Losgelöst

Vielleicht ist Überschreitung so etwas wie der Blitz in der Nacht, der vom Grunde der Zeit dem, was sie verneint, ein dichtes und schwarzes Sein verleiht, es von innen heraus und von unten bis oben erleuchtet und dem er dennoch seine lebhafte Helligkeit, seine herzzerreißende und emporragende Einzigartigkeit verdankt. Er verliert sich in dem Raum, den sie in ihrer Souveränität bezeichnet, und verfällt schließlich in Schweigen, nachdem er dem Dunkel einen Namen gab.
Michel Foucault, Vorrede zur Überschreitung

50×50, Tag 13

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ich vergaß Beethoven, erinnerte mich aber an Richard Clayderman und trat dem Kulturklub bei. In der Zukunft vergiftete Grace Jones die Zeitreisenden.
(Vortag: Culture Club / Folgetag: In Memoriam)

Flashdance

1983
verbrachte ich Sonntagnachmittage lang in meinem Zimmer (der Prinz hatte ein eigenes Zimmer während die jüngeren Geschwister sich eines teilen mussten) mit einem Kassettenrecorder vor einem Radio und war angespannt, weil ich auf keinen Fall den Anfang der Hits verpassen durfte, die auf dem brandneuen „jungen“ Radiosender DRS3 in der Schweizer Hitparade („Bestseller auf dem Plattenteller“) liefen. Noch schlimmer: Die Mutter platzte ins Zimmer wegen der Lautstärke und verdarb damit die saubere Aufnahme von Peter Schillings „Major Tom“. Völlig aufgelöst saß ich dann da und musste hoffen, dass der Hit das nächste Mal wieder gespielt werden würde.

Zwischenbemerkung für Leser:innen, die sich heutige Technologien gewohnt sind: Es war damals nicht selbstverständlich, dass mit ein und demselben Gerät Radio gehört und aufgenommen werden konnte. Ergo musste das Eine an das Andere gehalten werden. A propos Technik: In den USA kam 1983 das erste, 800g schwere Mobiltelefon auf den Markt.

Im Sauseschritt nahm ich währenddessen DÖFs Codo auf, Nenas 99 Luftballons, wiegte mich zu What a Feeling (ohne auch nur eine Zeile zu verstehen. Flashdance würde ich erst später sehen), sicher auch Holiday von Madonna und natürlich: Thriller!
Das Video dazu schaute ich bei der Nachbarstochter, die hatten Sky Channel. Wenn deren Vater nicht gerade vor dem Fernseher fläzte (was er meistens tat) sahen wir uns Musikvideos an. Ihr Vater übrigens, hatte einen langen Stecken, um die Sender vom Bett aus zu wechseln.

Hitler und HIV

Aus Deutschland interessierte mich damals wahrscheinlich der Sonderzug nach Pankow mehr als die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher im Spiegel.
Dieser titelte im selben Jahr: „Tödliche Seuche. AIDS. Die rätselhafte Krankheit“. Noch konnte ich die Tragweite dessen, was da langsam ans Licht kam, nicht abschätzen, nicht ahnen, dass Millionen Menschen kläglich verrecken würden, auch weil Präsidenten wie Reagan zu Beginn einer der tödlichsten Pandemien schwiegen. Wir pubertierten in eine potenziell tödliche Sexualität hinein, anfänglich war nicht einmal klar, ob Küssen safe ist*. Kondome wurden quasi zur Pflicht und Sex mit dem gepaart, was ihm maximal widerspricht: Vernunft. Noch schlimmer, der moralische Kurzschluss: „Wer sich nicht schützt, ist selber schuld.“ Womit auch heute noch Menschen stigmatisiert werden, die sich infizieren.

