Futurium

„Kultur mein Herr, das bedeutete früher, dass der Mensch dem Menschen einredete, der Mensch müsse gut sein.“
Stanisław Lem, Der futurologische Kongress

50×50, Tag 33

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ich kritisierte das rassistische und antiempanzipatorische achtteilige Begattungsdrama Bridgerton, während Max und Ben in der Wüste Moonlight schauten.
(Vortag: Bésame mucho / Folgetag: Curare *)

Jahrhundertschweiß

2003
Das neue Jahrtausend begann nicht nur mit terroristischen Superlativen: 2003 folgte der Jahrhundertsommer. Die Tage waren zuverlässig 36° Grad heiß, wir verabredeten uns Wochen im Voraus zum Grillen ohne Schlechtwetterplan und hüpften im Stundentakt in die Limmat.
Ohne Mitternachtsschwimmen war Einschlafen in meinem Dachzimmer undenkbar.
Es war auch das Jahr, als uns wie Achselhöhlenschweiß die Ahnung ins Bewusstsein tropfte, dass möglicherweise das Klima und nicht nur das Wetter uns erhitzte.

Der Mob

2021 ist auch das politische Klima am Dampfen. Das Allerheiligste der US-Demokratie wurde von Menschen überrannt, die wie Fred Feuerstein verkleidet waren oder „Arbeit macht frei“ –T-Shirts trugen. Darob empörte sich sogleich die Soziale Medienwelt und postete die immergleichen Bilder. Besonders oft ein Foto von Uniformierten, die in mehreren Reihen das Gebäude bewachen, während letztjähriger #blacklivesmatter-Proteste. Um berechtigterweise zu kritisieren, dass Schwarze, im Gegensatz zu Weißen für einen rassistischen Staat die größere Bedrohung sind.

Allerdings ist nicht die Abriegelung des Capitols das Problem, es ist der stürmende Mob.
Die Überpräsenz von Sicherheitsleuten bei den #blacklivesmatter-Protesten offenbart zwar höchste Xenophobie, hat aber auch verhindert, dass Bilder um die Welt gingen, von aufgebrachten Schwarzen, die vielleicht einen Sturmversuch hätten wagen können.

Jetzt sehen wir Bilder von marodierenden Weißen Suprematisten (und anderen Gruppierungen). Die sind schockierend, aber auch offenbarend. Deutlicher kann uns nicht vor Augen geführt werden, wohin gesellschaftliche Spaltung führt und was Irre an der Macht bewirken. Trump hatte seine Armee längst in Stellung gebracht. Ihm war immer ernst.

Sturm auf den Reichstag

Während wir entsetzt sind über die Verhältnisse in den Staaten und die Empörung hochkocht, haben wir offensichtlich schon vergessen, dass in Deutschland im August ein aufgehetzter Mob versucht hatte, den Reichstag zu stürmen. Nur zwei Tage danach pöbelten von der AfD Eingeladene im Bundestag herum.

Die Demokratie kann langfristig von keiner Polizeikohorte geschützt werden.
Sie muss dringend reformiert werden.

Freiheitliche Versuchsanordnungen statt diktatorische Laboratorien

Die repräsentative Demokratie ist zur Lobbyisten-Konferenz für Interessenvertreter superreicher Wirtschaftsmagnaten und populistischer Demagogen verkommen. Die Abwärtsspirale ist seit Aristoteles und Platon bekannt. Rundum erblühen diktatorische Laboratorien, denen wir dringend freiheitliche Versuchsanordnungen entgegen halten müssen. Wir müssen miteinander reden.

Das bedeutet, dass Wir, die Bürger:innen, stärker in die Pflicht genommen werden.
Es reicht nicht, nur zu wählen oder direktdemokratisch abzustimmen. Abstimmungen führen letztlich auch nur zur Einsicht, dass die Mehrheit irren kann. (Anstatt wirkliche Probleme anzupacken, wird ein Brexit beschlossen oder ein Minarettverbot.)
Die demokratische Entscheidungsfindung muss von Anfang an mit Bürger:innenbeteiligung geschehen. Wir können nicht mehr darauf zählen, dass eine ausgewogene Debatte in den Medien stattfindet, an Stammtischen geführt wird oder auf dem Dorfplatz. Das funktioniert in Zeiten von Social Media nicht mehr. Die Blasen in denen wir leben, müssen platzen.
Ein Querschnitt der Bevölkerung muss an einen Tisch gebracht werden, in immer neuen Formationen. Der Einwand, dafür keine Zeit zu haben, ist nicht berechtigt. Wir haben mehr Freizeit als jede Generation vor uns. Natürlich muss die Arbeit am Gemeinwohl entschädigt werden. Arbeitnehmer:innen erhalten dafür freie, bezahlte Tage. Zum gesetzlichem Urlaub kommt jährlich mindestens eine Woche Demokratiearbeit dazu. (Selbständige erhalten entsprechenden Ausgleich.)

