Twentynine Palms

Folgender Text ging am 29.2.2020 um 20:29 online und wurde am selben Tag, nicht genau um 20:29, aber ungefähr zu dieser Zeit, von mir in der Lettrétage vorgelesen, anlässlich einer Lesung zum Thema „Der geschenkte Tag“ des BKS11, meines Jahrgangs des Studiums Biografisches und Kreatives Schreiben.
Zur Feier des Schalttags taucht im Text 29 mal die Zahl 29 auf.

Twentynine Palms

Ein Tag damit die kosmische Rechnung aufgeht.
Einen Tag länger 49 sein, wie er einen Tag länger 29 war.

Es würde ein Tag der Zahlenobsession, dachte Max am 29. Februar 2020, als ihm ein Motelreceptionist in Twentynine Palms in der kalifornischen Mojave-Wüste den Schlüssel zu Zimmer 29 reichte. Enjoy your stay, Sir!
Er zündete die erste von 29 Zigaretten an, die er zu rauchen beschloss.

Die zweite zündete er an, als er in den Arsch des Trampers, der nicht 29 war, abgespritzt hatte, am Straßenrand aufgegabelt, hop in! Die Luft im Mietwagen knisterte, im Motel wurde sie heiß.
Wie hieß er, Josh, Joshua, natürlich, wie der Nationalpark, den sie besuchen würden, wäre der Gleichnamige nicht eingeschlafen.
Max trat aus dem Zimmer, betrachtete die Beliebigkeit der Motelanlage, den Highway, der vierspurig durch die Stadt führt, das Stadtzentrum ist, betrachtete die Diners, die Motels, die Mall.
12:29, wie lange soll er den Schlafenden liegen lassen? Er dachte an einen Ex, ein Langschläfer, auch sonst ein unerträglich träger Mensch, mit dem er Kalifornien bereist hatte, damals…
Zur dritten Zigarette denkt Max daran, wie er diesen trägen Ex damals bis nach San Francisco geschleppt hatte, bis auf einen Hügel mit atemberaubender Sicht über die Bay, wo Max in Oh! Ah! herrlich! wunderbar! was für eine Stadt! ausbrach, während dem Ex nichts entrückte außer: Es ist kalt.
Max ging, zwei Stinkefinger in die Höhe streckend, den Hang hinunter, stopfte im Airbnb seine Sachen in seine Tasche und verschwand aus dem Leben dieses Griesgrams.

Bei der vierten Zigarette wurde ihm bewusst, dass es kein Verschwinden gab, dass Menschen ewig in Gedanken geisterten, kein Ausräuchern konnte sie vertreiben. Trotzig steckte Max die Fünfte an und bemerkte, dass er vor 20 Jahren, mit 29, das letzte Mal Kalifornien bereist hatte und das erste Mal vor 29 Jahren, als er 20 war. Die Zahlendoppelungen schienen ihm bedeutungsvoll, er wollte sie wären mehr als Ziffern, Schamanen sollen Türen öffnen break on through to the other side.
Jim Morrison in knackiger Lederhose erinnerte ihn an den Tramper, den er nun wecken wollte.
Als er zurück ins Zimmer trat, lag nur eine leere Whiskeyflasche auf dem Bett und säuerlicher Geruch in der Luft. Max zählte die Fliegen auf der Kotze – zu viel Bukowski – schmetterte trotzdem die Flasche an die Wand, die auf nichtssagender Landschaft, Berg, Blockhütte, Hirsch einen Riss hinterließ, griff zum Handy und sah auf der Karte, dass Las Vegas nah war.

Zigarette 6, 7 und 8 rauchend wäre er fast am Joshua Tree Park vorbeigefahren.
Er knipste ins grelle Licht, legte einen Filter darüber und instagrammte mit der Bildunterschrift I Still Haven’t Found What I’m Looking For, ahnend, dass die Jungen die Referenz nicht verstünden, obwohl ihm gar keine Jungen folgten, aber folgen könnten.
Er war 16 beim Albumrelease, nun war er endlich vor Ort, glich popkulturell implantierte Bilder ab, ohne Erinnerung, was er mit 16 fühlte, mit 29 dachte, sich vor einem Jahr erhoffte, als sie diese Reise geplant hatten, auf der er nun alleine war.
Er wird nicht zum Sonnenuntergang zu Pink Floyd vögeln, nicht unter einem Tree, nicht am Zabriskie Point, ohne LSD, ohne Foucault.

„Siri, spiel Room 29!“
Zigarette 9 rauchend summt Max zu Jarvis Cockers Ode ans Hotel Chateau Marmott.

Room 29
I heard them say
„Is the only place to stay“
Room 29
Is where I’ll face
Myself alone

A comfortable venue for a nervous breakdown
A front row seat for a psychic shakedown
I just had to laugh:
Got so screwed up
Is there anything sadder than a hotel room that hasn’t been fucked in?

Ein Hotelzimmer in dem andere vögeln, nur Du nicht.
Ein Hotelzimmer in dem nebenan gevögelt wird.
In einem Hotelzimmer einen Stricher vögeln.
Onanieren.

Max brannte Nummer 10, 11 und 12 schnell runter, Zoom auf Zigarettenglut knisterndes Brenngeräusch, Wild at Heart, ohne Lula, ohne Sailor, ohne auf offener Strecke aus dem Auto hüpfen und zu Metal tanzen.

