Uferlos

Ja, es war erst ein paar Tage her, dass wir hier saßen und uns fragten, wohin wir fahren sollten. Es hätte gut gestern sein können. Oder vor einem Jahr. Kaum ein Unterschied. Man wird in die Mangel genommen, und dann fällt man zusammen. Auch die Zeit fällt zusammen. Huren fallen zusammen. Alles fällt zusammen. Fällt zusammen zu einem Tripper.
Henry Miller, Stille Tage in Clichy

50×50, Tag 25 (Halbzeit!)

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ich wurde dank staatlicher Darlehen stinkreich, sah meinen Erzeuger das letzte Mal und in der Zukunft verpassten die Zeitreisenden Ryan Gosling.
(Vortag: Null Komma Null / Folgetag: Mehr Schaum)

Arschficken

1995
Das erste Mal Sex mit einem Mann.
Ich dachte schon, mich will keiner.
Kennengelernt am „Uferlos an der Aare“, einem schwullesbischen Festival mit Workshops, Konzerten, Parties und pornographischen Performances im Dreck von den damals wildesten Berner Tunten aus DerDieDas Tuntenhaus.

Endlich Sex, aber noch blieb mein Anus jungfräulich, auch weil die Vorstellung eines Schwanzes in meinem Loch irgendwie zu schwul war, tief verinnerlicht, Arschficken sei gruusig.
Rosette hin oder her, ich lebte ohnehin in der Zukunft.
Henry Miller gleich, würde ich mich auch noch mit über 60 prächtig amüsieren in Paris.

Lieber spät, als einer dieser Mittzwanziger, die dazu neigen einem auf einer Tanzfläche in die Ohren brüllt, früher sei mehr Lametta gewesen. Das müsste doch mein Spruch sein!
Wann war für die Früher?
Durchgerockt mit 18?
Was würde da noch kommen? (Frau, Kinder, Einfamilienhaus.)

Machs besser mir nach und tanze durch.

Jetzt, die 50 eine Haaresbreite entfernt und hinter ihr lugt schon hämisch die 6 hervor, denke ich manchmal, dass es knapp werden könnte. Wann, wenn nicht jetzt? Her mit dem Motorrad und den flotten Bienen. Noch gehe ich als Hotdaddy durch, tatsächlich scheint fortgeschrittene Reife eine gewisse Anziehung auf Jüngere zu haben.
Pfannen.
Wie auch immer.
Bis jetzt war meine Deadline der Tod. Vielleicht muss ich den Abgabetermin fürs Lebenswerk vorrücken. Ich sollte mir dringend attraktivitätssteigernden Fame zulegen. Praunheim-Fame oder Bruce La Bruce-Fame?
Letzterer erinnert mich an B. Der jedes Mal, wenn ich ins Ficken3000 an seine tolle sonntägliche Party ging, sagte: “You were the first guy I met in Berlin!“
Damals, als wir zu zweit auf meinem Rad, mitten auf der Straße, die Schönhauser hinunterschlingerten und danach in meinem Zimmer in der Platte hoch über dem Alex lagen wo er mir sagte, er wolle Bruce La Bruce treffen, ob ich ihn kenne. Tat ich nicht.
Vor wenigen Jahren starb B. Er sei mit dem Fahrrad in eine Tramschiene gekommen.

Spielraum

2020
In der Gegenwart wundere ich mich über manche digitale Timeline, besonders die Bilder von allerlei Skihäschen. Dass manche Menschen den legalen Spielraum auch in einer Pandemie ausreizen, mag deren Sache sein. Dass sie aber ihre Chroniken für alle sichtbar mit Schnee- und Pistenfotos füllen, irritiert mich. Vielleicht besorgt mich die „no matter what“-Attitüde, vielleicht finde ich es unangebracht. Nicht so geschmacklos wie Selfies am Holocaust-Denkmal, aber so gedankenlos wie Kinn-, Unternase- und Garnicht-Maskenträger:innen.

