Waldballett (Sommertagtraum I)

Wenn Du in die Wildnis fährst, Into the Wild, wenn Du im Wald in einen See springst, im äußersten Brandenburg, Deine Augen in den rauschenden Bäumen Musik sehen; wenn Du auf einem in den See ragenden bemoosten Baumstamm die Beine baumeln lässt, der Stamm zum Floß wird, jedes einzelne Blatt am anderen Ufer Dir winkt, das Floß zur Schaukel morpht, Schwäne sich vor Dir putzen; wenn Du in dieser wagnerianisch anmutenden Szenerie splitternackt in den See springst, Dich prustend wie eine Robbe durchs Wasser schraubst, das Glück aus Dir ruft; wenn Du barfuss über den Waldboden watest, weich, kribbelnd, auf Moosflächen liegst, Tannensprösslinge wie Bonsais anmuten, in faulen Baumstrünken Minilandschaften siehst, die kein japanischer Gärtner meditativer gestalten könnte; wenn Du den Blick im dritten Auge findest und darin verlierst, die Szenerie zum pulsierenden grünen Gemälde wird, das sich vor Dir zum Bühnenbild schichtet und auflöst, Du alles in Deinem Blickfeld gleichzeitig wahrnimmst, in das totale Sehen abtauchst, nur noch Auge bist; der Untergrund sich sanft bewegt, Du ganz leicht schwankst, dieses schwerelose Gesogenwerden, dich bäuchlings auf den Waldboden legst; die sumpfige Senke, neongrün leuchtender Farn, wo Dinosaurier weiden, en Miniature, scheinst in Terrence Malicks The Tree of Life gelandet; starrst ins Grün und meinst mit Virtual Reality-Brille zu sehen, staunend tastend die Hände ausgestreckt den Kopf in alle Richtungen drehend, in den Nacken gelegt die Baumwipfel; wenn Du dich im Walddunkel unter ein Moskitonetz bettest, unruhige Nacht – es raschelt, schnüffelt und uhu-t so Einiges im Wald – Du unter den ersten Sonnenstrahlen dort in den See hüpfst, wo er sich in die Weite öffnet, das frische Wasser Dich weckt wie fünf Tassen Kaffee; wenn Du er-lebst, dann weißt Du, dass Du einen guten Trip hast.

4 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    Deine Worte sind mir Drogen genug fürs sonntägliche Abtauchen in eine kühl-wässrige Waldesmärchenwelt. Vielleicht biegt auch noch irgendwann der Prinz auf dem weißen Pferd um die Ecke. Danke für diesen erfrischenden Wortetrip.
    Es grüßt die Küchenmarie

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Urs,
    wie du liest, lese ich deine Blogbeiträge rückwärts (zeitlich gesehen …:-)) und habe den Text gleich noch zwei weitere Male gelesen und dich echt beneidet.
    Anne bringt es mit „Wortetrip“ genial auf den Punkt. Genial!
    Liebe Grüße,
    Sabine

    Gefällt 1 Person

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