Odyssee

Auch und vielleicht gerade heute verweist die Gesamtheit unserer Handlungshorizonte auf eine Endperspektive (Wozu? Wofür? Weshalb?), der wir keine Transzendenz entgegensetzen können. Dehsalb setzen wir ihr unsere Immanenz entgegen.
Zoran Terzić, Idiocracy

50×50, Tag 31

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ich begab mich in den Untergrund der U5 und besichtigte neue Stationen, während Max und Ben sich von einer Magieren im Bagdad Café betören ließen. Dazwischen: Klopapierneurosen.
(Vortag: Sugar Baby! / Folgetag: Bésame mucho)

Leichen im Weltall

2001
Die Odyssee durch den Weltraum findet immer noch auf der Erde und um die gleiche Sonne statt.
Statt ins tiefe All flogen Menschen in Hochhäuser.
Mit den Türmen ist wohl tatsächlich auch die Weltordnung zusammengesackt, deren Destabilisierung Ziel der Islamisten war (und ist). Aus der Asche stiegen noch mehr Terroristen und Rechtspopulisten. Während den Linken (zu denen ich mich auch zähle) heute dämmert, dass sie sich am antiamerikanischen Reflex verschluckt haben. Jegliche Kritik an dieser Religion, die wie jede Religion mörderisch ist, als islamfeindlich zu brandmarken, lähmt kritisches Denken. Übernommen haben die Nazis.
Natürlich war es richtig, gegen den Krieg, den Bush anzettelte, auf die Straße zu gehen.
Aber wir dürfen nie vergessen, dass Gras, das über die Trümmer eines Imperiums wächst, in Leichenbergen wurzelt. Eure Leichen, rufen mir Postkolonialist:innen zu. Eure Zeit ist um, stellt die alten weißen Männer endlich an die Wand und tretet ab.
Nur treten Gesellschaften (oder Zivilisationen) nie so einfach ab wie Trump, ein bisschen quengelnd bis Ruhe ist, sie ertrinken grausam in Blutbädern.

Das Spiel ist nicht aus

Darob und ob aller anderen Katastrophen (vergangene und antizipierte) könnte ich in „erhabene Verzweiflung“ (Haraway S.13 ) geraten. Soeben habe ich begonnen „Unruhig bleiben – Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän“ von Donna Haraway zu lesen. Schon auf der ersten Seite schreibt sie:

„In dringlichen Zeiten ist es für viele verlockend, der Unruhe zu begegnen, indem sie eine imaginierte Zukunft in Sicherheit bringen. (…) Unruhig zu bleiben erfordert aber gerade nicht eine Beziehung zu jenen Zeiten, die wir Zukunft nennen. Vielmehr erfordert es zu lernen, wirklich gegenwärtig zu sein.“ (Haraway S.9)

In meiner Blogserie bin ich angetreten, den Zeithorizont bis zu meinem Fünfzigsten in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufzufächern. Dabei bleibe ich mir selbst seltsam fremd, weil das Ich, das ich war, nicht das Ich ist, das ist und sein wird. Ich versuche, mögliche Fäden an hundert Dingen festzumachen, an bewohnten Wohnungen, empfundenen Empfindungen, erlittenen Leiden, gedachten Gedanken, fröhlichen Freuden, geliebten Lieben, getanzten Tänzen. Ich versuche dem Zeitstrahl der Ereignisse zu folgen, entlang Popkultur und Politik.

Woran mache ich mich fest Stein im Flussbett der Zeit umflossen mitgerissen ins Delta zu Sand gemahlen zu Strand geworden zu Beton gemischt zum Gebäude verbaut.

