohnungsschlüssel vergessen habe? Denn tatsächlich liegt Stufe 47 quasi vor meiner Tür.

Weil es zu kalt ist im ungeheizten Treppenhaus (in der Schweiz wäre es lauschig warm) stehe ich auf und schreibe im Wohnungsflur weiter, auch weil ich meine Nachbarinnen nicht belauschen will, die gerade über etwas lachen.

Ich hatte mir vorgestellt, wesentlich höher als das zweite Stockwerk zu gelangen. Über das Dritte hinaus bin ich nämlich noch nie gestiegen. Wozu auch, es gibt weder einen Dachboden (Estrich heißt der in der Schweiz) noch eine Dachterrasse.

Bei der Nachbarin über mir, eben im Dritten, klingelte ich kürzlich zwecks Paketabholung. Deren Sohn pubertiert lauthals jeden Abend, schreckt mich entweder mit stimmbrüchigen Schreien vom Sofa auf oder veranstaltet Basejumping von Schränken, sodass ich und meine Möbel erdbebend erzittern.

Ich stelle mir vor, wie eine andere Nachbarin, türkischer Herkunft (Etage unbekannt), schwer atmend mit Einkaufstüten beladen auf dem Treppenabsatz vor mir stehenbleibt und Atem schöpft.

Kürzlich saß ein jüngerer Nachbar auf der Stufe vor meiner Tür, Bein im Gips, ebenfalls schwer atmend pausierend. „Pech gehabt, Fuß verknackst.“ „Ui, trotzdem schöne Festtage!“

Und ich denke an das Treppenhaus des schäbigen Hostels in Tel Aviv, damals vor 10 Jahren, Laptop hin und her schwenkend, Wlan erhoffend. Doch alles, was ich in der Absteige empfing, waren Filzläuse, siffiges Bett, eine Nacht lang quälte ich mich durch.

Wie war das, als ich letzten Sommer die Treppe hinunter stieg, bei den Nachbarn unten die Türe sperrangelweit offen stand, im Flur ein Körper neben einer umgekippten Leiter lag, vor dem Haus ein Krankenwagen? Tage später die Ehefrau weinend vor ihrer Tür stand, sie sei eben aus dem Krankenhaus zurück und ihr Mann, 92 Jahre alt, ja, der habe sich das Genick gebrochen. Und ich die eingetrocknete Blutlache in ihrem Flur aufwischte, die Frau ganz alleine, keine Hilfe, kein Staat der sich kümmert. Vier Paar Gummihandschuhe lagen neben dem krustigen Rot und dem Haufen Kleider des von der Leiter gestürzten – wollte offenbar etwas vom Hängeboden holen, lag dann tagelang tot – Leiche noch im Flur entkleidet, Kleider einfach hingeworfen, nein, so will keiner gehen.

Was für ein Leben der Alte hatte? Öfter mal ein Schwätzchen gehalten mit ihm im Treppenhaus. „Wissen Sie, Herr Küenzi, ich bin 1926 geboren, ich war bei den ganz Schlimmen.“ Sagte es und nahm ein imaginäres Gewehr in Anschlag.

Nein, sowas würde ich in einem Treppenhaus in der heilen Schweiz wohl nicht erleben. Obwohl. Gibt es da nicht zahlreiche Nachbarn, kriegstraumatisiert, damals, der Balkan? Jahrzehnte her.

Und ich? Nerve ich mich ernsthaft über die Post, die nur selten bis zu mir kommt, kein Abholzettel, nichts?

Ich sitze hinter verschlossener Tür. Höre Treppenhausgeräusche, Schritte, Keuchen, Kleiderrascheln, Schlüsselbundklirren; im Sommer hörte ich Gelächter der Angestellten des Telefonshops im Erdgeschoss, die im Hausflur Badminton spielten. Nicht im Hof, im Treppenhaus (kühl!).

Als ich Kind war, wurde uns strengstens untersagt, im Treppenhaus zu spielen, obwohl Treppenrutschen auf dem Hosenboden doch so viel Spaß machte.

(Jetzt sind die 47 Minuten um.)

