In Memoriam

Most men don’t do femininity well, mostly because in our culture it’s forbidden. But I think everyone–just once in their lives–should wear a dress, work a wig, and slip on some pumps!
RuPaul, Lettin It All Hang Out

50×50, Tag 14

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ich nahm die „Bestseller auf dem Plattenteller“ auf, las nicht Hitlers Tagebücher und konnte noch nicht ahnen, was AIDS wirklich bedeutet.
Die Zukunftsreisenden holten Johnny Depp vom Himmel.
(Vortag: Losgelöst / Folgetag: Saures)

Was guckst Du, Schwuler!

2020 (1984)
Vieles geht vergessen, z.B. Rondò Veneziano, denen weint keine Taube nach.
Ich denke nicht immer dran, dass die heteronormative Welt da draußen mir Schwuler nicht unbedingt wohlgesinnt ist. Bis mich kürzlich wieder Einer, mit dem ich mich nicht hätte anlegen wollen, mitten am Tag auf offener Straße (Kreuzung Potsdamer/Kurfürsten) anschrie: „Was guckst Du, Schwuler!“ Dabei fiel mir nur sein breit bereiftes Angeberfahrrad à Harley auf, mit dem er mich auf dem Trottoir fast überfuhr. Ich war unweit des Schwulenviertels rund um die Motzstraße, hätte mich unter Meinesgleichen flüchten und einen Kurzen auf den Schreck kippen können. Konnte ich nicht, weil es nach wie vor keine legale Möglichkeit gibt, mich unter schwanzlutschenden und arschleckenden Schwuchteln zu vergnügen. Das, was ‚Szene’ heißt und Safe Space ist, kann nicht mehr stattfinden.

Ich darf nie vergessen, dass mir auch hier die Welt feindlich gesinnt ist. Mich bedrohen nicht nur Viren sondern zuvorderst: Hass. Auch in einem relativ sicheren Staat wie Deutschland nehmen Verbrechen gegenüber LGBTIQ*-Personen zu.

Reale Dystopien

In meiner Blogreihe bin ich im Jahr 1984. Wir müssen nicht den gleichnamigen Roman von Orson Welles lesen, um zu wissen, dass das reale Leben im Jahr 2020 für unzählige Menschen weltweit eine grässliche Dystopie ist.
Meine Kerzen am heutigen 4. Advent zünde ich in Gedenken an all diese Menschen an.

Die erste Kerze brennt für Alle, die auf der Flucht sind (oder auf dem Grund des Mittelmeers liegen).

Die zweite Kerze brennt für Jene, denen toxische Männer (resp. patriarchale Strukturen) das Leben zur Hölle machen.

Die dritte Kerze brennt für die 25-35 Millionen HIV-Toten und die rund 690’000, die 2019 an HIV starben.

Die vierte Kerze beleuchtet eine Weltkarte, welche die überhaupt nicht feierliche Situation von LGBTIQ*-Menschen illustriert. Weil eine bunte Karte das Grauen nicht abbilden kann, hier ein Fokus (die Liste könnte sehr, sehr lange werden):

  • In Tschetschenien werden Schwule vom Staat verfolgt, gefoltert und abgeschlachtet.
  • Fast täglich wird auf der Welt eine Trans-Person ermordet.
  • Im Iran werden Schwule öffentlich gehängt.
  • Polen besteht großflächig aus LGBTI-freien Zonen. Duda, der einen LGBTI-feindlichen Wahlkampf führte, wurde deutlich wieder gewählt.
  • Die ungarische Verfassung ist seit Dezember 2020 LGBTI-feindlicher: Dort steht jetzt u.a., dass das Geschlecht bei der Geburt feststeht und nicht veränderbar ist. Ebenfalls dürfen LGBTI in Kindergarten und Schule nicht positiv dargestellt werden.
  • In der Türkei soll es für unter 18-Jährige nicht mehr erlaubt sein, Produkte zu kaufen auf die ein Regenbogen gedruckt ist, las ich heute im Brief aus Istanbul.

Filmtipp: The Invisible Men, ein eindrücklicher Dokumentarfilm über palästinensische Schwule, die weder in ihrer Heimat noch in Israel sicher sind (zu sehen u.a. auf Amazon Prime).

Immerhin: In der Schweiz kam die Ehe für Alle letzte Woche endlich durch das Parlament. Die rechtskonservative EDU (Evangelisch Demokratisch Union) will dagegen das Referendum ergreifen (wofür sie 50’000 Unterschriften sammeln muss). D.h. das Volk wird wahrscheinlich abstimmen. Über 80% dieses Volkes stehen aber hinter der Vorlage.

Ketzerische Kerzen

Eigentlich könnte ich in eine Kirche gehen und dort vier ketzerische Kerzen anzünden.
Ich könnte dabei achtlos Flüstern und als Nicht-Katholik (Such a Shame!) in einen Beichtstuhl zum Talk Talk, würde dort aber sicher die Selbstkontrolle verlieren und dem Pfaffen unter den Talar greifen, Relax! beföhle ich, ich rufe doch nur, um zu sagen, dass ich dich liebe. Der Überrumpelte haucht mit Engelsstimme dies sei jenseits von Eden.
Na dann, antworte ich, komme ich halt in Japan groß raus. Danach: Frankie goes to Hollywood! „Sade“, ruft er mir nach, als der Regen beginnt zu fallen.

Maison Du Futur

2058
Auf dem Sunset Boulevard in Hollywood treffe ich mein Altes Ego, das sich eifersüchtig vor den zum kalifornischen Beefcake gestählten Ben stellt, der mit Vanessa, Johnny, Grace und dem ganzen wilden Bunch in einem Diner vor Milkshakes sitzt.
„Oh hiiiiiiii“, rufe ich in die Runde und gebe Luftküssschen, schmatzschmatzschmatz, „I don’t know how I got here, but I like it. Hat eine:r das Drehbuch?“ Kopfschütteln.
Shake schlürfend verbringt die Gruppe den Sonntagnachmittag, nur unterbrochen vom Waiter mit dem Nametag „Frankie“, der im Minutentakt mit einer Kaffeekanne an den Tisch tritt, Tassen auffüllt und sich zahnseidig smilend erkundigt, ob Alle zufrieden seien.
Is there anything else I can do for you?
NOOOOOOO.


RuPaul: Lettin It All Hang Out. An Autobiography. Hyperion, New York, 1995. (Hervorhebung übernommen)

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