Deus Ex Machina

Gegenläufige Strömungen, ach, in meiner Brust.
„Klar, Schreiberling, es gibt Arterien und Venen“, ruft Max, den ich auf Zeitreise schickte, „schreib als Überleitung, dass es Dir bei der ganzen biografischen Bloggerei nicht um Selbsterkenntnis geht, weil Du Spiegeln lieber aus dem Weg gehst und vor hast, erst am Ende Deiner Tage, ‚das oder der oder die war ich also‘, zu seufzen und nicht schon jetzt ‚das oder der oder die könnte ich gewesen sein‘. Schreib einfach, um voranzukommen, dass Du dich in letzter Zeit mit dem Wir auseinander setzt, Dich nach einem Wir sehnst, nicht wie Ich und Ben in der Zukunft, mehr Wir als Zwei, und schreib doch einfach, ohne nach sprachlichen Pfauenrädern zu suchen, dass es Dich im Tiefsten Deines Wollens berührt, wenn Donna schreibt“:

Die Devise lautet: Mit-Werden statt Werden.“ (Haraway S.23)

Später bläst sie elegant das „(große Gewicht) der sogenannte(n) Selbsterkenntnis in der westlich beeinflussten Psychologie und Philosophie“ in die Lüfte. (Haraway S.31)

Haraway führt mich in ein anderes Denken, noch bin ich am Anfang, aber ihre Fadenspiele gefallen mir. Das Fadenspiel, schreibt sie, sei „ein Weitergeben von Verbindungen, die zählen; ein Geschichtenerzählen, das von Hand zu Hand geht, von Finger zu Finder, von Anschlussstelle zu Anschlussstelle – um Bedingungen zu schaffen, die auf der Erde, auf Terra, ein endliches Gedeihen ermöglichen.“ (Haraway S.20)

Also: Ums Geschichtenerzählen geht’s mir. Vielleicht ist die Erkenntnis, gerne Geschichten zu erzählen auch Selbsterkenntnis.

Maison Du Futur

2041
Max, huhu, Max, wie geht’s Dir, im Jahr 2041, 70-jährig, soll ich Dich ins Best Age zurückholen? Wie geht’s Dir mit der knackigen Projektion meiner Sehnsüchte? Bens Oberarme, uff!
Zurück in Deine Zeit? Auf gar keinen Fall! Mir gefällt es hier wunderbar, nie habe ich mich so gut im Saft gefühlt, gell Ben.
Ich seh’ schon, ihr Turteltäubchen seid frisch verliebt. Hinaus mit Euch, ins Mustang-Cabrio, California Dreaming, wälzt Euch am Zabriskie Point im Sand und nehmt mit Foucault LSD, legt Euch auf den Boden, spürt die Erosion am Werk, trauert um alles was ist, was war, was sein wird, heult mit den Koyoten den Nachtmond an und zählt die Tentakel der Spinnen, trommelt auf Euren Bäuchen und zischt die Große Schlange an.
Bald, bevor es Eine:r sehen kann, muss ich Euch wegbeamen, zurück ins Euch angestammte Land, wir wollen uns nicht Aneignung indigener Kultur und Neokolonialismus vorwerfen lassen!
Halt ein, Urs, erstens sind die Zeiten andere, hier im Jahr 2041, zweitens missbrauchen wir keinen Schamanen, um auf Ayahuasca in unsere Abgründen zu schauen, sondern LSD und das wurde in Basel entdeckt, drittens jodelten wir in den Schweizer Bergen nie, als wir auf Alpen gepflückte Psylos kauten, auch erschienen uns keine Kühe.
Mir scheint, Max, hier ginge es verdächtig oft um illegale Substanzen.
Ich gönn mir jetzt einen Whiskey, Single Malt. Schottisches Hochland.
Du Dudelsack.
How inappropriate!

Donna J. Haraway: Unruhig bleiben. Die Verwandschaft der Arten im Chthuluzän. Campus, Frankfurt a.M., 2018.

Eingangszitat:
Zoran Terzić, Idiocracy. Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten. Diaphanes, Zürich, 2020. S.184f

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    wow, so viel früher Text zum zweiten Kaffee schon, schreib weiter Geschichte, erzähle sie uns und mir auf deine Weise, denn dadurch lerne ich jeden Tag und jedes Mal etwas Neues, erweitere meinen eigenen Tellerrand und freue mich auf deine Texte … Haraway werde ich lesen, du hast mich neugierig gemacht und 2001 erinnert mich an eine Schreibaufgabe zur Geschichte: Wo warst du, als … ich saß damals ahnungslos und aufgeregt in Köln im Tattoo Laden, bekam mein erstes Tattoo und draußen fliegen sie in die Türme, beides bleibt bis heute miteinander verknüpft…
    Nachdenkliche Grüße,
    Sabine.

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