Warum 47? Ich bin noch bis 25.1.2019 47 und feiere das Ende dieses Lebensjahres durch eine tägliche Schreibaufgabe die mit dieser Zahl zu tun hat (Countdown läuft seit 10.12.2018, dem 47. Tag vor meinem Geburtstag).

6 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    hier sitze ich auf Stufe siebenundvierzig in meinem Treppenhaus, in dem alle Stufen rot sind. Wer mich hier findet, auf den Stufen und schreiben sieht, wird denken: Oha, jetzt ist es soweit.
    Ich werde entschuldigend lächeln und sagen: Ich studiere das.
    Unverständnis im Blick gegenüber, also Alltag.
    Nein, hier wird keiner hinaufkommen, also heute nicht; ich erwarte keinen Besuch. Die Nachbarin unter mir wird, wenn sie in den nächsten (fast) 47 Minuten im Treppenhaus auftaucht, so schnell sie ihre Beine tragen, in ihrer Wohnung verschwinden …
    Ruhig ist es, außer dem Tippen auf der Tastatur höre ich kaum etwas. Das Klackern hallt nach, da ist ein leises Echo, das gefällt mir, weil es auch in mir etwas zum nachklingen bringt …
    E C H 0 ……
    Gerade fährt ein Auto vorbei.
    Noch eins. Zu schnell, das davor auch.
    Wie lang 47 Minuten sein können und es wird immer dunkler. Nur der Bildschirm erleuchtet meine Stufe und eine kleine elektrische Kerze links neben mir, rechts neben mir ist das grüne Geländer und der blaue Handlauf …. Ja, du hast richtig gelesen lieber Urs: Grünes Geländer. Blauer Handlauf. Rote Stufen.
    Ein Schluck Kaffee und ein Kissen habe ich auch dabei, gefühlt der halbe Hausstand, aber das habe ich alles von den 47 Minten abgezogen, damit e s fair bleibt. Wer sich länger einrichtet auf Stufe 47, der hat weniger Zeit zum Schreiben.
    Tja, das ist so im Leben.
    Habe meinen Lieblingsgin heute abgeholt, der Abend ist gerettet. Öffne ich ihn zur Feier der 47. Stufe oder verwahre ich ihn für einen besonderen² Moment?
    Ich werde es entscheiden, wenn die 47 Schreibminuten auf der 47. roten Stufe um sind und, wenn ich in mein Forschungstagebuch geschrieben und noch so viele andere Alltagsdinge getan habe, die noch anstehen. Anstehen. Im Leben anstehen und auf der 47. Stufe sitzen bleiben, weil es gerade nicht weiter hoch und auch nicht runter geht. Mehr Luft nach oben ist es, also acht Stufen noch nach oben und 46 nach unten. Der Fall ist tiefer und der Anstieg höher oder so ähnlich.
    47 Minuten auf der 47. roten Stufe in meinem Treppenhaus sind lang, viel zu lang, oder, was kann ich da nicht noch alles machen.
    Bin gleich wieder da, gehe mal kurz shoppen … Für das Forschungstagebuch ist es dann doch zu kalt, hier auf der Treppe … Na ja, fürs online-shoppen auch, es sei denn, ich kaufe warme Sachen, also Schuhe, natürlich keine 47 Paar, auch nicht Größe 47, sondern 47 minus 10 plus eins und jetzt mal schnell kopfrechnen …
    Na?
    Nein, bestellt habe ich den Schuh nicht, noch nicht, das kommt später, nach dem Text, der in 47 Minuten ein halber Roman wird, wenn das so weitergeht. Und jetzt fahren auch dauernd Autos vorbei, nicht mehr zu schnell, aber dauernd. Ihre Lichtkegel hinterlassen gespenstische Schatten auf der Häuserwand gegenüber, die ich sehe, wenn ich aus dem Fenster schaue …
    Sehen die mich? Ja, würden sie, wenn sie den Vorhang zur Seite ziehen würden.
    Den Vorhang zur Seite ziehen. Die Kirchenglocken läuten. 17:45 Uhr. zwei Minuten vor 17:47 Uhr.
    Der letzte Vorhang fällt. Er ist gefallen, bei einem Menschen, der mir im Job begegnet ist. Sein Gesicht geht mir nicht aus dem Kopf, auch nicht das letzte Telefonat, das wir vor seinem Tod geführt haben. Ganz normal, Smalltalk, Formalia, wie immer und doch waren es die letzten Worte, die wir gewechselt haben, wirklich die letzten …
    Egal, wie viele Minuten es jetzt noch sind, die gehören diesem Menschen, doch die Worte, die nehme ich mit zurück in meine Wohnung und schreibe sie da bei Kerzenschein …
    Die Zeit ist um!
    Dank, lieber Urs, für diese Schreibgelegenheit. Wenn du das Foto dazu möchtest; ich schicke es dir per Smartphone …

