Bésame mucho

I had decided to allow no room in the universe for something which shamed and frightened me. I succeeded very well—by not looking at the universe, by not looking at myself, by remaining, in effect, in constant motion.
James Baldwin, Giovanni’s Room

50×50, Tag 32

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ich begann, Donna Haraway zu lesen und nahm ihr Fadenspiel auf. Trotz oder vielleicht wegen einstürzender Türme erkannte ich, dass Selbsterkenntnis nicht weiterführt. Max und Ben schluckten unterdessen mit Foucault LSD.
(Vortag: Odyssee / Folgetag: Futurium)

Langsam kommen

2002
2002 begann ich an der Hochschule für Gestaltung Zürich (heute Zürcher Hochschule der Künste) „Theorie der Gestaltung und Kunst“ zu studieren, kurz Kunsttheorie und hörte in einem Seminar eine Studentin googeln sagen. „Das könnten wir doch googeln“ oder sagte sie „lasst uns das googeln?“ Mein Leben war noch offline, in der WG hatten wir zwar Festnetz aber kein Internet, auf dem Computer lief Word. Ich hätte gar nicht gewusst, wonach ich suchen sollte auf diesem Internet. Wikipedia wurde gerade einjährig und für sexuelle Anregungen war die Downloadgeschwindigkeit so langsam, dass in einem Heftli blättern zielführender war.
Googeln wurde unvermeidlich, weil „etwas im Internet suchen“ umständlich ist und yahooen sich bekanntlich nicht durchsetzen konnte.

Besamungsrituale

Spoileralarm: Ab hier könnte der Text Leser:innen den Spaß verderben, die unvoreingenommen die Serie Bridgerton netflixen wollen.

Ich neige weder zu Schundromanen noch zu Jane Austen, wurde aber von der Serie Bridgerton angefixt, einem opulenten Achtteiler, der im London der Regency-Zeit spielt (genau: im Jahr 1813). In einem schwachen Moment über die Feiertage, wenn das aschenbrödelige Herz Kitsch zuneigt und nicht Arthouse, schaute ich den ersten Teil des Kostümreigens. Mutig, dachte ich nach dem ersten Auftritt der Queen, gespielt von einer Schwarzen und vor allem dem widerspenstigen Duke of Hastings, ein ebenfalls schwarzer Beau, wie überhaupt dem ziemlich gemischten Cast. How very now!
Ich sollte eines Besseren belehrt werden.

Verdacht hätte ich schon schöpfen können beim Anblick des Rehleins Daphne Bridgerton, gefragteste Debütantin der Ballsaison, deren Status aber wankt. Bald fürchtet sie, leer auszugehen, noch schlimmer, einen geifernden alten Verehrer ehelichen zu müssen.
Wie sich der Plot entwickeln wird, ist ab dem ersten Blick zwischen Duke und Daphne klar.
Was mich zum Weiterschauen verführte, war die Frage, wann der heiße Hastings seine Hüllen fallen lässt und wie das Genre durchdekliniert wird. Zuckersüß, aber auf den zweiten Schleck erschreckend reaktionär, rassistisch, antiemanzipatorisch und patriarchal. (Ansonsten widmete ich einer solchen Serie keine Zeile, sondern prahlte mit anspruchsvollen Filmen, die ich auf MUBI streame.)

Coitus interruptus

Der Duke of Hastings wurde von seinem bösen Vater verstoßen, weil er stotterte.
Am Totenbett schwört der Sohn, inzwischen zum Prachtexemplar gewachsen, dem Patriarchen, die Blutlinie ende mit ihm, er werde weder heiraten noch Kinder zeugen.
Während Daphne Bridgerton von einer Liebesheirat träumt (wir sind in der Epoche der Romantik) und reichem Kindersegen. Weil sie mit dem Schönen an ihrer Seite ihren Marktwert steigern will und er den schmachtenden Frauen ausweichen, tun sie listig so, als turtelten sie.
Damit ist die Fallhöhe erreicht.
Die Spannung steigt, weil beide noch nicht zugeben, dass sie verliebt sind und durch die Unsicherheit, ob er sie entjungfern und entehren oder heiraten und entjungfern wird.
Auf einen leidenschaftlichen nächtlichen Kuss im Garten folgt ein Duell. Daphnes Bruder hat die Turtelnden erwischt und wirft zur Verteidigung der Ehre des Jungfernhäutchens den Fehdehandschuh. Statt erschossen wird dann doch geheiratet, Kinder könne er aber keine Zeugen, beteuert der Duke. In seinem Schloss begattet er die sexuell Unaufgeklärte trotzdem, haucht ihr ins Ohr, es könne ein bisschen wehtun, das Publikum am Laptop stöhnt mit, schnell geht es stoßend zur Sache, der Rhythmus steigert sich, er stößt und stößt und stöhnt und stöhnt, gleich wird er kommeeeeeeeen– in letzter Sekunde zieht er ihn raus, spritzt aaaaab, wir sehen nicht wohin. Coitus interruptus. Die beiden behoppeln nun in zahlreichen Szenen Haus und Garten, die fickrigen Flitterwochen führen aber nicht zur Befruchtung. Also fragt das nicht mehr ganz so unschuldige Lämmlein ihre Zofe, wie die Frau zum Kind komme. Es fällt eine Samenmetapher, der Unbefruchteten dämmert es und schon sitzt sie beim nächsten Akt oben und reitet den Erguss in sich hinein. Ich dachte kurz an Boris Becker. Wäre ich ein Incel, verfluchte ich die Räuberin.
Soweit geht der Duke nicht, aber er grollt, auch dann noch, als sie menstruiert.
Nach wenigen unwichtigen Wendungen ist er geläutert und schon presst Daphne ihm einen Erben in die Welt.
Was für ein fürchterliches Befruchtungsdrama!

