Dinkelkruste

Fack ju
Göhte

50×50, Tag 6

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ein heißer Brasilianer flog mit dem Prisma davon, während sich Rainer Langhans im Dschungel mit Kakerlaken paarte und Patti Smith bekifft ins Shoppyland ging. Derweil sich der Autor mit einer Freundin über belästigende Männer und Strap-Ons unterhielt.
(Vortag: Just Kids / Folgetag: Uranus)

#challenge

2020
Es sei keine gute Idee, eine Geschichte damit zu beginnen, dass Eine:r morgens erwacht, heißt es in manchen Schreibratgebern, aufsteht, duscht, Grüntee aufgießt, sein Müsli mit Goji-Beeren anreichert (den Apfel vergisst er heute), sich auf’s Sofa setzt, wo er sich der ZEIT widmen will, es ist Samstagmorgen, er muss nicht zwei Meter weiter ins Home Office.
Also beginne ich damit, dass mich auf einer Werbebeilage ein vermutlich Gleichaltriger grinsend auffordert, meine Geschichte zu erzählen. Ein Blick in die Broschüre offenbart, dass es ein DJ namens Raimund Flöck ist, der sich mit dem legendären Bananenalbum auf dem Oberschenkel in total cooler Pose locker macht. Das Bild lässt mich nicht los. Ob es an der Banane liegt, am knallroten (Kunst?)Ledersofa oder an Raimunds Gesicht, dass, Pardon, eher zu einem Fraktionsmitglied der Grünen im Stadtrats Buxtehude passt, der das Stadtmotto „Schlau, wer schon da ist!“ ersonnen hat. Obwohl sich Grün und eine „funky dance night“ nicht ausschließen, gell, Raimund, dann wird es nämlich „richtig fett“.

Ich akzeptiere, noch bevor ich zurück in die Küche schlurfe, um Kaffee zu kochen, die #challenge und stelle das Foto nach. (Ob es im Sinne der Herausgeberschaft der Zeitung ist, dass sich die Abonnent:innen länger mit den Beilagen als mit den redaktionellen Inhalten beschäftigen?)

#challengeaccepted

Lachsfrühstück mit Pop-Ikonen

1976/2020
Einen Großen Sprung nach Vorne tuend, frage ich mich, ob all die knallroten Mao-Bibeln im Westen wirklich gelesen wurden oder nur ein trendy Accessoire waren. In Woody Allens überdrehter Serie Crisis in Six Scenes (Alle, denen Allen non grata ist, regen sich jetzt bitte ausnahmsweise mal nicht auf) jedenfalls, aktiviert die Lektüre des Roten Büchleins einen Lesekreis älterer Damen. Zum Tränen lachen, wie Woddy Allen die Bourgoisie auf die Schippe nimmt, die mit der Revolte flirtet, um Action in ihre gelangweilte Sattheit zu bringen.

Im Mai 1976 wird Ulrike Meinhof in ihrer Gefängniszelle in Stammheim erhängt aufgefunden.
Im November wurde der bisher größte Massenmörder der Geschichte, Mao, tot aufgebahrt.

Vorwärts, vorwärts, hetze ich mich, der Wochenmarkt ruft! Dort will ich mich zu den anderen Bobos gesellen, um Dinkelkrusten, frische Pasta, violette Biomöhren aus der Lausitz und Lakritz aus Kreuzberg zu erwerben, bemaskt, in langen Schlangen, wo moderne Väter ihre Waldorfschulkinder fragen: „Haben wir noch Brot?“
Wo ich hungrig ankommen werde, denn ich habe ganz vergessen, dass ich mich heute zum zweiten Frühstück mit Lachs verwöhnen wollte, gell, Schatz, wir gönnen uns was.