    Liebe Grüße,
    Mia

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    • Liebe Mia
      Auf dem Laptop geht das Ruckzuck, sehe ich! :-)
      Danke für Deine 47. rote Stufe (jetzt wüsste ich nur noch gerne brennend, welches denn der besondere Moment ist, zu dem Du den Gin trinken willst (und mit einer hochgestellten 2 versehen hast)?
      Herzlich, Urs

      Gefällt 1 Person

  2. Lieber Urs,

    die 47. Stufe klingt für mich nach einem Thriller (Hitchcock lässt grüßen – bei ihm waren es nur 39 Stufen) und einer tollen Schreib-Challenge. Da ich im Hochparterre wohne, steige ich leider nie mehr als 7 Stufen bis zu meiner Wohnungstür – Grund genug, mal mein Treppenhaus näher zu erkunden. Ob ich auch auf dramatische Blutspuren stoße?

    Laut deinem Forschungstagebuch scheint mir das Treppenhaus ein Ort der skurrilen und alltäglichen Begegnungen zu sein. Momentaufnahmen, die in einem Augenblick an uns vorbei flimmern und zu oft unbemerkt verglimmen. Das Verweilen auf Stufe 47 für 47 Minuten eröffnet jedenfalls neue Wahrnehmungen.

    Danke für diese lebendigen Eindrücke von deiner Treppenstufe.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

  3. Lieber Urs,
    ich tauche gerade aus dem Masterarbeitsgetümmel auf und schaue nach, was denn so auf Euren Blogs ( also den paar wenigen, die noch posten mitten im Masterarbeitsdrama) los ist und finde diesen Beitrag, der mich begeistert. Nun bist Du schon 48. Herzlichen Glückwunsch nachträglich, auch wenn es schon ein bisschen her ist. Welch eine geniale Idee, sich einfach mal auf die Treppenstufe, die dem Alter entspricht zu setzen und dort 47 Minuten schreibend zu verweilen. Es lockt mich, es auch zu probieren. Bis zu meiner Wohnung im 1. Stock sind es nur 26 Stufen, aber über mir gibt es noch 12 Stockwerke, da wird sich die 65. Stufe finden lassen. Da es zwei Fahrstühle im Haus gibt, die auch verlässlich funktionieren, sollte ich unbeobachtet bleiben, obwohl, es gibt auch begeisterte Treppenläufer aus den oberen Stockwerken. Aber 65 Minuten auf dem Smartphone schreiben, das geht gar nicht. Da habe ich Knoten in allen Fingern. Und 65 Minuten auf den Treppenstufen verweilen ist jetzt auch nicht so mein Ding. Auch nicht mit Kissen ( wie es Mia getan hat) und den Gin spar ich mir lieber für gemütlichere Plätze auf. Also wäre mein Kompromiss vielleicht die Zeitdauer von 6,5 Minuten auch als Tribut an mein Alter.
    Alles Gute weiterhin für die emMA.
    Liebe Grüße
    Anne

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    • Liebe Anne
      Das Alter birgt auch bei Zahlenspielen einige Herausforderungen :-)
      Aber: Du kommst hoch hinaus, höher als wir alle. Und 6,5 Minuten sind doch ein guter Kompromiss (6×5 ginge auch oder 6+5). Du könntest aus Stufe 65 auch einen 65-Wörter-Text (oder 65 silbigen) schreiben. Natürlich ist der Laptop erlaubt oder eben ganz analog, Block und Stift :-)
      Herzlichen Dank für Deinen schönen Kommentar und die Wünsche, Urs

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