White Ocean

Es fällt tatsächlich allen leicht, die Dinge um sich herum zu vergessen, mich eingeschlossen. So als könnte diese Insel gar nicht anders existieren, als auf einem weiten, leeren Meer dahinzutreiben.
Yoko Ogawa, Insel der verlorenen Erinnerung

50×50, Tag 2

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ich sah während meiner Geburt anno 1971 rot und verwies angesichts der Gegenwart auf Instagram. Max machte mit einer Schreibmaschine Licht und trat im Jahr 2071 in Gesellschaft von Ben, Mia:o und Yoki aus Berlins berühmtestem Club ins gleißende Licht.
(Vortag: Vorhang auf / Folgetag: Prisma)

Ride Into the Sun

1972
Während Lou Reed 1972 sein erstes Soloalbum Lou Reed aufnimmt–
die Titelliste der B-Side, ein Gedicht:

I Love You (2:16)
Wild Child (4:39)
Love Makes You Feel (3:09)
Ride Into the Sun (3:13)
Ocean (5:04)

–und im selben Jahr auch Transformer (oh such a perfect day, I’m glad I spent it with you), tat ich meine ersten Schritte in Ittigen bei Bern, kein Walk on the Wild Side, leider auch nicht zur Musik von Lou Reed, eher zu Roger Whittaker, Roland Kaiser, Julio Iglesias oder Karel Gott.
Was wäre aus mir geworden, wenn meine Eltern Lou Reed angebetet hätten, mit mir im Huckepack per Nachtzug nach Berlin gepilgert wären, um ihm, David Bowie, Iggy Pop et al in Kreuzberg zu huldigen? Ein Heroinkind?
Stattdessen wurde ich auf jeden Schweizer Berg hoch getragen, verdammt, viel frische Luft in meinen frühen Jahren.
Was 1972 sonst noch geschah: Terror (Olympische Spiele München), Verhaftung Baader/Meinhoff, Watergate-Einbruch.
Die Weltbevölkerung war mit 3,84 Milliarden etwas halb so groß wie

2020 (7,65 Mia.)

Deshalb: Kill Your Darlings!

Womit nicht diese Quinoabrei fressenden Monster gemeint sind, die die Wände Eurer Niedrigenergiehäuser mit Avocadomus verzieren, liebe Fortgepflanzte, ich gebe hier nicht den Herodes. Obwohl.
Möglicherweise tötet ihr gerade Omi&Opi, weil ihr nicht anders könnt, als Euch nah sein, auch im SUV ist nicht genug Raum, Familie! Brutal auseinandergerissen gehört ihr, wie mexikanische Familien in den USA, aber die können nichts dafür.
Neinnein, ihr müsst nicht sterben, gemeint ist mit Kill your darlings! einer der Imperative der Kreativwirtschaft, Ideen fallen zu lassen.

Der Abschnitt (ein Darling ist er nicht, eher ein Mercyfuck) ist als gecancelt zu betrachten.
Obwohl.
Die Weltbevölkerung. Das Klima. Meine Unfähigkeit, Ozeane ohne Mikroplastik zu denken.

Im Februar war das Meer noch mehr als ein Gedanke.

Maison Du Futur

2070
Die Augen von Ben, Max, Mia:o und Yoki gewöhnen sich langsam an die Helligkeit. Trotzdem sehen sie rein gar nichts, about:blank, außer sich selbst, natürlich, umgeben von Weiß, also eigentlich nicht Nichts, sondern die Absenz von Farbe.
„Das ist der perfekte White Space“, jubelt Max, „dass ich das noch erleben darf! So hieß mein Kunstraum in Zürich, White Space nennen Grafiker das Drumrum um die Schrift, was ebenso wichtig ist, wie der gestaltete Raum, das ist wie mit dem Loch, was macht das Loch zum Loch, der Leerraum oder die Umgebung?“ Max tigert rum, will das Nichtnichts umarmen, geht mal in diese Richtung mal in jene, die andern kichern, weil fröhliche Alte immer belustigen. Bald tun sie’s ihm nach, erkunden den Space, weit und breit keine Wände. Max schwärmt weiter, „James Turell würde sich die Haare ausraufen ob solcher Perfektion, Bruce Nauman erst, Monia Sosnowska, Yves Klein!, die perfekte Leere, Le vide.
„Der heißt Calvin“, insistiert Ben.
„Neinnein, Ben, ich meine nicht den mit der Unterwäsche, obwohl, auch schön weiß. Ich meine den Künstler, der ein unendliches Blau patentieren ließ, ein Ultramarinblau, der in Paris einen leeren Galerieraum zum Kunstwerk erklärte–
„Dozier hier nicht rum, Maximilian“, unterbricht Mia:o, „wundere dich lieber, warum Yoki mit einem Mikrofon wedelt.“
X wirft sich in K-Pop-Pose, öffnet das zu zwei Schwänzchen gebundene Haar, schüttelt es zu einer ultravioletten Mähne, holt tief Atem und setzt zum ersten Ton an, doch tritt eine elegant Gealterte in blauem Seidenanzug heran und nimmt dem karaokesozialisierten Geschöpf das Mikro aus der Hand.
„Let me do the singing, darling“, sagt SIE in unverkennbarem Broken English und singt himmlisch los.
„Marianne Faithfull! AbFab! The Last Shout! Ich liebe diese Szene!“ kreischen Max und Ben synchron und werfen sich IHR vor die Füsse. Max mustert Ben skeptisch, aber nicht ohne aufwallenden Stolz. „Du kennst Absolutely Fabulous?“
„Na klar, gehört doch zur Schwulengeschichte.“

We gotta get out of this place
if it’s the last thing we do.
Girl, there is a better life
for me and you.

A propos Weiß, Berge und Skiurlaub:

2 Kommentare

  1. Hi Hotdaddy,,
    das kommt also dabei raus, wenn mann zu Roger Whitaker die ersten Schritte tut. Meine musikalische Sozialisation verlief recht ähnlich, Mireille und Heintje fehlen noch. John Lennon starb allerdings erst 1980.
    I’ll follow you to the better life, in case you find it. Schönen -49. Dienstag!
    Amy

    Gefällt 1 Person

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