Maison Du Futur

2066
Unsere kleine Reisegruppe durch Raum und Zeit hat keinen Hunger, wie Max gerade feststellt.
Das Prisma ist leider weg, mitsamt dem heißen Brasilianer, mit dem Max gerne das eine oder andere Unanständige angestellt hätte, die anderen auch, wie er merkt, also fallen sie erneut übereinander her, glittern was das Zeug hält.
„Puh, da bin ich ja zur richtigen Gruppe gestoßen“, stöhnt die mögliche Tochter Grace Jones’.
„More than welcome, wie heißt Du eigentlich?“
„Wanda.“
„Mia:o, Ben, Max, Yoki“, stellen sich alle reihum vor und schauen sich um. Während sie zugange waren, hat sich die Welt wieder im Nichts verloren.
Bis auf den brasilianischen Supermann, der über ihnen kreist wie ein Albatross.
„Come join us“, rufen sie.
Der Fliegende reagiert nicht, hat aber offensichtlich ein Ziel anvisiert und sticht hinunter. Dort wo er landet, steht eine unendlich lange Schlange Wartender.
Die Gruppe gesellt sich neugierig dazu und will die Hintersten fragen, ob es was gratis gebe, oder ob die Clubkultur doch nicht gestorben sei. Ganz gleich wie sehr sie den Anstehenden auf die Schultern klopfen, sie dringen nicht zu ihnen durch. Die Wartenden blicken stur nach vorne, gierige Blicke, seltsam fremdgesteuert.
Es dauert eine Stunde, bis sie den Kopf der Schlange erspähen können. Unterwegs schien kurz die Hoffnung auf, dass sie der Club erwarten könnte und sie wogen schon Taktiken ab, wie sie es schaffen könnten, an der Tür nicht abgewiesen zu werden.
Ihre Instinkte täuschten sie nicht ganz, nur führt der Radar sie dort vorbei, wo einst ein Hain war, direkt zur East Side Mall, auf deren Errichtung ganz Berlin gewartet hatte, damals.
„Macht kaputt was Euch kaputt macht!“, fordert Mia:o, während Yoki magisch vom wunderbaren Schein der Warenwelt angezogen wird. Ein Lichtkegel lupft sie vom Boden, auch Ben hebt ab, sie schweben auf den Eingang des Konsumtempels zu, als es blitzt und donnert und der Leibhaftige vom Auferstandenen niedergeschrien wird: „Macht meines Vaters Haus nicht zum Kaufhaus!“ Während am Himmelsgewölbe der Handelskrieg tobt, nähern sich Yoki und Ben gefährlich dem Höllenschlund.
Max fällt ein Apple I vor die Füße.
‚666’ tippt er in den Holzkasten, worauf Goethe erscheint: „Nun sagt, wie habt ihr’s mit dem Konsum?“

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    neue Brille? Wenn mein Bananencover nicht eingemottet auf dem Strauhaus stünde, dann, ja was?
    Ich hadere ein wenig mit der Kultfiguren-Dichte in deiner Geschichte, obwohl viele davon mir sympathischer sind als die Berliner Wochenmarkteltern. Was hat denn der kleine Mann 1976 erlebt? Da gab es einen Jahrhundertsommer im Moselweinberg und ich war zum ersten Mal an der Nordsee.
    Und könnte es nicht sein, dass es 2066 keine Konsumtempel mehr gibt? So viele Fragen von
    Amy, die dich herzlich grüßt und auch morgen wieder mitliest:)

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Amy
      Mein fünfjähriges Ich wollte sich partout nicht channeln lassen, dafür geht der Sechsjährige morgen in den Kindergarten, versprochen!
      Und staune morgen, wie die Fata Morgana Mall sich in heißer Luft auflöst und die Zukunft dann endlich Fahrt aufnimmt (hoffentlich, denn sie muss ja noch geschrieben werden…,zwischen Grüntee und Lachs…).
      Es ist schön zu wissen, dass Du mitliest (so schreibe ich nie ins Nichts).
      Herzlich, Urs

      Gefällt 1 Person

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