Spielen Sie mit mir ein Gedankenspiel.
Stellen wir uns vor, wir seien Single. Wir müssen nicht homosexuell sein, es steigert aber die Dramatik.
Stellen wir uns vor, eine gute Freundin oder guter Freund wäre mit Kind und Kegel in den Bergen im Skiurlaub und sendete aus dem Schnee fröhliche Familienfotos in unsere Chatgruppe.
Wir dächten zuerst nicht weiter darüber nach.
Aber etwas stieße uns sauer auf. Die Bilder triggern, wie es heute heißt.
Fänden wir diese in Coronazeiten zynisch?
Wollten wir nicht sehen, wie Freund:innen sich mit ihren Kindern amüsieren?
(Und so tun als wäre nix?)
Die Sache begänne zu kochen.
Zur Beruhigung bereiteten wir einen regionalen Feldsalat zu.
Langsam kauend dämmerte es uns, dass uns die Fotos schmerzhaft daran erinnern, wie sehr die Corona-Maßnahmen, an der Grenze des Erträglichen, auf (Hetero-)Familien zugeschnitten sind. (Wer beklagt Homeschooling? Wer hat die Kinder gezeugt?)
Anstelle der Familienfotos hätten wir vielleicht die eine oder andere Solidaritätsbekundung erwartet, weil wir Regenbogensingles weitestgehend auf soziale Kontakte verzichten müssen, was in unserem Fall quasi Nullkontakt bedeutet. Weil schwules Leben überhaupt nicht stattfinden darf, bleibt uns der Zugang zur Wahlfamilie verwehrt. Verletzte uns der Mangel an Sensibilität für andere Lebensweisen?

Solcherlei Fragen tun sich also auf, über die gegenwärtigen Grenzen hinweg, vom Schnee in die Stube.
Früher hätten wir einfach die Einladung zum Diaabend nach dem Urlaub ablehnen können, heutzutage ist gegen den Feed kein Kraut gewachsen.

Maison Du Futur

2047
Yoki weint schon wieder. Diesmal, weil sie das Vorverkaufticket fürs Berghain verloren hat.
Erschwerend stellt sich heraus, dass sie nur eines für die Silvesternacht hatte, die Anderen aber erst am Neujahrstag hin wollten. Wer geht denn schon Silvester aus, bitteschön?
Max würde lieber den Zusammenschnitt aller Geburtstagskonzerte von Patti Smith anschauen, als auszugehen, es sei doch sowieso nur ein einzig Geschiebe und Gedrücke. Aber er hätte nichts gegen ein bisschen Schnee einzuwenden, ob Yoki zufällig einen Vorrat in ihrem Rektum bunkere?
„Also bitte, Max, seit wann haben Android:innen Löcher?“
Worauf Yoki an sich runterschaut, sich einen Finger in den künstlichen, aber sehr menschlich anmutenden Bauchnabel steckt und einmal dreht. Ein Schublädchen fährt heraus, ein samten eingefasstes Spiegelchen liegt darin. „Et voilà“, ruft Max und verbeugt sich, so tief es sein Rücken erlaubt, vor Yoki.

Liebe Leser:innen, we will dance again!
Bis dahin: Bleibt frohen Mutes.

Eingangszitat: Henry Miller: Stille Tage in Clichy. Rowohlt, Hamburg, 1991. S.86
(Originalausgabe erschien 1956 bei Olympa Press, Paris)

4 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    Gratulation zum Bergfest! Ich danke dir, dass ich täglich an deinen Erfahrungen teilhaben darf, da ist mir gestern-heute-morgen eher schnurz. Falls ich noch den Text poste, den ich heute Morgen schrieb, wirst du ähnliche Impulse wie in deinem Spielraum-Abschnitt finden – mit anderen Schlüssen.
    Wie gerne hätte ich deine Zuversicht! Noch einmal tanzen.
    Vielleicht stelle ich um Mitternacht Patti Smith laut und tanze barfuß, allein.
    Komm hoffnungsvoll ins neue Jahr, hugs,
    Amy

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Urs,

    deine Texte begleiten meine Tage und Rauhnächte und ich mag den Gedanken jeden Tag einen neuen Text von dir lesen zu können.
    Mein Lieblingssatz von heute : *Vielleicht muss ich den Abgabetermin fürs Lebenswerk vorrücken.*
    Vielleicht werden wir Singles mit scheinbar größerer Freiheit ausgestattet, in dem, was wir wie tun, nur von denen so gesehen die in Beziehungen stecken, aus denen sie herauswollen oder feststecken und sehen nicht, was dieses Leben, frei gewählt oder nicht, wirklich auch bedeutet.
    Liebe Grüße in dem ersten Tag des neuen Jahres,
    Sabine

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Sabine
      Schön, darf ich Dich schreibend ins neue Jahr begleiten!
      Menschen, die meistens in Beziehungen sind, können sich das Umgekehrte nur schlecht vorstellen. Und umgekehrt. Hmmmm.
      Herzlich, Urs

      Gefällt mir

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