Macht Euch verwandt, nicht Babys! *

Die Frau, zum gebären geboren. Reaktionär inszeniert, weil die Serie vorgibt, die Konflikte patriarchal unterdrückter Frauen zu zeigen. Sie dichtet ihnen gar voremanzipatorisches Erstarken an. Die Stärken setzen sie aber nur ein, um das Ziel zu erreichen, den Männern ihrer Träume Söhne zu schenken.
Es mag sein, dass heute die eine oder andere streng behütete, nicht aufgeklärte Jungfrau zufällig diese Serie sieht und dann ahnt, dass Kinder nicht vom Storch kommen. Reaktionär an Bridgerton ist aber, dass sie keinen anderen Lebensweg aufzeigt, keine Liebe ohne Kinder, kein Leben ohne Mann. Verantwortungslos ist das, weil Millionen (wohl eher Milliarden) unterdrückter und unaufgeklärter Frauen leiden, in dieser Welt.

Weil einige People of Color im Cast sind, gaukelt die Serie Diversity vor, die meisten Rollen werden aber dennoch von Weißen gespielt. Diversity ist aber kein Farbtupfer hier und da.
Fast unerträglich stereotyp wird der Duke gezeigt. Der virile Muskelmann ist auch Boxer. Leni Riefenstahl juchzte ob der ausgekosteten inszenatorischen Möglichkeiten. Davor hätte sie ihm sicher mit einem Blick auf den Schwanz geguckt wie Daphne, als er sich vor ihr zum ersten Mal auszog (mit dem Rücken zu uns).

Schlimm am Drehbuch dieser Serie, die so wenig mit der Realität zu tun hat wie Star Trek, ist auch, dass erklärt wird, warum Schwarze in der High Society seien: Weil der König eine von ihnen geehelicht habe. Ich finde Bridgerton rassistisch, weil Schwarze Schwarze darstellen müssen und hanebüchen und geschichtsblind erklärt wird, warum sie das tun. Das ist so beängstigendend wie der Horrorfilm Get Out von Jordan Peele, wo Weiße Reiche sich schwarzer Körpern bemächtigen.

Leider ist Netflix nicht Arthouse. Bridgerton hätte sich auch an der pastelligen, sehr zeitgenössischen Marie Antoinette von Sofia Coppola orientieren können. Oder am bissigen und abgründigen The Favourite von Giorgos Lantimos. Stattdessen wurde versucht, Jane Austen nachzuäffen. Sie dreht sich im Grab.

Maison Du Futur

Duuu, Maaaax, schauen wir Moonlight?
JA!
Ben drückt einen Knopf, das Verdeck des Cabrios löst sich und gibt den Blick frei auf den Sternenhimmel in der Mojave.
Duuu, saukalt, in der Wüste.
Ben faltet die Sitze zu Liegen, wickelt Decken um sich und Max und sagt: Film ab!
Auf der Windschutzscheibe ist zuerst Werbung zu sehen, dann der Vorspann.
Max seufzt.
Fehlt nur noch Popcorn.
Popcorn!
Im Handschuhfach ploppt es.
Echt jetzt?
Soviel wir wollen!
Bier ist in der Beifahrertüre.
Die Sterne funkeln.

* Donna J. Haraway: Unruhig bleiben. Die Verwandschaft der Arten im Chthuluzän. Campus, Frankfurt a.M., 2018. S.15

Eingangzitat:
James Baldwin: Giovanni’s Room. Penguin Modern Classics, Kindle-Version, S.20.

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    auch ich habe die Serie mangels gedachter nicht vorhandener Alternativen und mich im Anschluss masslos geärgert. Ich befürchte nur die wenigsten werden wirklich erkennen, welche Menschen- und Rollenbilder uns da serviert werden… Schade, das hätte viel mehr werden können.
    Und, ich will auch ein Handschuhfach mit Popkorn …;-)
    Liebe Grüße
    Sabine.

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