PrEP

2020
1983 war ich noch weit entfernt von meinen ersten sexuellen Erfahrungen. Bis vor Kurzem hing über jeder das Damoklesschwert HIV. Natürlich war meistens ein Gummi drum, aber nicht immer. Was folgte, waren Wochen der ängstlichen Gewissenbisse bis zum negativen Resultat; dieses christliche „Auf Exzess folgt Strafe“, das bürgerliche schlechte Gewissen, die Grenzen überschritten zu haben. Schwüre, nie, nie mehr ohne Kondom (ungefähr so wirksam wie Kein Sex vor der Ehe).
Dann wurde HIV zur chronischen Krankheit.
Heute kann ich mich davor schützen, indem ich PrEP nehme. Eines der HIV-Medikamente, Truvada (resp. Generika), wirkt auch präventiv. Da ich eher selten Sex habe (derzeit sowieso), schlucke ich die Pille anlassbezogen nach der Zweierregel (mindestens zwei Stunden vorher zwei Tabletten und die nächsten zwei Tage danach jeweils eine).
Damit darf ich als älterer Mann eine sexuelle Befreiung erleben, die manchmal ein bisschen melancholisch stimmt, weil mir klar wird, wie unheimlich belastet ich davor war.

Maison Du Futur

2059
Unsere verzauberte Reisegruppe folgt Grace Jones fröhlich singend auf die Erde.
Ihr Gesang erstirbt, als sie im Jahr 2059 im Silicon Valley zwischen rauchenden Ruinen zahlreicher Campusse landen. Kreidebleiche Techies rennen den Zuckerberg hinunter wirr durcheinanderschreiend, „Sicherung durchgebrannt“, „Apokalypse“, „Singularität“, „Cyberwar“, „autonome Waffen“, „Nanokrieg“ sind Fetzen.

Am Himmel erscheint das Konterfei von Johnny Depp: „Fürchtet Euch nicht vor der Transzendenz!“
„OMG!“, ruft Ben, „der hat sich tatsächlich hochgeladen und kontrolliert nun die Menschheit.“
Nur Max weiß, wie man den Deppen vom Himmel holt. Er bittet Yoki, ihre iBubble zu aktivieren und zeigt ihr ein Video, das sie holografieren soll. In den Ruinen nimmt ein güldener Käfig Form an, darin ein apartes Wesen zwitschert. „Joe le taxi“, schmachtet es so süß, dass der Johnny am Himmel seine Daten zusammenzieht und zum Vögelchen in den Käfig fliegt.
„Jetzt! Die Memes!“
Yoki feuert Trilliarden Katzenbilder aus dem WWW in den Holokäfig. Unter Wehgeschrei materialisiert sich der Möchtegerngott vor den Füssen der Reisegruppe und lädt diese augenzwinkernd zur Erholung in die Karibik ein.

*Das Skandalöse am Spiegel-Cover ist, dass eine Berührung zwischen erotisiert dargestellten Männern durch ein diffuses Virenbild verdeckt wird und damit insinuiert, bereits das Zusammenstehen sei tödlich. Noch fataler (weil im Kurzschluss tödlicher): Es betrifft (nur) Männer, die mit Männern sexuelle Handlungen vollziehen.

Eingangzitat aus: Michel Foucault: Vorrede zur Überschreitung. In: Ästhetik der Existenz. Suhrkamp, Frankfurt a.M., 2007, S.12

1983 wurde auch die Deutsche Aidshilfe gegründet.

2 Kommentare

  1. Ui, ui, ui, die Jugend beginnt. Glücklicherweise hatte ich meine Freundin Inge (https://digitalschreiben.wordpress.com/2020/08/22/too-shy-every-summer-has-a-story/), die mir Mixtapes aufnahm und sogar zu Flashdance ins Kino schleppte. Von AIDS habe ich frühestens zwei Jahre später gehört, als Rock Hudson starb, ich lebte wohl schon damals in meiner eigenen Blase, in die bis eben PrEP auch noch nicht vorgedrungen war.
    Gerade ist mir klar geworden, dass auch die Zukunft voller Vergangenheit ist. Darauf höre ich erst mal Vanessa Paradis. Hab ein entspanntes Wochenende, hugs: Amy

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Amy
      Erst der Tod Rock Hudsons hat uns AIDS definitiv deutlich vor die Augen gehalten und konnte nicht mehr ignoriert werden. Zugleich wurde allen unbestreitbar klar, dass auch er schwul ist.
      Ich schau jetzt mal bei Inge vorbei :-)
      Herzlich, Urs

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