Saures

Knock, knock,
ich sehe etwas, was du nicht siehst,
es ist ein Ding, dessen Saft mir beim Essen übers Kinn und
meine Brüste läuft,
oh mein Gott, ich will gleich noch eins.

Strike that.
Dorothee Elmiger, Aus der Zuckerfabrik *

50×50, Tag 15

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ich zündete Kerzen an für Flüchtlinge, Opfer des Patriarchats, HIV-Tote und Opfer von Hassverbrechen.
(Vortag: In Memoriam / Folgetag: Challenge)

Gänggälä

Heutzutage toben Kinder vor Parlamenten, nicht vor Süßigkeiten an Supermarktkassen.
Wir hatten 1985 auch nicht nur Süßes im Kopf, außer im Thuner Strandbad, „Strämu“ genannt, dort ‚kitschten’** wir am Kiosk Softeis oder saure Zungen, bevor wir vor dem sauren Regen von der Liegewiese an den Schermen flüchteten und von dort aus dem Wald beim Sterben zuschauten.

Dieser hat, so wie ich, ein paar erstaunliche Jahrzehnte weitergelebt und stirbt jetzt doch, nicht am Borkenkäfer, sondern an Hitze und Trockenheit und Abholzung und Brand. Vielleicht verschwindet er bald mit mir vom Planeten, so wie seit 1970 fast 70% der Fauna.
Mir war doch, da sei was gewesen, als ich Teenager war, Igel, Dachse, Vogelgekreische, Insektenmyriaden an jeder nächtlichen Lichtquelle. Heute? Ein paar müde Mücken.

Vordringlichstes Thema anno 1985 war allerdings der Hunger. Die Bilder der ausgemergelten äthiopischen Kinder mit geblähtem Bauch und Fliegen in den Augen haben sich für immer eingeprägt.

There comes a time when we heed a certain call
When the world must come together as one
There are people dying
Oh, and it’s time to lend a hand to life
The greatest gift of all

We can’t go on pretending day by day
That someone, somehow will soon make a change
We’re all a part of God’s great big family
And the truth
You know love is all we need

We are the world, we are the children
We are the ones who make a brighter day so let’s start giving
There’s a choice we’re making we’re saving our own lives
It’s true we’ll make a better day just you and me

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2020 meint der Tagesspiegel online zu mir: Das könnte Sie auch interessieren. Ich kann mich kaum zurückhalten. Ich entscheide mich, Morgengymnastik zu machen (Happy Birthday Jane Fonda!)

Derzeit sterben wieder mehr Menschen an Hunger. Mit 690 Millionen unterernährten Menschen sind wir vom Zero Hunger-Ziel 2030 weit entfernt.

1985 starb Rock Hudson an HIV. Damit wurde allen bewusst, dass die „Schwulenseuche“ auch prominente Opfer fordert. Reagan erwähnte im gleichen Jahr erstmals öffentlich das Wort AIDS.

Maison Du Futur

2057
Der Waiter kommt nun schon zum fünfzigsten mal an den Tisch, tut die gleichen präzisen Schwenks über den Tassen und schenkt allen Sitzenden ein Lächeln. Es könnte am Koffein liegen, aber Max scheint, als höre er in den Gelenken des fleißigen Mitarbeiters Zahnräder. Weil Yokis iBubble im Gedankenlesemodus ist, erklärt sie: „Das ist ein WaitXP, deshalb kommt er auf die Sekunde genau jede Minute am Tisch vorbei, geleitet von CPS.“
„CPS?“
„Cosmic Positioning System. Daran wurde die Erde angeschlossen durch die ‚Intaker‘ aus der Galaxie SamsaraX35, die 2050 zur großen Konjunktion mit unserer Galaxie ansetzte und mit der sie sich seither in einem kosmischen Eiertanz befindet.“
Wie auf Kommando beginnt die Jukebox am Tisch zu rattern. Zum Sound von Cosmic Dancer sprüht sie Disconebel über den Tisch, Sternchen glitzern in allen Farben und rahmen das Gesicht Gottes, also Nick Caves, der alleine an einem Piano sitzt und T-Rex covert.

I was dancing when I was twelve
I was dancing when I was twelve
I was dancing when I was out
I was dancing when I was out

I danced myself right out the womb
I danced myself right out the womb
Is it strange to dance so soon?
I danced myself right out the womb

I was dancing when I was eight
I was dancing when I was eight
Is it strange to dance so late?
Is it strange to dance so late?

I danced myself into the tomb
I danced myself into the tomb
Is it strange to dance so soon?
I danced myself into the tomb

Is it wrong to understand
The fear that dwells inside a man?
What’s it like to be a loon?
I liken it to a balloon

I danced myself out of the womb
I danced myself out of the womb
Is it strange to dance so soon?
I danced myself into the tomb
But then again
Once more

Max weint. Er vermisst das Tanzen ganz fürchterlich.
Als Gott der Blicke gewahr wird, hört er auf und verkündet, er lebe nunmehr seit 20’000 Tagen in diesem Nebel. Man möge ihn endlich erlösen, meinetwegen auf dem elektrischen Stuhl, er sei nicht kitzelig. Man hole ihn doch endlich in den Kreis seiner Jünger!
„Jünger:innen bitte!“
„JüngX, noch lieber.“
„Just say they.“
Wie auch immer. Cave schiebt den Himmel beiseite. Children, rejoyce! „Wir sind fast vollständig, die Welt zu retten. Aber ohne Bargeld kommen wir nicht weiter. Blixa! Blixaaaaaa!“
Aus der Jukebox tritt polternd der Barde, beklagt sich über die Störung seines ruhigen Lebens, verstummt aber sofort, als er Grace Jones erblickt und ehrfürchtig erbleicht.
„Der kann tatsächlich noch bleicher werden!“, kreischt Mia:o und wird von einem solch stoischen Blick niedergerungen, dass wir fürchten müssen, sie erstarre zur Salzsäule.

„Geht denn die Welt unter?“, fragt Max irritiert in die Runde, „mir schien sie doch eben noch ziemlich intakt um die Sonne zu fliegen.“
„Du warst doch auch im Nichts mit uns!“
„Das war doch nicht Nichts, dieses Nichts.“
„Also mir hat’s auch gefallen“, wirft Ben ein.
„Aber in diesem ewigen Weiß wart doch nur ihr“, gibt Wanda zu bedenken.
„Es war nicht weiß, es war Licht, davor war alles Schwarz, nur damit Du es weißt.“
„Hört auf ihr bunten Vögel!“, beendet Blixa das Gespräch, schnippt mit den Fingern „Mi Scusi!“, worauf die Gruppe durch den hauchdünnen Abstand zwischen Jupiter und Saturn konjugiert wird, direkt in den Wassermann, der sie breitbeinig empfängt.

* Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik. Hanser, München, 2020. S.76 (Zeilenumbruch übernommen)

** Viel schöner ist „gänggälä“, aber cool wie wir waren, sagten wir „kitschä“, wenn wir unser Taschengeld an Kiosken für Schleckereien ausgaben. Oder hieß es nur in Thun so und im 30km entfernten Bern anders? So wie Elästerlä (von Elastik) oder Gummitwistlä (für Gummitwist)? Obwohl ich mit Vierzehn solche Mädchenspiele natürlich nicht mehr spielte. Ich doch nicht. Sicher.

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