Irreversibel

The weight of the world
is love.
Under the burden
of solitude,
under the burden
of dissatisfaction

Allen Ginsberg, Song

50×50, Tag 22

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Die Eidgenossenschaft feierte nicht meinen Zwanzigsten sondern ihren 700sten, meine sexuelle Orientierung begann zu vibrieren und in der Zukunft hat Max seine statistische Lebenserwartung erreicht.
(Vortag: Cage / Folgetag: Zombie)

Tutu

1992
Es soll auch 2020 noch Menschen geben, die meinen, Mann werde schwul. Um junge Männer sei es geschehen, wenn sie Regenbogenfahnen erblickten, geschwungen von Horden pädophiler Homos, die nur darauf warten, rechtschaffene Jungmänner mit XXL-Schwänzen zu entjungfern und sie so lange penetrieren, bis sie HIV-Positiv sind und sich federboabewehrt ihrer heterosexuellen Bestimmung verweigern, dem Patriarchen sieben Enkel zu zeugen.

Da ich 1992 immer noch mit keinem Mann Sex hatte, kaufte ich mir ein Tutu, tänzelte durch die Thuner Innenstadt und endete jeden Satz mit KRAAAISCH! Das war mein Coming Out.

Natürlich nicht. Trotzdem sollte es nach meinem Coming Out (von dem ich woanders erzähle) noch Jahre dauern, bis ich endlich einen Mann küsste. Ich war ein extremer Spätzünder, extrem schüchtern (wenn es um Anmache ging), extrem exaltiert (wenn es um alles andere ging) und reifte in einer Kleinstadt heran. Irgendwann nahm mich ein paar Jahre älterer Freund mit in den Ursus-Club ganz unten in der Berner Altstadt, vor der Nydeggbrücke, an deren anderem Ende der Bärengraben liegt.

Vielleicht hätte ich meine Unsicherheit mit Muskeln und Männlichkeit tarnen sollen, stattdessen lief ich zeitweise herum wie Milva (meine rückenlangen Haare rot gefärbt) und überspielte den Selbsthass scharfzüngig, schließlich war ich auf dem Weg, ein Mann des Wortes zu werden, hin zur Matura, die ich die kommenden drei Jahre nachholen würde.

Tanzverrückt, angefixt von den ersten House- und Technopartys; meine Generation eroberte damit die Straßen, schwul wurde cool, Pride und Streetparade und Loveparade, überhaupt die ganze Clubszene, eine große Melange der Hedonistischen Internationale.
Ich war eine Mischung aus Politschwester und Tunte. (Heute wechselte ich wohl monatlich mein Pronomen. Aus Lust an der Provokation.) Judith Butlers „Gender Trouble“ erschien erst am Horizont, es würde noch Jahrzehnte dauern, bis die Sonne über der Queer-Theory aufginge.

Der Papst freute sich

2020
Ich verstehe meine Homosexualität immer noch vordringlich als politisch, vielleicht auch, weil es ewig dauerte, bis ich endlich mit einem Mann vögelte (als Nicht-Praktizierender habe ich dem Papst sicher Freude bereitet).
Besonders jetzt, wo mir der Zugang zur Szene verwehrt bleibt und ich mich zunehmend wieder andersartig und ausgeschlossen fühle.
Zumal es nie aufhört, nicht bis ich gesellschaftlich und sexuell unsichtbar werde, also wirklich alt, dass ich gefragt werde, ob ich eine Freundin habe, wie kürzlich im Gym von einem aparten Jungen aus einem fernen Land. Worauf ich mit einem knappen Nein antwortete, nur um mich später zu grämen, über die Halbwahrheit und an all die Gespräche überall auf dem Globus denkend, die immer mit der Frage beginnen, wo denn Frau und Kinder seien (o.ä.). Die Wahrheit könnte gefährliche Konsequenzen haben, weil ein großer Teil der Welt mir feindlich gesinnt ist.
Die Welt beginnt vor meiner Haustüre.

Maison Du Futur

2050
Mia:o ist 39, Ben 29 und Yoki hat kein Alter.
Das schreibende Ego hadert mit der Frage, ob sein Alter Ego, der 2050 79-jährige Max, die Erfüllung der Klimaziele erleben wird, oder das Meer bei Spandau. Würde Max wahrhaftig sagen können: „Nach mir die Sintflut?
Oder wurden aus dem Mikroplastik aus den Weltmeeren blühende Inseln geformt?
Haben die Menschen ihren materiellen Konsum durch immateriellen ersetzt?
Erhält jedes Frischgeborene ein Klimaguthaben?
Sind sämtliche Waffen verschrottet?
Ist der Weltfrieden nicht mehr pathosbehaftet?
Ist Gott endlich tot oder herrscht der Antichrist?
Wird sich Max vornehmlich um seinen Ischias kümmern, sich eincrèmen lassen, von gutgebauten Pflegern in knappem Höschen, an einem Pool in den Hills über L.A.?
Sagt er zu Mia:o, Ben und Yoki:
„It’s the same thing in reverse.“

Eingangszitat: Erste Strophe aus Allen Ginsberg: Song. San Jose, 1954. In: Selected Poems 1947-1995. Penguin, London, 1997.

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    ich lese wieder begeistert mit und rückwärts nach, mein Lieblingssatz heute:
    *Die Welt beginnt vor meiner Haustüre.* Ist gerade in diesem zurückliegenden Jahr einer, der aus einer Pfütze vor der Tür ein tiefes Meer werden lässt …
    Ich bin beei druckt wie du jeden Tag die drei Zeitebenen sprachlich miteinander verbindest, ganz du, eine geniale Schreibidee,
    liebe Grüße,
    Sabine.

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Mia
      Auch rückwärts lesen klappt offensichtlich ganz wunderbar! Möge das Meer dort bleiben wo es ist und Du immer wieder schöne Bilder davon posten!
      Herzlichen Dank für Deine motivierenden Kommentare und liebe Grüße, Urs

      Liken

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