Psychemie

In Stanisław Lems Buch „Der futurologische Kongress“ besucht der Weltraumfahrer Ijon Tichy ebendiese Veranstaltung. Lem schildert in fantastischer Sprache, mit absurdem Wortwitz und viel Gespür fürs Schräge, eine Farce in einem autoritären Staat. Die Kongressteilnehmer geraten in Scharmützel zwischen der Militärregierung und Rebellen. Tichy erlebt unter Einfluss von Drogen eine Höllentour bis in die Kanalisation, wird schwer verletzt eingefroren und erwacht im Jahr 2039.
In dieser Zeit leben die Menschen alle unter Einfluss von ‚Psychemikalien‘.
Für jeden Seinszustand gibt es eine Pille. Ein häufiges Verbrechen in dieser Zeit ist das ‚Mindnapping‚: „Durch ein entsprechendes Fertigpräparat wird das Opfer in eine fiktive Umwelt eingeführt. Es weiß nicht, dass es mit der Wirklichkeit keine Fühlung mehr hat.“ (Lem, S.86)

Tichy merkt bald, dass etwas nicht stimmt, unter dem schönen Schein der ‚Psychemie‘. Heute würde man dazu Glitches sagen, kleine Ungereimtheiten, Verpixelungen, oder eigenwillig gewellte oder gefaltete Straßen auf Google-Earth.
Ein Professor klärt ihn auf. Die Menschen nähmen keine Halluzinogene mehr, weil diese die Welt „verwirren und verschleiern“. Ebenfalls keine Narkotika, die „trennen den Menschen nicht von der Welt: die verändern nur sein Verhältnis zu ihr.“
„Die Maskone aber – die fälschen die Welt!“ (Lem, S.107)
Das funktioniert so:
„Bei Eintritt ins Gehirn vermögen entsprechend synthetisierte Maskone jedes beliebige Obket der Außenwelt so geschickt durch Scheinbilder zu verhüllen, dass die chemaskierte Person nicht weiß, was an dem Wahrgenommenen echt und was vorgetäuscht ist.“ (Lem, S.107f)

Und spricht darauf den Satz, den wir heute wohl auch alle sprechen könnten:

„Freund, wenn Sie einen Blick auf die Welt würfen, die uns wirklich umgibt, nicht auf diese durch Chemaskierung geschminkte – Sie wären entgeistert!“ (Lem, S.108)

Und das ist er auch, als er ein ‚Wachpulver‘ schluckt. Ihm offenbart sich ein Purgatorium Dantescher Ausmaße.

Ohne auf die seit Jahrhunderten gängigen, analogen Möglichkeiten der Weltenflucht einzugehen, sei zum Schluss auf die Digitalisierung verwiesen. Virtuelle Realität verbreitet sich. Es ist nur eine Frage der Rechenleistung und der Herstellungskosten, bis wir, zuerst nur für wenige Stunden, dann immer länger und länger und länger in den Schlösser und an den Stränden verweilen werden.

Heute geschlossen wegen Inventur: Maison Du Futur

Weil oben genug Zukunft war, stellen wir uns vor, wie Max Ben Lem vorliest.

Stanisław Lem: Der futurologische Kongress. Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1979. (Original aus dem Jahr 1972)
Eingangszitat: S.93

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    Schild am Capitol/ Reichstag:
    Wegen Inventur und dringender Renovierungsarbeiten ist die Demokratie gerade vorübergehend und mit Ansage, die ganze Welt schaut seit vier Jahren zu – *Ihm war immer ernst* -. geschlossen. Wir arbeiten auf Hochtouren an den Änderungen, fragt sich nur, wer, wie und warum?
    Nachdenkliche Grüße,
    Sabine
    P.s.: Lem gönne ich mir am Wochenende!

    Gefällt 1 Person

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