Lazarus

Hetero
Macht auch nicht froh

Ralf König, Der bewegte Mann, 1987

50×50, Tag 17

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Vor dem halbseitig grünen Roten Rathaus weigerte sich Max auf den Wagen zu steigen. Stefanie Sargnagel kiffte sich die Hucke voll und ich realisierte, dass ich ARBEITEN muss.
(Vortag: Challenge / Folgetag: Uckermark)

Frölein Küenzi

1987
Obwohl mein Klassenlehrer meinte, mein Französisch sei schlecht, schaffte ich die Aufnahme als Lehrling zum Bahnbetriebsdisponent SBB.
Die Lehre trat ich mit einer Dauerwelle an, die mir die Frisöse zur Konfirmation verpasst hatte. Ich sah aus wie ein Schaf. Weil ich nie mehr eine Frisur wollte, ließ ich mir später die Haare wachsen. So lange, dass ältere Damen am Bahnhofsschalter mich mit „Frölein“ begrüßten, bevor sie „Bern retour“ bestellten und ich ein Kartonbillet durch die alte mechanische Druckmaschine rattern ließ.

Zu meinem Leid musste ich Uniform tragen, in der ich mich sehr unförmig fühlte. Ich zog mich immer am Bahnhof um, zu sehr hätte ich mich geschämt, kratzstoffig bekleidet morgens den Zug zur Arbeit zu besteigen. Der Stolz meiner Mutter war mir ein Dorn. Auf keinen Fall wollte ich der „anständige junge Mann“ sein, den vor allem Frauen in mir sahen. Viel lieber wäre ich ein bewegter Mann gewesen. Hätte ich damals doch schon von Ralf König gewusst! Überhaupt, dass ich schwul war. KRAAISCH! Wie auch immer, die Gesellschaft und was sie denkt, hätte mir egal sein können.
Who is society? There is no such thing! Gab Thatcher 1987 zum Besten.
Gleiches würde ich bald über Gott sagen.

Jungsch

Noch war ich aber im Übergang von der Jungschar zum vollen Mitglied der Gemeinde für Urchristentum (GfU) in Thun und wartete auf ein Pfingstwunder. Möge ich in Zungen reden!
Die „Jungsch“ war nicht viel anders als die „Pfadi“*, außer, dass gebetet wurde und die Lieder gospelig-christlich waren. Ich nahm das durchaus ernst, schließlich tat ich alles mit Inbrunst.

In einer Aufführung der Gemeindejugend spielte ich Lazarus, wurde von den Toten erweckt und kroch bleich aus dem Grab. Nur die Nase, die leuchtete knallrot, sie war einfach nicht tot zu schminken.

Zeitgleich las ich Charles Bukowski und Henry Miller. Es war damals, als ich schwor, dass ich auch noch als über 60-Jähriger viel Spaß haben werde. Versuchte ich, mir beim Wichsen Möpse vorzustellen? Vielmehr interessierte mich ein Typ aus der Jungschar, ein Bodybuilder. Der schwängerte aber noch als Minderjähriger eine Ältere aus der Gruppe, ein Skandal.

Wahrscheinlich ahnte ich, dass meine Zeit mit Gott zu Ende gehen würde, jedenfalls wäre ich als ‚unbelehrbarer Homosexueller“ ohnehin aus der Gemeinde ausgeschlossen worden, hätte ich gewagt, mich zu outen.

Rimini

Bis zum Coming Out, bis ich meine heterosexuelle Hülle abwerfen würde und als Schwan von den Toten auferstünde – ich übertreibe nicht, ich starb tausend Tode auf dem Weg von den ersten wirren Gefühlen zur Selbstakzeptanz und Offenbarung – bis zu meinem Coming Out dauert es noch.

Vorerst saß ich mit der Nachbarstochter vor die Kiste und glotzte MTV (brandneu!).

Voyage, voyage, sang Desireless und nichts konnte uns mehr stoppen. Mein erster Urlaub mit anderen „Stiften“ in Rimini war keine Sünde, obwohl wir literweise alles becherten wo Alkohol drin war, bevorzugt Campari.

