Ursus

Ich feiere Silberne Hochzeit mit mir selbst, werde an der Berner Pride nostalgisch und Mani Matter entfacht einen Weltenbrand

Vor 25 Jahren hatte ich mein Coming Out. Das ging so: Anfang 90er kam ich aus New York zurück und saß mit einer Freundin zusammen. Wir zwei wären ein Traumpaar gewesen. Sie: Aber Du stehst auf Männer, oder?

Gold und käuflicher Sex

Ein Vierteljahrhundert später feiere ich die Silberne Hochzeit mit meiner sexuellen Orientierung in Bern an der Pride auf dem Bundesplatz. Als ich noch in der Hauptstadt wohnte, war hier noch ein Parkplatz. Rund ums Parlament setzten sich Junkies Spritzen und nachts schafften Nutten an. Geflankt ist der Platz von Banken. Gold, käuflicher Sex und Heroin vor den Augen der Politik – ein Sinnbild für die Doppelmoral der Schweiz. Heute ist der Bundeplatz mit edlem Valser Gneis gepflastert und wenn nicht gerade eine Demonstration stattfindet, planschen Kinder zwischen 26 Wasserfontänen, die die Kantone symbolisieren sollen.

Ter Fögi isch e Souhung


Heute spricht Bundesrätin und Justizministerin Simonetta Sommaruga zu uns sexuell Devianten. Sie täte gut daran, ihre wohlwollenden Worte in Gesetze zu gießen, denn die Schweiz hinkt der Gleichstellung arg hinterher. Sie belegt europaweit den beschämenden sechsundzwanzigsten Platz, unter anderem weil es keine Ehe für Alle gibt und homophobe Äußerungen nicht strafbar sind.

Ludwig, Co-Gründer Tolerdance

Wenn ich nach Bern fahre wird mir trotzdem immer warm ums Herz. Das schlägt schon höher wenn ich bei der Einfahrt in den Bahnhof das postkartenidyllische Alpenpanorama erblicke.

http://www.myswitzerland.com
glatzKaufe ich später bei der Bäckerei Glatz ein Mandelbärchen, muss ich breit grinsen, weil ich vergessen habe, wie langsam die Berner meinen eigenen Dialekt sprechen. Da gibt es kein Gedränge an der Theke, die Verkäuferin nimmt sich alle Zeit der Welt, jeden Kunden (sie weiß genau, wer als nächstes dran ist) mit gedehntem „Grüessech, was hättet dr gärn? Darfs süsch no öppis sii? Söuis iipacke? Das macht füf Franke, bitte. Merci viu mau, e schöne Tag öich no, Ufwiederluege.“, zu bedienen. In der Zwischenzeit hätte ich Thomas Manns Zauberberg gelesen. Oder „ter fögi isch e souhung“ (Der Fögi ist ein Sauhund) von Martin Frank, eines der wenigen auf Berndeutsch verfassten Bücher. Der Roman sorgte 1979 für Aufsehen, weil sich darin der 16-jährige Beni in den zehn Jahre älteren Rockmusiker und Junkie Fögi verliebt. Beni wird im Laufe des Liebesdramas sogar auf den Strich gehen, um Fögis Sucht zu finanzieren.

Die Blaue Stunde

1999 verfilmte Marcel Gisler den Roman (Trailer). Ein anderer Film von Gisler, „Die Blaue Stunde“, der von der Freundschaft eines Callboys zu seiner Nachbarin erzählt, weckte 1993 meine Lust auf Berlin.
Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis ich von der einen Bärenstadt in die andere ziehen würde. Vorerst feierte ich Anfang Neunziger meine ersten Schwulenparties im Ursus Club – ennet der Nydeggbrücke befindet sich der Bärengraben – und am Tolerdance, der monatlichen Party, die dieses Jahr auch ihr 25-Jähriges feiert.

4465 - Bern - Bärengraben - Mating Ursus arctos
By Andrew Bossi (Own work) CC BY-SA 2.5
Zum Schluss entfacht der Berner Chansonier Mani Matter mit einem Streichholz einen Weltenbrand: I han es Zundhölzli azündt

Mehr über Zuhause: Der Fluch, der Brand, das Zuhause
Mehr über Homosexualität/Gleichstellung:
Die Enden des Regenbogens
Gold am Finger

12 Kommentare

  1. Lieber Ursus,
    herzliche Glückwünsche nach Bern! Wie du allerdings so fix die Frau Bundesrätin verbloggt hast, ist mir ein Rätsel, die hat doch erst vor anderthalb Stunden gesprochen … Lass dich ordentlich feiern – die Party geht ja noch bis morgen. Du machst bestimmt die Motorradtour mit:) Und ich überleg derweil, was ich silbern feiern könnte.
    Wink-wink: Amy

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  2. Hat dies auf Mia.Nachtschreiberin. rebloggt und kommentierte:
    Lieber Urs, meinen herzlichen Glückwunsch zur Silberhochzeit – was für ein schöner Anlass für dich und dich zu feiern, in deiner Heimatstadt, in der dir warm ums Herz wies, weil du ganze Bücher in der Bäckerei lesen kannst, bevor du dann dein Mandelbärchen bekommst, mmh, lecker …
    Ich mag deine *Erzählerstimme*, die sprachlich genial ganze RundumSchläge verteilt, einfach sehr, sehr gerne …
    Prost auf dich und deine 25,
    Mia.

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  3. Lieber Urs,
    zunächst einmal auch von mir Glückwünsche zum Silberjubiläum. Ich finde es immer wieder toll, wie Du ernsten und schweren Themen durch die Art Deiner Betrachtung Leichtigkeit gibst. Dieser Berner Dialekt treibt mir das Lächeln ins Gesicht. Um das zu verstehen, was Du da im Dialekt schreibst, muss ich es mir laut vorlesen und das allein sorgt schon für gute Laune am Sonntag Vormittag.
    Kichernde Grüße von Anne

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  4. Lieber Urs,

    auch von mir herzlichen Glückwunsch zu deinem silbernen Jubiläum! Da konntest du ja umso stolzer bei der „Pride“ in Bern mitfeiern. Ein Wermutstropfen ist natürlich, dass die Schweiz immer noch so hinterher hinkt hinsichtlich der gesetzlichen Gleichstellung für alle Geschlechter und sexuellen Orientierungen.

    Gut hineinversetzen kann ich mich in deine Heimatgefühle beim Kauf vom Mandelbärchen – nicht nur dein Gaumen, sondern auch dein Ohr verwöhnt mit Berner Identität.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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