„Siri, spiel Album Honeymoon, Lana Del Rey!“

Baby, if you wanna leave
Come to California
Be a freak like me, too

Max nahm sich vor nach 29 Meilen anzuhalten.
Bis dahin landeten drei weitere Stummel im Aschenbecher.
Da wo er hielt, war nichts außer flirrender Ebene und der Straße, die sich in diesem Flirren auflöste. Max sah ins Nichts, das nicht nichts war, aber an Ort und Stelle so unspektakulär, dass er erzählen könnte, er habe in the middle of nowhere angehalten, eine Spraydose aus der Reisetasche gezogen mitten auf die Straße gesprüht, dass er am 29.2.2020 nach 29 Meilen Fahrt, not nowhere, now, here, 29 Minuten und 29 Sekunden lang hier stand.
Er war bei der zweiten Null, als er eine Sirene heulen hörte, Blaulicht zu sehen meinte.
Ins Auto, Vollgas gen Horizont, Verfolgungsjagd, doch im Rückspiegel nur Leere.

Als Max an Zigarette 16 zog, meldete sich Siri, er zuckte zusammen, nie würde er sich daran gewöhnen, dass ein Gerät so unvermittelt sprach.
Max, gemäß Datenbank hast Du den Film Bagdad Café fünfmal gesehen. Der Besuch des nahen Originalschauplatzes könnte Dich interessieren.
Siri spielte den Titelsong, Max rauchte die Siebzehnte.

We both know a change is coming
Coming closer sweet release
I am
Calling you

Die Sägebrecht, das Dirndl, die Zaubertricks.
Filterkaffee, zwei Refills, drei Kippen, diverse Insta-Posts.
Where’r you from, Sir?
Switzerland, but mostly I live in Berlin.
Oh Berlin, crazy city, they say, I want to go there one day.
Yeah, you should.

Max fuhr los.
Hinter ihm ging Bagdad in die Luft.

Es war schon dunkel, als er ennet den Bergen das Jahrmarktblinken Las Vegas’ erblickte, real vor ihm und doch nur Illusion, Pathosschauer angesichts der Erleuchteten, heiliger Gral, keine Religion hat ihrem Gott je eine vergleichbare Kirche gebaut.

EARN BABY EARN stand auf der Schlüsselkarte zur Suite 29 in der 29. Etage des Cosmopolitan Hotels wo er auf dem Balkon eine Zigarette ansteckte und zusammenzuckte ob der Explosion, die die Fontänen des Springbrunnens vor dem Bellagio fast auf seine Höhe schießen ließ, höher, weiter, länger, lauter, wann war Amerika je nicht great?
Er könnte springen, doch hatte er weder gespielt noch verloren.
Gleich würde er spielen, jungfräulich, nicht Black Jack, nicht Roulette, einarmiger Bandit.
Kaum am Spielautomaten wurde ihm ein Drink serviert, ganz umsonst, rauchen war auch erlaubt, klar, die Scheine sollen in den Schlitz. Dollar um Dollar steckte er in die gierige Maschine, schwor, nicht mehr als 29 zu verspielen, als es plötzlich Geld regnete, digital auf dem Bildschirm, nicht klimpernd wie im Film, trotzdem durchzuckten ihn Glückssträhnegedanken, es war der 29.2., das will was bedeuten, in die Lunge mit Zigaretten 22 bis 29, bald war 23:31, noch 29 Minuten, um Mitternacht steckte er den letzten Schein in den Automaten, der Zählerstand zeigte 290 an, so viel wie die Suite kostete.

Ob das ein Nullsummenspiel war, darüber lassen wir Max alleine räsonieren. Wir hören ihn einen letzten düsteren Gedanken denken, den dass die Wahrscheinlichkeit, dass er in 29 Jahren tot sein wird, größer ist als je zuvor. Der Tag an dem er ausgezählt haben wird, rückt näher, klack, klack, klack, die Mechanik der Lebensuhr spielt verrückt. Es gibt kein Halten im Rattern bis augestottert ist.
Strich unter die Rechnung.

Wir überlassen es der Einbildungskraft der Leser*innen, ob dieser Gedanke einem Mann namens Nicolas, nicht Cage, wich, ob dieser Nick 29 Jahre alt, älter oder jünger war, ob sie hoch in die Suite fuhren, ob sie tags darauf Las Vegas von Elvis vermählt verließen und ob sie am 1. März 2029 zurückkehren werden.

6 Kommentare

  1. Ich war noch niemals in Kalifornien, der Wüste, Vegas, weder mit 20 noch 29 noch 49, aber irgendwie war ich doch da, mit Jim, Bono, Mark, der Jasmin Münchgstettner und jetzt mit dir. Danke dir für die Reise, und dass du mich an der Lesung hast teilnehmen lassen! LG Amy

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  2. Lieber Urs,

    20:29 Uhr: 20 plus 29 gleich 49. 49 minus 48 gleich eins. 01.03.2020.
    Morgen geht es weiter, mit den Nummern und den Zahlen, mit dem Leben und den Hotelzimmern, mit dem Drumherum und dem Daneben, mit dem Miteinander und dem Größenwahn, dem Mittendrin und dem am Rand …
    21:11 Uhr. 21 plus 11 gleich 33. 3 minus 3 gleich Null.
    02.03.2020 und so weiter und so weiter …

    Mia

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  3. Lieber Urs,

    was für eine wechselhafte Reise im Takt der immer wieder neu aufglimmenden 1 – 29 Zigaretten, mal melancholisch (der Geist vom Griesgram), dann wieder grell aufblinkende Hoffnung in Las Vegas.

    Ein Nullsummenspiel kann sehr aufregend sein, wenn man viel gewinnt und dann wieder viel verliert, dann wieder gewinnt…

    Danke für diesen traurigen Joy-Ride (der mich schon gestern bei deiner Lesung gefesselt hat – aber zum Nachlesen ist er auch schön).

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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