Juice Me, Baby!

Analoge Versuche

Ach, was soll’s, verbrauche ich halt Strom mit jedem Buchstaben den ich tippe.
Ach, was soll’s, sollte ich öfter stöhnen, dann, wenn ich mein schlechtes Gewissen kurz aufflackern lasse, aber trotzdem einen Flug buche. Aufrichtiger wär’s.

Stattdessen übe ich mich gerade wieder in Empörung darüber, dass die Auswüchse der Sharing-Economy die Städte nicht nur mit Muskelkraft fahrbaren Fahrrädern, sondern E-Scootern, E-Treträdern und E-Bikes zumüllen. Letztere rufen knallrot zum JUMP auf.

Judihui, alles so leicht, spring auf, fahr mich und wenn Du keine Lust mehr hast, stell mich irgendwo ab, mitten auf einer Wiese in der Hasenheide, quer auf dem Trottoir, egal, irgend ein Trottel räumt es schon weg.
Und lädt es auf, das Unding. Zuerst auf oder in seinen Privaten Kraft Wagen, danach an der Steckdose. Denn er ist ein Juicer. So werden allen ernstes die neuesten Opfer der digitalen Entgleisung genannt. Menschen, höchstwahrscheinlich aus ärmeren oder studentischen Milieus, sammeln stromhungrige Tretroller ein, laden sie auf eigene Kosten auf und stellen sie an einer vom Start-up vorgegebenen Stelle im Öffentlichen Raum ab. Für 4 Euro/Roller.
Da entweicht mein Untermehrergeist der Zauberlampe! Ich baue ein Atomkraftwerk und nutze Lager- zu Ladehallen um. Uran hole ich im Iran.

Mit den Restatomen fliege ich zum Mond und baue dort ein Gewächshaus.

Ich ließe mich gerne auf den Mond schießen. Damals, als ich eben erst geboren war, flogen die Menschen noch rege ins All. Ich meine mich zu erinnern, dass ich als Kleinkind eine Mondlandung mitgesehen hätte, auf dem Schwarzweißfernseher mit drei Sendern ohne Fernbedienung, für die Ewigkeit gebaut.
Meine frühen Erinnerungen sind auch ölkrisenbeschattet und Anti-AKW bewegt (diese lieblichen Sonnenschein-Aufkleber!). In Konsequenz (oder inkonsequent?) hieß es ständig: „Lichterlöschen, der Strom kommt nicht aus der Steckdose!“ Angst hatten wir auch vor der Atombombe. Und dem Waldsterben.
Wie schwer es heutige Kinder haben müssen, deren Eltern schon in Panik geraten, wenn im Supermarkt die laktosefreie Milch ausverkauft ist.

Ich baue also ein Gewächshaus auf dem Mond. Dort pflanze ich nur Blumen an, die ich einem großen, keinem kleinen Prinzen schenke.

Wenn es nicht abgefackelt wird. Wie in Burning, diesem unbedingt sehenswerten, südkoreanischen Film. Ziemlich am Anfang schält dort eine junge Frau pantomimisch Mandarinen und erklärt ihrem Gegenüber, dass es nicht darum ginge, zu glauben, dass die Mandarine da sei, sondern zu glauben, dass sie nicht da ist.
Sie spricht damit einen Kern unseres Wesens an: Die Fähigkeit zu Fiktionalisieren.

Ich glaube an die Atombombe (sie ist real).
Ich glaube nicht, dass sie gezündet wird (Hiroshima mon amour).

Das Klima erwärmt sich.
Ich fliege um die Welt.

Im Mittelmeer ertrinken jetzt in diesem Moment Menschen auf der Flucht.
Ich sitze an meinem Laptop und tippe.
(Und verbrauche Strom, zu dem 25% der Menschheit nach wie vor keinen Zugang hat. Was wäre wenn?)

Wir (wir?) sind zum Mond aufgebrochen.
Ich stelle mir vor, wie ich auf dem Mond ein Gewächshaus baue.
Keine Arche. Darin ein Blumenbeet.

8 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    ich lege einen Teich neben deinem Gewächshaus an, baue ein Ruderboot und einen Steg, von dem ich kopfüber ins Wasser und gegen jede nicht vorhandene Schwerkraft springe, kraule zum anderen Ufer, an dem dein Gewächshaus steht, winke dir zu; und wir trinken einen Kaffee, denn ich habe natürlich auch Kaffeebohnen angebaut, da im Mondkrater, fairmoon, und wie wir ihn kochen, wie die Cowboys früher im Western, am Lagerfeuer in zerbeulter Kaffeekanne und dann setzen wir uns auf den Mondkrater neben deinem Gewächshaus und schauen zusammen Erde, das braucht keinen Strom, nur Augen, die das alles sehen und so satt haben …
    Mia

    Gefällt 1 Person

  2. L9eber Urs,
    die Idee auf dem Mond nicht nur ein Gewächshaus zu bauen hatte auch Frank Schätzing und hat darüber einen beinah genialen Roman geschrieben ‚Limit‘. Dabei hat er leider ein bisschen zu sehr nach Hollywood geschielt und offensichtlich auf Verfilmung gehofft. Aber egal, ein paar der Ideen sind richtig gut.
    Ich rege mich gern mit Dir über diese Masche der Leute auf, die solche scheinbar angesagten Unternehmen gründen, die sie als innovativ verkaufen, aber eigentlich nur über eine Art Sklavenhalterei lukrativ betreiben können. Diese Essenlieferanten wie Deliveroo und Lieferando gehören doch in die selbe Kategorie.! Warum muss den Menschen eigentlich immer alles hinterher getragen und mundgerecht vor die Tür geliefert werden.
    Ich kriege gerade Zornesröte!
    Liebe Grüße
    Anne

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Anne
      Gut erwähnst Du die Lieferdienste! Wahrscheinlich werden wir uns bald nach diesem nostalgischen Bild der Kuriere sehnen, wenn der Himmel voller Drohnen ist…
      Herzlich, Urs

      Liken

  3. Lieber Urs,

    du bringst die kuriosen Widersprüche von Nachhaltigkeitsbestrebungen und Fortschrittsidiotie sehr ironisch und witzig auf den Punkt.

    In deinem Gewächshaus auf dem Mond möchte ich gerne mal Mandarinen ernten.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

  4. Lieber Urs,

    nicht nur, dass ich auch dieses Mal – wie immer – Deinen Schreib-Ton liebe, ich lerne auch noch regelmäßig was von Dir! Bei uns in EF sind jetzt auch solche Roller aufgetaucht und ich habe mich schon gefragt, wer die eigentlich wieder einsammelt und auflädt… Schade!
    Ich tröste mich allerdings mit dem Bild, wie rollerfahrende Pinguine winkend an Euch vorbeibrausen, während ihr am Mondkrater Lagerfeuer-Kaffee trinkt… Ich packe meinen Koffer und nehme 2 Faultiere, eine Hängematte und viele kreative Schreibübungen mit!

    Liebe Grüße
    mo…

    Gefällt 1 Person

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