Im selben Jahr riss der Himmel über Berlin auf, ein Film der alles enthielt, von dem ich träumte, schwermütig romantisch, Nick Cave, Crime and the City Solution, diese Stadt, diese Stadt !, in 20 Jahren würde ich in ihr wohnen.

2020
In der Gegenwart verlasse ich Berlin, fahre ich im Bummelzug in die Uckermark, wo ich mit Freunden Weihnachten verbringe.

Maison Du Futur

2055
Mia:o, Yoki, Ben, Blixa, Nick, Paul B., Grace, Wanda und Max sitzen auf dem holpernden Transporter und werden über weite Felder gefahren, der Weizen so gülden sich im Winde neigt, es fehlt nur noch Richard Gere. „Wait!“, ruft Grace, „there’s something wrong! Sollten wir nicht Spargel stechen? Dann kann der Weizen doch nicht schon reif sein, oder?“
Die anderen staunen ob der Fruchtfolge-Kenntnisse der Sängerin.
„Schaut mich nicht so an! Ich war dabei als Agnes Denes in Manhattan ein Feld anpflanzte. Beautiful piece, beautiful.“
„Wir sollten uns vielmehr fragen, warum es überhaupt noch Menschen braucht, Felder abzuernten“, wirft Ben ein und schaut die munter singenden Gestalten neben sich fragend an.
„Wer sagt denn, dass wir Menschen sind?“
Die Strohhüte der Erntehelfer:innen beginnen zu rotieren, die Schädeldecken heben sich und geben den Blick frei auf blau hinterleuchtetes Kabelwirrwarr. Die Harvestoiden heben eine Hand und zielen mit Zeigefingern auf die Herzgegend der Echten. Die Fingerkuppen klappen mit einem Klick herunter und Kabel züngeln sich an den Körpern der vor Schreck Erstarrten fest. Bevor auch Yoki einfriert, schafft sie es, den Notfallknopf ihrer iBubble zu drücken.
Dann wird es still.
Aber nicht lange, denn der Notruf wurde empfangen. Auf einer Drohne stehend, die Arme strahlend ausgebreitet, fährt vom stahlblauen Himmel herunter, ein verkündendes Wesen: „Ich bin Miss Novice und ich gebiete Euch im Namen der Gurke, haltet ein!“ Mit scharfen Blicken verbrutzelt sie die offenen Elektrohirne und saust nach vollbrachter Tat davon wie Cher in The Witches of Eastwick.
Zurück auf der Ladefläche bleibt unsere kleine Reisegruppe und ein Karton Wein von der Mosel.

* Pfadfinder

11 Kommentare

  1. Lieber Autor, diesmal weiß ich gar nicht, womit anfangen. Mit der Dauerwelle (!), der ich immer widerstand, mit der Verkörperung biblischer Gestalten, die wir gemein haben und die mir eine Lieblingszeile von Plath hochbringt „out of the ash i rise with my red hair and eat men like air“ (1987 kam mein Kopf hennarot aus London zurück), mit dem Himmel über Berlin, an all dem bemerke ich den gleichen Jahrgang.
    Und mein Cameo-Auftritt erfüllt mich mit Ehre:) Lieber würde ich allerdings Rheinhessenwein vorbeischicken.
    Lieber Urs, habe ein intensives, freudiges Fest auf dem Lande! Herlichst: Amy

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Urs,
    die Dauerwelle, ich erhielt sie und ruinierte meine Haate, sag aus wie ein Pudel und auch noch stolz darauf, nein, ich hatte mich gegen die Banklehre und aus Mangel an Alternativen fürs Abi entschieden, danach sechs Wochen Ferienjob, schwere Profile verpacken und schuften für damals viel Geld und noch mehr Resprkt vor den Frauen die diese schwere Arbeit ihr Leben lang machten, dann zwei Wochen Mallorca zur Belohnung, danach Studiun, war BWL und auch nicht das richtige, das kam erst ein Jahr später …
    Liebe Grüße,
    Sabine

    Gefällt 1 Person

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